Echte Fernsehturm-Fans trotzen dem Wetter

Mit über 100 km/h brauste der Sturm am Samstag über den Fernsehturm, gestern war es wolkig-verhangen. Bis Sonntagabend kamen dennoch rund 3800 Besucher zur Premiere. Der SWR zeigte sich zufrieden.

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  • Hier gibt's Tickets: Am ersten Tag der Wiedereröffnung kamen 2315 Besucher in den Turm. Fotos: Helmut Ulrich/Raimund Weible 1/2
    Hier gibt's Tickets: Am ersten Tag der Wiedereröffnung kamen 2315 Besucher in den Turm. Fotos: Helmut Ulrich/Raimund Weible Foto: 
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    Hardcore-Fan Karl-Heinz Wilhelm. Foto: 
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Die Kanzel glänzte silberfarben in der Morgensonne. Etwa 30 Menschen scharten sich vor dem Einlass des Fernsehturms in einer Reihe. Es war kurz vor neun am Samstag, und die Tür war noch verschlossen. Am Kopf der Schlange ein Mann ganz in Oranje. Hose, Anorak und Zipfelmütze. Ein Holländer? Nein, ein Schwabe aus dem Remstal, Karl-Heinz Wilhelm. Ein großes Plakat hielt er vor seinem Körper, beklebt mit Motiven des Fernsehturms und Schwarz-weiß-Bildern von berühmten Turmbesuchern - dem ersten Stuttgarter Nachkriegs-Oberbürgermeister Arnulf Klett und dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss.

Karl-Heinz Wilhelm ist bekennender Hardcore-Fernsehturm-Fan. "Ich bin schon seit sechs da", verkündete er den Reportern. Der Mann aus Rommelshausen wollte der erste Gast sein am Tag der Wiedereröffnung, nachdem der Turm fast drei Jahre gesperrt gewesen war. Seinen vordersten Platz in der Schlange verteidigte Wilhelm resolut. Weitere Besucher warteten auch schon über eine Stunde auf den Einlass. "Wir sind alle ganz wild", bekannte eine Frau.

Die Sperre hatte OB Fritz Kuhn (Grüne) im März 2013 angeordnet, weil Experten Mängel beim Brandschutz ausgemacht hatten. Für 1,8 Millionen Euro hat der SWR als Eigner nachgebessert. Für die meisten, die am Samstag die ersten auf der Kanzel sein wollten, war der Schließungszeitraum von fast drei Jahren dennoch viel zu lang - eine Zeit der Entbehrungen.

Beispielsweise für Erika und Hans Mosinzer aus Stuttgart-Sillenbuch. Es war halb zehn Uhr, als die beiden im Panorama-Café Platz nahmen, mit Blick auf das da noch sonnenbeschienene Stuttgarter Zentrum. Sie frühstückten entspannt. Das Glas Sekt dazu hatten sie nicht bestellt - das gab der Wirt für die Premierengäste aus. Erika Mosinzer kann von ihrem Haus aus jeden Tag den Fernsehturm sehen. So war es für sie "schlimm", nicht mehr rauf zu dürfen. Die Frau, die einst im Musikarchiv des SWR-Vorgängers Süddeutscher Rundfunk gearbeitet hat, bekannte: "Der Fernsehturm gehört zu unserem Leben."

Klaus und Inge aus Leinfelden-Echterdingen, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, ließen sich am Nachbartisch ebenfalls ihr Frühstück schmecken. Als sie an jenem Tag im März 2013 hörten, dass der Fernsehturm geschlossen werde, entschlossen sie sich spontan, den Turm zu besuchen - es hätte ja das letzte Mal sein können. Zu diesem Zeitpunkt war nicht ausgemacht, ob der Turm jemals wieder für Publikum geöffnet würde. So fuhren sie mit dem letzten Lift zur Kanzel. Und waren am Samstag wieder unter den ersten Gästen.

Das Café füllte sich rasch am Samstagmorgen. Denn oben auf der Aussichtsterrasse wehte ein schneidiger Wind - niemand hielt es dort lange aus, schon gar nicht Karl-Heinz Wilhelm, weil er Angst hatte, dass der Sturm ihm sein Plakat entreißen könnte. Am Abend herrschten sogar Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h.

Insgesamt war der Ansturm am Samstag erst mal verhalten. 2315 Besucher zählte die Betreibergesellschaft SWR Media Services (SMS) am ersten Tag der Öffnung. Doch den Leuten von der SMS war der gemächliche Beginn durchaus recht. Denn das neue Zugangssystem, das überwacht, dass sich nie mehr als 320 Personen auf der Kanzel aufhalten, hatten sie noch nicht unter Realbedingungen erproben können. Daher waren auch SMS-Geschäftsführer Claus Schillmann und sein Vorgänger Siegfried Dannwolf zur Stelle, um das Geschehen zu beobachten.

Bis Sonntag gegen 17 Uhr erhöhte sich die Besucherzahl dann noch auf insgesamt rund 3800 Menschen. Und weitere sollten folgen, der Turm hatte bis 23 Uhr geöffnet. Eine SWR-Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Unsere Erwartungen wurden mehr als erfüllt." An einem starken Wochenende vor der Sanierung seien 2500 bis 3000 Besucher gekommen.

50 Meter vor dem Eingang hatten am Samstag Klaus Gebhard und seine Mitstreiter ihren Informationsstand aufgebaut. Die Leute von der Initiative Fernsehturmfreunde sammelten Unterschriften für die Verschiebung der Fildertunneltrasse - der unterirdischen ICE-Verbindung zwischen Flughafen und Hauptbahnhof. Nach den Plänen der Bahn führt die geplante Trasse 185 Meter unterhalb des Fernsehturms durch eine Gipskeuperschicht, die bei Wasserkontakt aufquillt. Die Initiative warnt vor dem schiefen Turm von Stuttgart: Sie befürchten, dass sich der Fernsehturm neigen könnten, wenn der Gips "explodiert". Um dies zu verhindern, verlangen sie, die Stuttgart-21-Röhre um 250 Meter Richtung Osten zu verschieben.

Altes Team wird weiter beschäftigt

Keine Kündigungen Auf die Frage, wie er sich fühle, sagt Volker Hustedt: "Das sieht man doch meinem Gesichtsausdruck an!" Der Mann am Lift des Fernsehturms ist froh, dass er seinen normalen Job wieder machen kann: die Besucher sicher zur Kanzel hochbringen und wieder herunter. Als der Turm geschlossen wurde, hat die Betreibergesellschaft SWR Media Services keinem Mitarbeiter gekündigt. Nur für einen befristet beschäftigten Techniker kam das Aus, er wurde jetzt aber wieder eingestellt, wie Ex-Geschäftsführer Siegfried Dannwolf sagte.

Hilfsdienste Während der Sperre des Turms haben die 16 Aufzugsfahrer, Techniker und Beschäftigten im Verkauf Hilfsdienste für die Sanierungsfirmen geleistet und oft auch selbst Hand angelegt. Doch jetzt gehen sie wieder ihrer eigentlichen Aufgabe nach - und sind froh darüber.

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