Besser selbst was machen

Viele junge Leute können selbst mit hohen kirchlichen Festen wie Ostern nicht mehr viel anfangen. Deshalb bringen die Kirchen den Jugendlichen die Glaubensinhalte in speziellen Veranstaltungen nahe.

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Zum Atelier und Spielplatz ist der Innenraum der evangelischen Martinskirche umgestaltet worden. Das Bild zeigt das Aussehen der Kirche an Pfingsten vergangenen Jahres.  Foto: 

Der Innenraum der Martinskirche auf dem Stuttgarter Pragsattel hat seit Palmsonntag sein Aussehen verändert. Sieben Wochen lang ist er Atelier, Veranstaltungs- und Begegnungslokal für das Jugendkirchenfestival, das die Evangelische Kirche in Stuttgart bewusst in "eine kirchlich dichte Zeit" gelegt hat, wie Jugendpfarrer Matthias Rumm erläutert.

Die Ostertage bilden den ersten Schwerpunkt des Jugendkirchenfestivals. Nach dem Eröffnungsgottesdienst stand am Karfreitag der Ökumenische Kreuzweg der Jugend 2015 auf dem Programm unter dem Motto "Im Fokus: Das Kreuz". Wichtig ist für Jugendpfarrer Rumm, dass der Kreuzweg die aktuelle Lebenssituation der jungen Menschen mit einbezieht. In die Passionsgeschichte werden im Stadtviertel Orte einbezogen, an denen das Leiden konkret erfahrbar ist. Als Beispiel nennt Rumm den Nordbahnhof. Von dessen Rampe transportierten einst die Nazis viele verfolgte Menschen in den Tod ab.

Glaubensinhalte sollen konkret erfahrbar werden. Keine einfache Aufgabe, räumt der Jugendpfarrer ein. Nachvollziehbar werden soll so ein schwieriger Begriff wie die Auferstehung in der Osternacht, die am heutigen Samstag um 22 Uhr in der Martinskirche beginnt und bis ein Uhr dauert. Es gibt Installationen, meditative, musikalische und kreative Impulse, Bibellesungen und Filmszenen zum Leben Jesu.

Rumm erwartet eher einen kleineren Kreis von etwa 40 Teilnehmern zur Osternacht. Ein Selbstläufer seien dagegen die Konfirmandengottesdienste mit bis zu 200 Teilnehmern. Rumm möchte nicht ein Format gegen das andere ausspielen. Auch kleinere Formen hält er für wichtig, weil hier eine intensivere und tiefere Beschäftigung mit dem Glauben möglich sei.

Schon zum vierten Mal macht Annika Geiger beim Jugendkirchenfestival mit. "Das ist eine komplett andere Form von Gottesdienst", kommentiert die Schülerin die Osternachtfeier. "Da kann man selbst etwas machen und muss nicht nur zuhören", betont die 17-Jährige, "im vergangenen Jahr haben wir Figuren auf den Boden getaped."

Ihr macht es "Spaß, weil so viele Leute mitmachen, mit denen ich mich gut verstehe". Es begeistert sie, dass in ihrer Kirchengemeinde im Stuttgarter Norden "für jeden ein entsprechendes Angebot" gibt. Gerade junge Leute sind ihrer Meinung nach oft frustriert, weil sie sich meist nur hinsetzen und ruhig verhalten sollen.

Pater Jörg Widmann, der katholische Jugendpfarrer in Stuttgart, bestätigt Annikas Einschätzung. Auch er glaubt, dass "sich Jugendliche in der Pfarrei oft nicht so sehr beheimatet fühlen". Jugendliche wollen seiner Ansicht nach gern zusammen feiern. In Stuttgart ist das auf katholischer Seite an Ostern gar nicht so einfach.

Pater Jörg muss auf die Kirchengemeinden verweisen, wo sich Jugendliche bei Osternachtfeiern einbringen, wie in der St. Johannes-Kirche in Untertürkheim. Widmann bedauert, dass es bisher noch keine zentralen Angebote für Jugendliche von katholischer Seite gibt. Er ist deshalb froh, dass das Stadtdekanat Stuttgart damit begonnen hat, schrittweise ein jugendpastorales Zentrum in Stuttgart aufzubauen, das im kommenden Jahr eröffnet werden soll. Dann wird es auch zentrale katholische Jugendangebote in Stuttgart geben.

Gerade im Blick auf die Jugend sieht sich die Kirche künftig vor große Herausforderungen gestellt. Vor der in Stuttgart Mitte März tagenden württembergischen evangelischen Landessynode forderte Thomas Ebinger, Dozent für Konfirmandenarbeit am Pädagogisch-Theologischen Zentrum in Stuttgart, die Kirche auf, sich stärker um eine "Alphabetisierung in Glaubensfragen" zu kümmern, da Grundformen christlichen Lebens bei Jugendlichen nicht mehr vorausgesetzt werden könnten. Viele Jugendliche würden sich in gemischtreligiösen Gruppen bewegen und Gemeinschaft in sozialen Netzwerken erleben.

Die evangelische Kirche will eine nachhaltige Bindung von älteren Jugendlichen an die Kirche erreichen. Denn sie würden nach der Konfirmation vielfach einfach wegbleiben, hieß es bei der Tagung des Kirchenparlaments.

Jugendfestival mit Poetry Slam und Kochclub

Zum neunten Mal Das evangelische Jugendkirchenfestival findet 2015 zum neunten Mal statt. Verantwortlich dafür ist der evangelische Jugendpfarrer in Stuttgart. Die Jugendkirche ist in der Martinskirche im Stuttgarter Norden beim Pragfriedhof (Eckartstraße 2) beheimatet. Das Jugendkirchenfestival 2015 steht unter dem Motto "Kommunikation/Austausch".

Infoabende Weitere Programmpunkte nach Ostern sind ein Gottesdienst für Konfirmanden am 15. April, Poetry Slam am 18. April oder ein Infoabend zu Nethelp4u, eine Internetberatung für Suizidgefährdete. Außerdem gibt es auch einen Kochclub (6. Mai) und einen Infoabend zu Handys (12. Mai).www.jugendkirche-stuttgart.de.

 

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