Die Demut der Langsamkeit

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Jochen Mass mit Autor Walter Gottschick.  Foto: 

Vor 90 Jahren ging der Mercedes Typ S auf der Solitude-Rennstrecke zum ersten Mal an den Start. Willi Walb gewann die Sportwagenklasse über fünf Liter Hubraum, Otto Merz die über drei. Aus dem Typ S (Sport) entstanden die Modelle Supersport (SS), Super-Sport-Kurz (SSK) und 1931 noch eine Leichtversion (SSKL). Der Sechszylinder-Reihenmotor mit 6789 Kubik (Leistung 120 PS, mit Kompressor 180 PS) war die Grundlage für eine Siegesserie, zu der auch der legendäre Rudolf Caraciola in den 1930er-Jahren beitrug. 

2017 lenkt Mercedes-Marken-Botschafer Jochen Mass beim Solitude Revival ebenso lange wie schwere Vehikel (Baujahr 1928) mit reichlich Muskelkraft über die 11,2 Kilometer-Strecke mit ihren vielen Kurven und großen Höhenunterschieden.

Als Beifahrer übernahm der Schreiber dieser Zeilen öfter die Grüße an die Fans, der ehemalige Formel- und Sportwagen-Pilot winkte derweil die schnelleren Formel-Fahrzeuge vorbei und gibt zu Protokoll: „Das ist die Demut der Langsamkeit.“ Der alte Kosename des Wagens lautet „Weißer Elefant“ – wegen der Farbe und des infernalischen Brüllens beim Kompressor-Einsatz.

Und Jochen Mass zirkelt den Elefanten als letzten des Feldes mit rund 130 Stundenkilometern durchs Mahdental-Kurvengeschlängel. Der beeindruckte Beifahrer stemmte sich derweil mächtig gegen die Fliehkräfte, schließlich fehlen – wie damals – Schalensitz und Gurt-Anlage. 

Neben Lokalmatador Mercedes-Benz, der außer Mass auch Dieter Glemser und Jan Seyffart am Start hatte, war ebenfalls die Marke Porsche Sponsor. Für die Zuffenhausener waren „Striezel“ Stuck im Le Mans-Siegerauto sowie Hans Herrmann und Herbert Linge unterwegs: Das Duo der jeweils 89-jährigen Herren fuhr wie einst im Spider 550. In einer solchen Flunder schossen sie einmal bei der Targa Florio unter einer geschlossenen Bahnschranke durch. 

Rennsport-Historie und Histörchen waren denn auch Trumpf auf der Strecke und im frei zugänglichen Fahrerlager. Über 200 historische Autos und über 70 Motorräder zauberten ein Feeling wie in den 60er-Jahren, als 250 000 Zuschauer zur Formel 1 und Motorrad-Wetmeisterschaft auf die Rennstrecke pilgerten. 

Der 2001 gegründete Verein Solitude Revival (Motto: „Enthusiasten für Enthusiasten“) schaffte 2011 die Reaktivierung des kompletten Rundkurses und integrierte 2013 den historischen Start-Ziel-Bereich. Mit einer solchen Veranstaltung hätte das Solitude Revival am Wochenende mehr als die rund 10 000 begeisterten Besucher verdient. Die sechste Auflage im Jahr 2019 scheint dennoch sicher.

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