Finanziert, aber nicht im Plan

Die Planungen für die Verlängerung der S-Bahn von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen sind in vollem Gange. Die Finanzierung ist mittlerweile gesichert. Allerdings fällt der Startschuss später als gedacht.

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Die S 2 soll im 30-Minuten-Takt über den Flughafen und Filderstadt hinaus bis nach Neuhausen fahren. Auf der Verlängerungsstrecke, die teils eingleisig verlaufen wird, sollen täglich bis zu 7000 Menschen verkehren.  Foto: 

In rund zehn Minuten sollen die Menschen in Neuhausen einmal an den Flughafen gelangen. Ganz bequem in der S-Bahn, ohne umzusteigen. Diese Vision nimmt immer mehr Gestalt an, die Realisierung der Verlängerung der S-Bahnlinie 2 (stoppt auch am Flughafen) von Filderstadt-Bernhausen über Sielmingen bis nach Neuhausen hat nach einer Talsohle wieder Auftrieb erhalten. Das liegt vor allem daran, dass die Finanzierung des Projekts mit geplanten Kosten von 125 Millionen Euro mittlerweile auf wesentlich stabileren Beinen als noch vor einem Jahr steht.

Im Herbst hatte der Bund sein Förderprogramm für den Ausbau des Schienennahverkehrs nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz überraschend verlängert. 60 Prozent der Kosten wird er demnach stemmen. Das Land schießt weitere 20 Prozent zu. Der Großteil ist also gedeckt, die restlichen 20 Prozent teilen sich die kommunalen Partner, also der Kreis Esslingen, die Städte Filderstadt und Neuhausen sowie der Verband Region Stuttgart (VRS) als Auftraggeber des Ganzen.

Mit Blick darauf, dass reichlich Zuschüsse fließen werden, sei es Ende 2014 richtig gewesen, das Projekt weiterzuverfolgen, sagte VRS-Direktor Jürgen Wurmthaler am Mittwoch bei einer Pressekonferenz im Depot der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB). Das Unternehmen soll die Verlängerung realisieren, seine Planer arbeiteten seit gut einem Jahr an der Umsetzung.

Dennoch steht fest, dass der zuletzt anvisierte Zeitplan nicht gehalten werden kann. Demnach sollte Mitte 2017 der Grundsatzbeschluss in den Gremien gefällt und bis Anfang 2021 sollte die Bahn gen Neuhausen aufs Gleis gesetzt werden. Nach derzeitigem Stand wird nun über den eigentlichen Bau erst Mitte 2018 befunden, was den Start der Bahn auf das Fahrplanjahr 2021/22 hinauszögern wird. Man sei nicht glücklich darüber, doch nun gelte "Gründlichkeit vor Geschwindigkeit", sagte Wurmthaler.

Die Verzögerung hat laut SSB zwei Gründe. Zum einen wollen sich die Planer sechs Monate mehr Zeit geben, um die Förderanträge vorzubereiten und ganz genau sagen zu können, wer was bezahlen muss. Es müsse penibel darauf geachtet werden, dass bei der Antragstellung alle Maßnahmen enthalten seien, sagte der Technische Vorstand der SSB, Wolfgang Arnold. Grund: Bei Nachträgen würden nur noch 60 Prozent des Volumens als förderfähig anerkannt. Das wolle man im Sinne der kommunalen Partner verhindern.

Zum anderen sollen die Bürger der Anrainerkommunen erneut informiert werden. Arnold: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass man Partizipationsprozesse bei Infrastrukturmaßnahmen sauber durchführen muss." Mit kritischen Stimmen ist zu rechnen: Während die Kommunalverwaltungen vor allem die Chancen einer S-Bahn-Anbindung sehen, befürchten die direkten Anwohner Nachteile durch die Nähe zur Trasse - die SSB will unter anderem mit Lärmschutzwänden arbeiten.

Gibt die politische Ebene grünes Licht, könnte mit dem Bau im Herbst 2018 begonnen werden. Dreieinhalb Jahre sind angesetzt. Arnold betonte, dass die Inbetriebnahme eng an das Bahnprojekt S 21 gekoppelt sei: Nur in Verbindung mit dem neuen Filderbahnhof und der Verlängerung der Stadtbahn U 6 vom Fasanenhof zum Flughafen ergebe die Verlängerung der S 2 Sinn, nur dann stimme der Kosten-Nutzen-Faktor. Ziel sei ja, auf der Filderebene neue Möglichkeiten in Sachen ÖPNV zu ermöglichen. Davon hänge die Förderung ab. Und nur so ließen sich die 125 Millionen Euro für die nur knapp vier Kilometer lange Strecke von Bern- nach Neuhausen rechtfertigen, so Arnold.

Immerhin: Erneute Kostensteigerungen in großem Umfang, wie es sie schon einmal gab, erwarte er nicht, versicherte Arnold. Die Regionalräte werden auch nichts anderes gelten lassen, wie Arnold nachmittags im Verkehrsausschuss erfuhr (siehe Infobox).

Regionalräte monieren Verzögerung und fordern dafür Kostensicherheit

Kritik Auf die Nachricht, dass sich die S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen um mehrere Monate verzögern wird, reagierten die Regionalräte im Verkehrsausschuss gestern mit Kritik. Rainer Ganske (CDU) sagte, er habe den Eindruck, das Projekt werde stiefmütterlich behandelt, seit die Finanzierung gesichert sei. "Da ist Druck aus dem Kessel." Man habe die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), nicht die Bahn, beauftragt, in der Überzeugung, es gehe dann schneller. Jetzt dauere es sogar drei Jahre länger als am Anfang mal geplant. "Die Verzögerung ist für uns nicht nachvollziehbar."

Forderung Eva Mannhardt (Grüne) signalisierte Verständnis, verband dieses aber mit einer Forderung: "Jeder will es schnell. Uns ist eine saubere Planung lieber, dafür ohne Kostensteigerung." Harald Raß (SPD) stieß ins selbe Horn: Ihm sei das Prinzip "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" auch lieber. "So bekommen wir bei den Kosten Sicherheit."

Appell Frank Buß (Freie Wähler) appellierte an die SSB, das Verfahren doch zu beschleunigen und zudem die Weiterführung der Bahn von Neuhausen nach Wendlingen nicht aus den Augen zu verlieren. Im Sinne einer Reduzierung des Autoverkehrs wäre das "der große Durchbruch". Auch Armin Serwani (FDP) pochte darauf, aufs Gas zu treten. Man solle vor S 21 in Betrieb gehen.

Reaktion Der SSB-Vorstand Wolfgang Arnold verteidigte den neuen Zeitrahmen im Gremium. Die Vorbereitung solcher Verfahren laufe heutzutage in "enormen Dimensionen ab". Man arbeite mit Hochdruck an dem Projekt.

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Kommentare

21.01.2016 23:52 Uhr

S21 als verkehrspolitische Allzweckwaffe

Für was dieses schizophrene Bahnprojekt alles herhalten muss? Frei nach dem Technikvorstand der SSB und fanatischen S21-Verfechter, Wolfgang Arnold, wohl für jede Schienenschwelle und jeden Gleisnagel, der irgendwo im Raum Stuttgart ins Schotterbett geschlagen werden muss.

Die Menschen aus der Region wollen ein vom übrigen Bahnfern- und Regionalverkehr getrenntes und unabhängiges S-Bahn-System, das sie schnell und zuverlässig an ihren Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz und nicht zum Flughafen bringt. Gerade diese Prämisse ist aber dank des Planungsmurkses der Bahn und dem angesagten Mischverkehr auf der Filderstrecke nicht gegeben.

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