Ein Toter auf dem Skateboard

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Herr de Lamper hat es nach eigenem Bekunden nicht so mit Friedhöfen. Der gebürtige Belgier ist viele Jahre Stuttgarter und seit 14 Jahren beim Heidelberger Institut für Plastination registrierter Körperspender. Der 67-Jährige sieht seine letzte Ruhestätte nicht in irgendeinem Reihengrab, sondern unter Plexiglas auf einem Ausstellungspodest in irgendeiner Pose.

Henk, so sein Vorname, versichert, möglichst lange leben zu wollen. Vielleicht sind er und seine fünf Jahre ältere Frau Ilona gemeinsam bei der nächsten Schau in Stuttgart dabei – so in zehn, zwanzig oder mehr Jahren. Die Vorstellung schreckt die beiden nicht, als präparierte Leichen Teil einer Wanderausstellung zu werden. Im Gegenteil.

Die Veranstalter der Gunther von Hagens Körperweltenschau, die am heutigen Mittwoch in der Schleyer-Halle eröffnet wird, haben das Ehepaar zur Pressevorstellung eingeladen. Die beiden Rentner sitzen in der ersten Reihe und sind der lebende Beweis, dass es sie gibt, die Körperspender. Weltweit sollen es rund 16 500 sein. Unter ihnen sind 1660 Baden-Württemberger, 70 mehr als Bayern.

De Lamper muss nicht lange überredet werden, frei über seine beabsichtigte Körperspende zu reden, was nicht wenige nach wie vor pietätlos nennen. Der ehemalige Hausmeister hat 1998 ein Buch geschrieben, dem der als Katholik Getaufte den Titel gab „Lebenshilfen für fröhliche Atheisten“.

Die Medizinerin Angelina Whalley ist die zweite Frau von Gunther von Hagens und Kuratorin der Köperweltenschau, die sie dem „Zyklus des Lebens“ gewidmet hat. Um es kurz zu umreißen: Zum Beginn des Rundgangs sind präparierte Föten und eine schwangere Frau (mit geöffnetem Bauchraum) zu besichtigen. Am Ende des Rundgangs ist Sterben das Thema. Dazwischen reihen sich um die 200 Exponate, darunter 20 Ganzkörperplastinate, wie jenes mit dem Skateboard-Fahrer.

Die Kuratorin sieht ihre Schau ebenfalls als eine Art Lebenshilfe. Die Exponate sind umrahmt mit vielen guten Ratschlägen zu einer gesunden Lebensführung. Die Besucher erfahren, wie schlecht Zucker für den Körper ist, oder auch, dass guter Sex im Alter das Leben um bis zu acht Jahre verlängern kann. Ärztin Whalley sagt, eine Befragung von Besuchern Monate nach einer Ausstellung habe ergeben, dass die Botschaft ankomme. 30 Prozent der Befragten versicherten, sich gesünder zu ernähren. Ein Viertel sagte, sie trieben mehr Sport. Jeder zehnte Befragte gab an, mit dem Rauchen aufgehört zu haben oder zumindest weniger zu qualmen.

Franz Josef Wetz lehrt an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd und liefert in der Präsentation die ethischen Aspekte zur Ausstellung. Der Professor für Philosophie verteidigt mit engagierter Rede die Zuschaustellung von Leichen, als stünde er vor einer modernen Inquisition. Er sagt, dies sei „keine Ausstellung über den Tod, sondern eine Ausstellung über das Leben.“ Die Besucher schauten „in fremde Körper, um ihren eigenen neu zu entdecken“. Das Leben werde „an Toten dargestellt“.

181 Tage geöffnet

Die Polemik mancher Kirchenvertreter könne er nicht nachvollziehen – insbesondere nicht die Kritik, die Zurschaustellung verstoße gegen „die Achtung des Körpers“. Wetz hält dagegen und fragt, ob als Leiche von Würmern gefressen oder verbrannt zu werden, eine höhere Achtung des Lebens sei? Die Kritik gäbe es  nur in Deutschland. In Italien habe die katholische Kirche sogar positiv auf die Körperwelten reagiert. 43 Millionen Menschen haben sich die Schau weltweit angesehen. Das Besucherverhalten sei immer positiv gewesen, versichert der Professor.

Die Körperweltenausstellung vor 13 Jahren, damals ebenfalls in der Schleyer-Halle, hat Besucherrekorde gebrochen. Die Öffnungszeit war auf 24 Stunden ausgeweitet worden, um den Andrang zu bewältigen. Die Veranstalter rechnen nicht mit gleicher Resonanz, dennoch mit einer guten Auslastung während der kommenden 181 Öffnungstage. Besonders geworben wird in den Schulen, auf dass möglichst viele Biologielehrer oder auch Religionslehrer ihre Klassen nach Stuttgart in die Körperwelten führen.

Die Ausstellung in der Schleyer-Halle (www.koerperwelten.com) läuft bis zum 20. Mai 2017. Sie ist von Montag bis Freitag zwischen 9 und 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 19 Euro, Schüler 13 (im Klassenverband 9 Euro) und Studierende 19 Euro. Neben der Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm. Dazu gehört ein Blutspendetag (30. Januar) und ein Blindentag (21. Februar). uro

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