Ein neues Kind für Familie Heim

Mehr als 200 unbegleitete minderjährige Migranten sind in den vergangenen Monaten in den Kreis Böblingen gekommen. Für 35 fanden sich passende Pflegeeltern. Einer von ihnen ist der 15-jährige Ersan.

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Morgens Schule, mittags Hausaufgaben. Danach hat der 15-jährige Ersan Zeit für seine neue Leidenschaft: Fußball.  Foto: 

Inzwischen scheint Ersan (alle Namen geändert) in seinem neuen Zuhause angekommen zu sein. Ein befreiendes "Ja" ist seine Antwort auf die Frage, ob er sich hier wohl fühlt. Hier, das ist ein schmuckes Reihenhaus in einem kleinen Ort im Landkreis Böblingen. Das Wohnzimmer sieht behaglich aus, der Esstisch ist so blank gewienert, dass man sich darin spiegelt. Dort ist da, wo Ersan herkommt. Im August vergangenen Jahres machte er sich von Afghanistan aus auf den Weg nach Deutschland.

Mehr als 200 unbegleitete minderjährige Ausländer sind in den vergangenen Monaten von Erstaufnahmestellen dem Landkreis Böblingen zugewiesen worden. Die meisten der 15- bis 17-Jährigen stammen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Der größte Teil ist in Wohngruppen oder pädagogisch betreuten Wohngemeinschaften untergebracht. 35 Jugendliche konnte das Jugendamt in Gastfamilien vermitteln. Ersan ist einer von ihnen.

Wochenlang war der 15-Jährige aus Kabul auf der Flucht - über Pakistan, Iran und die Türkei. Endgültig ließ er seine Kindheit hinter sich, als Schleuser ihn und seine Schicksalsgefährten mit Maschinenpistolen in ein überfülltes Schlauchboot trieben, das später im Mittelmeer kenterte. Seine Schwimmweste hielt ihn und zwei Frauen mit Kindern, die sich an ihn klammerten, über Wasser, bis ein Rettungsschiff sie aufnahm. Manchmal fällt es Ersan noch schwer, die traumatischen Erlebnisse in flüssige deutsche Sätze zu packen. Gelegentlich gerät er ins Stocken. Dann müssen ihm seine Pflegeeltern Klaus und Carola Heim beispringen.

Die Heims sind viel herumgekommen, das hat sie weltoffen gemacht. Als die Flüchtlinge kamen, wollten sie nicht als Zuschauer auf der Seite stehen. Die eigenen Kinder waren aus dem Haus. Platz war also vorhanden, und so reagierten sie auf den Hilferuf des Jugendamtes in Böblingen, das händeringend nach Gastfamilien Ausschau hielt.

"Bei uns ist es eigentlich wie immer, nur dass jetzt ein Mensch mehr im Haus lebt", sagt Carola Heim. Doch bis sie Ersan am heimischen Esstisch mit original-afghanischen Hackfleischbällchen willkommen heißen konnte, sollte es ein Weilchen dauern. Zunächst schaute das Jugendamt sich in den vier Wänden der Heims um, dann stand ein Vorbereitungskurs für die Gastfamilien auf dem Programm.

Im November kam schließlich der große Tag. Mit einem Foto und den Personalien ihres zukünftigen Sprösslings in der Tasche machten sich Carola und Klaus Heim auf den Weg in Richtung Freiburg, wo Ersan in der Landeserstaufnahmestelle auf seine Ersatzeltern wartete. Eine merkwürdige Situation sei es gewesen, erinnert sich Klaus Heim. "Niemand wollte von uns etwas wissen, niemand fragte uns nach unseren Ausweispapieren. Wir packten Ersan ins Auto und fuhren zurück."

Und Ersan? "In Freiburg hatte ich furchtbares Heimweh", erzählt er. "Ich dachte nur noch an meine Familie in Afghanistan." Dort hatte er vier Geschwister und seine Mutter zurückgelassen, die um das Leben ihres ältesten Sohnes bangte, nachdem der Vater in den politischen Wirren ums Leben gekommen war. In ihrer Verzweiflung überredete die Mutter ihn zur Flucht in ein neues Leben.

