Das Depot ist randvoll

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Während der Lesesaal durchaus geräumig wirkt, stößt die Landesbibliothek mit ihrer Depotfläche an ihre Grenzen.  Foto: 

An der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) in Stuttgart wächst der Erweiterungsbau. Die Landesregierung investiert in Räume für Hundertausende neuer Bücher. Das Bauwerk liegt aber deutlich hinter dem Zeitplan.

Eigentlich sollten Handwerker derzeit letzte Hand an die Bücherdepots legen. Ursprünglich war die Einweihung für diesen Herbst angekündigt. Die Eröffnungsfeier musste WLB-Direktor Hannsjörg Kowark allerdings schon öfters nach hinten schieben. „Ich rechne mit einer Inbetriebnahme nicht vor der zweiten Hälfte 2019“, seufzt er. Dann aber muss der 1970 eingeweihte Bestandsbau dringend saniert werden. Kowark rechnet mit weiteren fünf Jahren, in denen die WLB eine Baustelle bleiben wird.

Das drängendste Problem des Direktors ist, dass zu den vorhandenen mehr als sechs Millionen Einheiten im Bestand täglich neue Bücher, Zeitschriften und Zeitungen angeliefert werden. Im Schnitt sind das 1000 Medieneinheiten in jeder Woche. „Wir sind randvoll.“ Das beklagt er bereits seit zwei Jahren. Das gilt auch für die Außenstelle in Fellbach, wo mehr als 3000 Quadratmetern Depotfläche zur Verfügung stehen. Dann fällt ein Begriff, den er leicht widerwillig aussprich: Aussonderung – also Medieneinheiten im schlimmsten Fall in den Schredder werfen. „Bis Mitte der 1980er Jahre war Aussonderung bei der WLB überhaupt kein Thema“, sagt Kowark. Alles sei zusätzlich zu den abgabepflichtigen Büchern angenommen oder auch gekauft worden: Bücher, die außerhalb Baden-Württembergs erschienen sind, aus dem Land Lokalzeitungen, Gemeindeblätter, Ortschroniken, Vereinsschriften, Nachlässe und vieles mehr. Die WLB besitzt allein über 20 000 Bibeln.

Auch solche Bücher, die über Jahrzehnte nie ausgeliehen wurden, möchte der Direktor nicht aus dem Bestand entfernen. Damit seien hohe Personalkosten verbunden. Spuren in den Katalogen, ob auf Papier oder digital, müssten schließlich beseitigt werden. So lange noch irgendwo Platz ist, werde eben auch aus finanziellen Erwägungen archiviert. Doch der Rechnungshof mache immer mehr Druck. Die Depots kosten Geld, auch weil die Temperatur immer bei 19 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei 50 Prozent gehalten werden muss.

Fachschriften kommen raus

2005 reagierte das zuständige Wissenschaftsministerium mit einem Erlass, den Bestand um 10 bis 15 Prozent jährlich zu verringern. Das wären etwa 6000 Medieneinheiten. Doch im April 2015 kam ein weiterer Erlass. „Bis dahin haben wir nichts gemacht“, gesteht der WLB-Direktor. Nun muss er abwägen, welcher Medienträger der jeweils geeignetste ist. Muss jede Zeitung oder Zeitschrift klassisch in einem Papierband abgelegt werden, oder kann sich die WLB mit dem Digitalarchiv des jeweiligen Verlags verknüpfen? Manche Bücher werden schließlich nur noch digital publiziert. Dann stelle sich die Frage, welche Bücher können digitalisiert und anschließend entfernt werden (siehe Info)? Muss tatsächlich weiterhin jedes Exemplar eines Gemeindeblättchens ins Depot? „Ohne Not wollen wir nicht aussondern“, beharrt er.

Aber dennoch: Er und seine Mitarbeiter, leidenschaftliche Bücherjäger und -sammler, wie er sagt, müssen sich von Beständen trennen, die besonders viel Raum einnehmen. Kowark hat entschieden, fremdsprachige Fachschriften aus den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Medizin auszusondern. „Das war nie unser Schwerpunkt“, sagt er. „Dafür gibt es woanders Schwerpunktbibliotheken. Daher haben wir mit einem einigermaßen guten Gewissen diese Entscheidung getroffen.“ Künftig konzentriere sich die WLB auf die Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Bestand habe ohnehin einen guten Ruf. Außerdem pflegt die WLB diesen Bestand auch für die umliegenden Universitätsbibliotheken, die ebenfalls unter Raumnot und knappen Budgets leiden. „Im vergangenen Jahr haben wir 24 000 Bände entfernt“, sagt er. Dies seien weniger als fünf Prozent der vorgegebenen Aussonderungsquote. „Und es sind keine Bücher darunter gewesen“, betont er.

Der WLB-Direktor ist vom gedruckten Buch überzeugt und glaubt, dass es auch die junge Generation schätzt. Er sieht aber den Trend zur Digitalisierung. Das Bücherdepot bleibt dennoch seine erste Wahl, nicht der Massenspeicher.

Technik Ein gängiges Format, um ein Schriftstück zu archivieren, ist PDF. Doch für Bibliotheken ist das Format ungeeignet, da niemand weiß, ob es PDF immer geben wird oder es von künftigen Computern gelesen werden kann.

Zusammenarbeit Die Landesbibliothek hat die Digitalisierung ihrer Bestände an die Staats- und Universitätsbibliothek Dresden ausgelagert. Dort wird darauf geachtet, dass die Medien auch in Zukunft lesbar bleiben.

Software Verwendet werden Open-Source-Programme. Auch die Vatikanische Bibliothek arbeitet mit einem solchen Digitalisierungsprogramm. Das soll verhindern, von einem bestimmten Format abhängig zu werden. uro

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