Die Hagelflieger starten wieder

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Zum Saisonstart informierten sich Finanzierungspartner der Hagelflieger über die Technik und Einsätze in der Region. Dabei: der Vorsitzende des Beirats und Landrat des Rems-Murr-Kreises, Richard Sigel (hinten links).  Foto: 

Einmal im Jahr tagt der Beirat Hagelabwehr. Diesmal nicht im Rems-Murr-Kreis, wo sich die Geschäftsstelle befindet, sondern in einem Konferenzraum mit Aussicht. Die 15 Mitglieder des Gremiums blicken während ihrer Jahressitzung durch großflächige Schallschutzfenster auf die belebte Start- und Landebahn des Stuttgarter Flughafens. Rechts der Piste liegt ein Parkplatz für Kleinflugzeuge, wie sie Hobbyflieger haben. Dazwischen parken die drei Hagelflieger – seit der vergangen Woche bereit für die Saison 2017.

Ihr Einsatzgebiet liegt zwischen Vaihingen an der Enz (Landkreis Ludwigsburg), Beilstein (Landkreis Heilbronn), Alfdorf (Rems-Murr-Kreis), Esslingen und Stuttgart. Geflogen wird, wenn der meteorologische Dienst eine Hagelgefahr voraussagt. Die Piloten erhalten Warnmails mit den Wind-, Intensitäts- und Zugrichtungsinformationen. Einzige Voraussetzung zum Start: Die Temperatur muss mindestens 17 Grad Celsius betragen.

115 Stunden in der Luft

Zusammen waren diese Maschinen, von denen eine für die Württembergische Gemeindeversicherung (WGV) unterwegs ist, im vergangenen Jahr rund 115 Stunden in der Luft, um über einer Landfläche von 2200 Quadratmetern Gewitterwolken zu impfen. Insbesondere im Juli und August hatte schwerer Hagel gedroht. Die Wolken seien jedoch „alle erfolgreich geimpft worden“, wie es im Jahresbericht heißt. Das heißt, statt dicker Hagelkörner kamen durch den Einsatz von Silberjodid-Aceton lediglich fette, aber harmlose Regentropfen auf dem Boden an.

Allerdings wurden nicht immer Schäden verhindert: Am 11. Juli hat es Meldungen aus Kaisersbach gegeben, am 13. Juli und 28. August aus Fellbach (beide Rems-Murr-Kreis). Mit insgesamt sieben Meldungen war 2016 aber keine schlechte Hagelabwehrsaison. Inzwischen gibt es in Baden-Württemberg in vier Regionen Hagelabwehren mit insgesamt sechs Maschinen.

Die Abwehrtechnik scheint sich im Aufwind zu befinden, obwohl immer noch Meteorologen hartnäckig der Meinung sind, solche Injektionen seien weitgehend sinnlos. Doch auch der Daimler-Konzern und die Volksbank Stuttgart, die die Einsätze mitfinanzieren, glauben an die Idee, Hagelkörner noch in der Wolke zum Schmelzen bringen zu können. Der Autobauer sieht darin eine Prävention zum Schutz vor Karosserieschäden an fabrikneuen Fahrzeugen, die zur Auslieferung bereit sind.

Nun wollen sich die 14 Beiratsmitglieder und ihr Vorsitzender, Landrat Richard Sigl aus dem Rems-Murr-Kreis, persönlich von Experten die Wundertechnik erklären lassen. Markus Duwe ist einer der Piloten, der die Besucher übers verregnete Flugfeld zu den Hagelfliegern führt. An den äußeren Enden der Tragflächen hängt an diesen jeweils ein Zylinder, der am hinteren Ende spitz zuläuft. Der Zylinder könnte an eine Luft-Boden-Rakete erinnern, sähe das Flugzeug selbst nicht durch und durch zivil aus.

Simple Technik

„Die Technik ist eigentlich ganz simpel“, stellt der Pilot fest und entfernt den Mantel der Röhre, wodurch ein Kompressor zum Vorschein kommt. Es ist ein Rauchgasgenerator. Kompliziert ist die Konstruktion nicht. Steigt die Maschine auf, wird das chemische Gemisch unterhalb einer Gewitterwolke freigesetzt. Durch den Aufwärtssog, der dort herrscht, wird das Gemisch quasi von der Wolke eingesaugt. Letztlich impft sie sich selbst. Die Hagelkörner werden vom Silberjodid, das durch das Aceton entzündet wird, weitgehend in Wasser verwandelt.

In manchen Gegenden wird die Maschine vom Piloten direkt in die Wolken geflogen, wo die gefährlichen Hagelkörner entstehen, erläutert der zweite Pilot, Frank Kasparek. Er begründet, warum er und seine Kollegen lieber unter den Wolken bleiben: „Um in die Wolke fliegen zu können, braucht man ein viel stabileres Flugzeug, mit Druckausgleich. Und solche sind viel teurer.“ Letztlich, sagt er, ist es eine Frage des Budgets und keine Frage, wie mutig der Pilot ist.

Pilot Duwe wird gebeten zu demonstrieren, was passiert, wenn der Pilot auf den Auslöser für eine Silberjodid-Aceton-Injektion drückt. Die Bodenübung verpufft weitgehend. Ein gasförmiges Gemisch wabert aus der Düse. Nach kurzer Verzögerung gibt es einen kleinen Knall, und das war’s. „Kleine Ursache, große Wirkung“, stellt ein Besucher anerkennend fest, ohne sich tatsächlich vorstellen zu können, wie er zugibt, was da oben in der Gewitterwolke passiert, wenn Silber auf Eis trifft.

Geld für den Einsatz der Hagelflieger kommt von der Kreisverwaltung und zehn Kommunen aus dem Rems-Murr-Kreis. Weitere Finanzierungspartner sind die Städte Stuttgart und Heilbronn, neu dabei sind die Landkreise Ludwigsburg und Heilbronn. Außerdem zahlen 80 Weingärtnergenossenschaften und Weingüter einen Beitrag. Auch Versicherungen und Unternehmen beteiligen sich zur Schadensabwehr an der Finanzierung wie der Daimler-Konzern.

Geflogen wird, wenn der meteorologische Dienst eine Hagelgefahr voraussagt. Es muss mindestens 17 Grad warm sein. Die Piloten erhalten Warnmails mit den Wind-, Intensitäts- und Zugrichtungsinformationen. uro

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