Feste Strukturen und eine liebevolle Umgebung machen die Verluste für Ersan erträglicher. Morgens ist Schulunterricht an der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule, nachmittags sind Hausaufgaben angesagt, und dann ist da noch der Fußball, die neue große Leidenschaft von Ersan. Keine Trainingseinheit lässt der 15-Jährige ausfallen. "Ich möchte ein richtig guter Fußballspieler werden," sagt er mit leuchtenden Augen.

Den nötigen Ehrgeiz bringt er mit, das beweist schon die Tatsache, wie schnell er sich hiesigen Gepflogenheiten anpasst. Er lernte mit Messer und Gabel statt mit der Hand zu essen, in einem Bett statt auf dem Boden zu schlafen. "Ersan musste sich viel mehr umstellen als wir", sagt Carola Heim. Gut, Schweinefleisch ist seit der Ankunft des Jungen tabu. Dafür gibt es jetzt einen Gebetsteppich und einen Koran im Haus, denn "wenn wir schon ein muslimisches Kind haben, dann soll es auch seinen Glauben leben können", sagt Carola Heim.

Betreuung ist gesetzlich fixiert

Anspruch Minderjährige Ausländer, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, unterliegen dem deutschen Kinder- und Jugendhilferecht sowie dem "Haager Minderjährigen Schutzabkommen". Sie haben Anspruch auf Betreuung und Förderung wie jeder deutsche Jugendliche. Per richterlichem Beschluss wird jedem minderjährigen Ausländer ein Vormund zur Seite gestellt. Meist übernimmt ein Mitarbeiter des Jugendamtes die Vormundschaft. Er gilt somit als der rechtliche Vertreter des Jugendlichen und hat das Aufenthaltsbestimmungs- und das Erziehungsrecht.

Duldung Bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres leben die meisten minderjährigen Ausländer mit einer Duldung in Deutschland; das bedeutet, dass sie nicht abgeschoben werden können. Zu diesem Zeitpunkt bereits kann der Vormund einen Asylantrag für sein Mündel stellen.

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Kommentare

27.03.2016 14:42 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Antwort auf „Integration?”””

Es gibt eine Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft, häufig ältere Männer, die meinen, sie wären im Leben immer zu kurz gekommen und die es sich bequem in ihrer selbstgewählten Opferrolle eingerichtet haben.
Von dort aus motzen sie, in der Regel materiell recht gut versorgt, in in ihrer griesgrämigen-beleidigten Bösartigkeit gegen alles und jeden, vor allem gegen Menschen, die sich um andere kümmern.Das können sie halt besonders schlecht vertragen, weil -ist ja klar- sie selber es ja viel, viel, viel, viel schwerer haben, die "armen Opfer".
Und natürlich hetzen und treten sie auch gegen vermeintlich Schwächere, die ihnen als Sündenbock dienen nach dem Motto "nach unten treten, nach oben kuschen."

Wenn diese Gestalten nicht so boshaft und abstoßend wären, könnte man mit ihnen Mitleid haben.

Als schwacher Trost bleibt, dass sich diese Menschen mit ihren Gehässigkeiten wenigstens auch das eigene Leben unerträglich machen.
Wie heißt es doch so schön, wenn auch etwas "herzhaft": "aus einem verdrießten Arsch kommt kein fröhlicher Furz"

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27.03.2016 11:29 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Integration?””

Schon bemerkenswert, dass bereits die normale Rücksichtnahme auf andere bestimmte Leute schrecklich provoziert!

Weder lesen die Gasteltern selbst im Koran noch beten sie auf dem Gebetsteppich. Sie haben lediglich dafür gesorgt, dass ein muslimisches Flüchtlingskind in einer völlig fremden Umgebung diese Gegenstände zur Verfügung hat.

Was genau läuft eigentlich falsch bei Menschen, die schon damit ein Problem haben?

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27.03.2016 08:02 Uhr

Antwort auf „Integration?”

Das kann nur ein erster Schritt sein. Ich erwarte von Klaus & Carola auch konsequent sich Weihnachten und Ostern zu verweigern, eine erfolgreiche Integration kann sonst nicht gelingen. Ich hätte da auch noch andere Vorschläge aber das würde das Zeichen-Limit hier sprengen.

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26.03.2016 07:42 Uhr

Integration?

Wie schön zu hören, daß sich die Gasteltern mit Gebetsteppich, Koran und dem Verzicht auf Schweinefleisch so wunderbar haben integrieren lassen.

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