Eine Win-win-win-win-Situation

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    Udo Bessel erblindete mit 25. Hund Athos hilft ihm im Alltag. Foto: 
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Wie der Herr, so‘s G‘scherr, sagt man. Bei Claudia Schreiber und Athos stimmt die Haarfarbe nahezu exakt überein. Ihr blonder Bob und das Fell des Labrador-Rüden schimmern honigfarben in der Herbstsonne, während sie durch Stuttgart-Neugereut spazieren. Sie strahlt, er wedelt mit dem Schwanz. Ein Top-Team, dabei ist Claudia Schreiber gar nicht die Halterin des knapp achtjährigen Hundes.

Athos ist ein Blindenhund. Seit sechs Jahren ist er an der Seite von Udo Bessel. Der heute 52-Jährige hat mit 25 Jahren durch eine bakterielle Infektion sein Augenlicht verloren. Athos kann 50 Kommandos. „Nach Hause“, „links“, „rechts“. Der Vier- ermöglicht dem Zweibeiner so vieles, aber der kann durch seine Behinderung dem Hund nicht alles geben. „Wir gehen oft die gleichen Wege. Dort, wo ich mich zu 100 Prozent auskenne, ist es sicherer“, sagt Udo Bessel. Um den treuen Freund besser auszulasten, kommt Claudia Schreiber ins Spiel. Sie ist eine „Silberpfote“.

Aus der Not entstanden

Seit September 2014 gibt es das Projekt des Tierschutzvereins Stuttgart. Entstanden ist es seinerzeit aus reiner Not. „Wir hatten hier im Tierheim immer mehr Tiere, die die Halter altersbedingt oder wegen Handicaps abgeben mussten“, erklärt Marcel Yousef, der Initiator. Er erlebte viele tränenreiche Abschiede. Dabei weiß er: „Das Tier ist oft der letzte Bezug und emotionale Halt, ein Partnerersatz.“

Die freiwilligen „Silberpfoten“ ermöglichen Alten oder Kranken, ihr Tier zu behalten, indem sie Gassi gehen, Tierarztfahrten übernehmen, Futter vorbeibringen oder auch Kleinigkeiten erledigen. Marcel Yousef erzählt von einer Frau mit Gicht, die ihre langhaarige Maine-Coon-Katze nicht mehr allein striegeln konnte. Heute erst hat er zwei Meerschweinchen abgeholt und zum Veterinär gebracht. Deren Halterin hat seit sieben Jahren ihr Haus nicht verlassen. Nach Marcel Yousefs Aussage ist „Silberpfoten“ einzigartig.

Dafür gab es jüngst den ersten Platz beim Deutschen Tierschutzpreis, dotiert mit 3000 Euro. „Das Projekt ist aus Tierschutzsicht, aber auch mit Blick auf den demografischen Wandel der Gesellschaft und der Lebensverhältnisse vorbildhaft“, hieß es in der Begründung. Tatsächlich ist die Nachbarschaftshilfe eine Win-win-win-win-Situation. Das Tierheim quillt nicht über, die Halter müssen nicht Abschied nehmen, Hund oder Katze bleiben in der gewohnten Umgebung und werden besser umsorgt und – wie Athos – gefordert.

650 Ehrenamtliche

Mit Claudia Schreiber kommt er herum. Blindengeschirr heißt für den Hund: bei der Sache sein. Bei der 28-Jährigen ist er an der Leine und kann die Nase schweifen lassen. Das tue dem Hund gut, „und ich kann mich in der Zeit auch mal anderen Dingen widmen“, sagt Udo Bessel. Auch für Claudia Schreiber hat das Aufstehen am Samstagmorgen einen Mehrwert. „Ich hätte sehr gern einen eigenen Hund, aber mit einem Vollzeitjob geht das nicht.“

 650 Ehrenamtliche sind im „Silberpfoten“-Pool. Athos etwa hatte bereits zehn Gassigeher in drei Jahren, immer einige parallel. Abgedeckt wird Stuttgart, aber immer häufiger geht es auch über die Stadtgrenzen hinaus. „Da sind wir viel zu schwach aufgestellt“, sagt Marcel Yousef. Aktuell koordiniere er 63 Fälle, pro Monat kämen zwei bis drei hinzu. Potenzial ist da: In Stuttgart sind allein 14 375 Hunde gemeldet. Manchmal sind den „Silberpfoten“ aber auch Grenzen gesetzt. Bei psychischen Erkrankungen der Halter oder Demenz muss Marcel Yousef abwinken, auch passe nicht jedes Tier zu jedem Ehrenamtlichen. Erstbesuche geben Aufschluss, „bei einem Rottweiler gehe ich erst mal mit. Manche Ehrenamtliche übernehmen sich“, sagt der 38-Jährige. Versichert seien die Freiwilligen im Zweifelsfall über den Tierschutzverein, passiert sei noch nie etwas.

 Athos jedenfalls ist ein Traumhund. Einen kläffenden Zwergschnauzer straft er mit Nichtbeachtung. „Auf Rangeleien lässt er sich nicht ein“, weiß Claudia Schreiber. Zudem hört er aufs Wort. Apportieren und Leckerlis suchen hat er beim Teilzeit-Frauchen gelernt, auch beim Joggen war er schon dabei. Claudia Schreiber lächelt wieder und fängt Athos‘ Hundeblick ein. „Für mich sind das auch Erfolgserlebnisse.“

1837 wurde auf Initiative von Albert Knapp, eines Pfarrers an der Leonhardtskirche in Stuttgart, ein „Verein zur Verhinderung der Tierquälerei“ gegründet. Nach Angaben des heutigen Tierschutzvereins Stuttgart ist dies die älteste Initiative dieser Art in Europa. Der Klub hat mehr als 2000 Mitglieder und unterhält seit 1916 ein Tierheim im Stadtteil Botnang. Laut der Leiterin Marion Wünn halten sich dort stets zwischen 500 und 800 Tiere auf.

Neben den „Silberpfoten“ treibt der Tierschutzverein andere Projekte voran. So werden in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und der Caritas Taubeneier an mehreren Stellen in der Stadt durch Attrappen ausgetauscht. Der Stuttgarter Klub finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden, Paten- und Erbschaften. car

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