Fürst respektiert Kretschmanns Entscheidung

Die Entscheidung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, keine Gedenkstätte in der Stuttgarter Villa von Eugen Bolz einzurichten, hat der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst mit Respekt aufgenommen. Mit einem Kommentar von Raimund Waible: Gute Alternative.

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Die Villa Bolz.  Foto: 

Fürst zählt zu den prominenten Befürwortern eines solchen Erinnerungsorts. Der Bischof begrüßte auch den Plan von Kretschmann, den Neubau des Staatsministeriums neben der Villa Reitzenstein nach Bolz zu benennen. Dies lasse leichter akzeptieren, dass die Villa selbst als "genuiner Ort des Wirkens und Leidens von Eugen Bolz" nicht erhalten werde.

In der vom Abriss bedrohten Villa im Stuttgarter Norden lebte der einstige württembergische Staatspräsident Bolz von 1932 bis zu seiner Verhaftung 1944. Bolz zählte zur Widerstandsbewegung um Carl Friedrich Goerdeler gegen das Hitler-Regime. Er ist der ranghöchste Repräsentant der Weimarer Republik und des Staates Württemberg, der von der NS-Diktatur hingerichtet wurde.

Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn äußerte Verständnis dafür, dass sich das Land gegen einen Erwerb des ehemaligen Wohnhauses ausgesprochen hat. Ein Regierungsgebäude nach Bolz zu benennen und eine Dauerausstellung einzurichten, nennt Kuhn eine "sehr gute und zugleich sinnvolle Lösung".

Der Geschäftsführer des Schwäbischen Heimatbundes, Bernd Langner, hält Kretschmanns Entscheidung für "bedauerlich, aber nachvollziehbar". Bei fehlender "Denkmalwertigkeit" des Gebäudes sei es sinnvoll, an die Sache anders heranzugehen. Altministerpräsident Erwin Teufel, ebenfalls engagierter Befürworter einer Gedenkstätte in der Bolz-Villa, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Kommentar von Raimund Waible: Gute Alternative

Schon harter Tobak, dem Ministerpräsidenten vorzuwerfen, er sei geschichtsvergessen. Das hat der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Sven Kaufmann in einer ersten Reaktion auf die Entscheidung Kretschmanns getan, in der Bolz-Villa keine Gedenkstätte einzurichten. Wer Kretschmann kennt, weiß, dass er eine solche Entscheidung nicht leichtfertig und nicht ohne gute Gründe fällt.

Kretschmann hat sein Urteil mit der mangelnden historischen Authentizität des Bolz-Hauses begründet. Es ist vielfach umgebaut worden, originales Mobiliar ist nicht mehr vorhanden. Auch die Kosten sind Argumente gegen den Erwerb des Gebäudes. Allein für den Kauf war eine Summe von 4,5 Millionen Euro im Gespräch. In den Ausbau zur Gedenkstätte hätte das Land sicherlich noch einmal eine Million investieren müssen. Das wäre schwer zu rechtfertigen gewesen. Überdies ist das Haus so abgelegen, dass sich dort voraussichtlich nur wenige Besucher verloren hätten.

Den neuen Anbau in der Villa Reitzenstein, in der Bolz einst als Staatspräsident residierte, nach dem Widerstandskämpfer zu benennen und im Besucherzentrum eine Bolz-Ausstellung einzurichten, ist eine gute Alternative zu den Gedenkstätten-Plänen. Es ist damit zu rechnen, dass in diese Ausstellung Besucher kommen, die von Bolz bisher noch nie etwas gehört haben. So ist die Ausstellung geeignet, das Wissen um den Nazi-Gegner besser zu verbreiten.

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