Die Gesandte des Himmels

Sie gibt Menschen ein Stück Heimat, die keine haben: In der Franziskusstube betreut Schwester Margret seit Jahrzehnten Obdachlose. In diesem Jahr wurde die 69-Jährige für ihr Lebenswerk geehrt.

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Erfüllt von ihrer Tätigkeit: Schwester Margret in der Franziskusstube an der Paulinenbrücke.  Foto: 

An sieben liebevoll gedeckten Tischen finden 30 Menschen Platz. Kerzenschein, Blumen und klassische Musik sorgen für eine beruhigende Atmosphäre. "Die Franziskusstube ist ein Stück Heimat", sagt Schwester Margret. Die 69-Jährige ist in Stuttgart bekannt für ihren Einsatz für Obdachlose. Ihre Gäste sind Wohnsitzlose, Arme oder psychisch Kranke. Sie nennt sie liebevoll "meine Leute" und betont: "Alle Nationen sind vertreten. Zehn Prozent sind weiblich."

Schwester Margret, die bürgerlich Ebe mit Nachnamen heißt, war ursprünglich Familienpflegerin. Mit 30 trat sie dann aber in den Orden der Franziskanerinnen von Sießen ein. "Es war eine innere Entwicklung", erklärt sie den Schritt. 1984 hatte sie ein "einschneidendes Erlebnis". Ein kranker Obdachloser wurde an Heiligabend im Schwesternkrankenhaus untergebracht. "Er starb als die Glocken zur Christmette riefen", erinnert sie sich. Daraufhin arbeitete sie eineinhalb Jahre in einer Obdachloseneinrichtung in München. "Das war meine Lehrzeit", sagt die Schwester. Und die Tätigkeit, der sie sich fortan ganz und gar verschreiben wollte.

Seit mehr als 28 Jahren betreut Schwester Margret nun Obdachlose in Stuttgart, zunächst in der Caritas-Tagesstätte in der Olgastraße, ab 1993 als Leiterin der Franziskusstube. "Es wurden immer mehr Gäste", berichtet die Chefin der Räume an der Paulinenbrücke - einem sozialen Brennpunkt in der Stadt. Dort bekommen die durchschnittlich 50 Gäste täglich kostenloses Frühstück und Kleidung. "Manchmal braucht es auch nur ein Pflaster", sagt sie und schmunzelt. Wichtig sei auch das Gespräch mit den Leuten, weshalb sie am liebsten mitten im Geschehen sitze. "So erfahre ich, was auf der Straße passiert." Doch die zierliche Frau, kann auch resolut durchgreifen, sollten Regeln nicht eingehalten werden: "Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da muss man anpacken können." Die Schwester stammt aus Riedlingen (Kreis Biberach).

Für ihr Engagement ist die 69-Jährige vor Kurzem mit den Julius-Itzel-Preis von der gleichnamigen Stiftung ausgezeichnet worden. Schwester Margret habe mit der Franziskusstube einen "Zufluchtsort für die Notleidenden und Ausgegrenzten der Stadt" gegründet, hieß es in der Begründung. "Ich habe mich über die Auszeichnung gefreut, weil ich immer etwas für die Roma machen wollte", sagt die Ordensangehörige dazu. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.

Das Geld will Margret Ebe ins slowakische Hodejov stecken, das sie im Frühjahr besucht hat. "Die Leute dort haben teils zehn Kinder aber kein Wasser - und das in Europa", hat sie dort erfahren. Doch das Projekt zur dortigen Gemeindesanierung drohe zu scheitern: "Die Behörden ziehen nicht mit", sagt sie.

Ein weiteres Herzensthema ist die Hilfe für Prostituierte. Margret Ebe ist Mitbegründerin von "La Strada", dem Café im Leonhardsviertel für Frauen, die auf den Straßenstrich gehen. Auch für Drogenabhängige setzt sie sich seit den 90er Jahren ein. "Methadon und Ersatzdrogen waren damals ein Tabuthema", erzählt sie. Gemeinsam mit Stuttgarter Ärzten versuchte sie seinerzeit, das zu ändern. "Ich rief im Rathaus an und bat um einen Tresor für die Methadon-Ausgabe. Die Sekretärin war verdutzt", sagt Ebe und lacht. Trotzdem: Nach 14 Tagen sei der Tresor dagewesen. Heute gibt es in der Kriegsbergstraße eine große Ausgabestelle.

Fürs Lebenswerk ausgezeichnet - da könnte man sich ja eigentlich zur Ruhe setzen, oder? Schwester Margret lacht herzlich und winkt ab: "Andere Schwestern machen den Job noch mit 80. Ich fühle mich mittendrin." Die nächste Aktion steht daher auch schon an: Kommende Woche schauen Schüler des Stuttgarter Hölderlin-Gymnasiums in der Franziskusstube vorbei. Mit ihnen will Schwester Margret Weihnachtsplätzchen für die Obdachlosen backen.

Der Julius-Itzel-Preis wird seit 2003 verliehen

Lebenswerk Die Julius-Itzel-Stiftung ehrt seit 2003 Einzelleistungen oder das Lebenswerk von Männern und Frauen, deren Wirken die Werte christlicher Humanität widerspiegeln. Bisherige Preisträger waren unter anderem der ägyptische Bischof Kyrillos William Samaan sowie die in Pakistan in der Lepra- und Tuberkulosehilfe engagierte Schwester Ruth Pfau.

Ehrenamt Die Franziskusstube wird von ehrenamtlichen Mitarbeiter geführt. Schwester Margret ist vom Kloster ohne Lohnbezüge freigestellt. Die Gesamtkirchengemeinde bezahlt den Raum, alles andere läuft über Spenden. "Die Franziskusstube ist nur ein Stück vom Ganzen", betont Margret Ebe. Andere Einrichtungen Stuttgarts böten Mittag- und Abendessen an. "Eine Tagesstruktur ist wichtig für die Obdachlosen", sagt die Ordensschwester.

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