Platznot in der Landesbibliothek

Die größte wissenschaftliche Bücherei im Land platzt aus den Nähten. Erweiterung tut Not - doch wiederholt kam etwas dazwischen. Nun soll im August mit dem Neubau begonnen werden.

WENKE BÖHM |

Kurz war der Bagger schon mal da. Kabel wurden neu verlegt, die ersten Bäume sind weg, und die Tiefgaragenplätze wurden gekündigt. An der Württembergischen Landesbibliothek werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Doch dass alles wie geplant klappt, wagt Direktor Hannsjörg Kowark bei dem knappen Zeitplan kaum noch zu hoffen. "Wir werden sehen", sagt er.

In diesem Frühjahr wird die Landesbibliothek, kurz Labi oder WLB genannt, 250 Jahre alt. Eigentlich hätte das Jubiläum schon im rund 52 Millionen Euro teuren Neubau an der Konrad-Adenauer-Straße gefeiert werden sollen. Doch erst zog es sich etliche Monate hin, bis die Mittel bewilligt waren. Und nun steht das geplante Besucherzentrum des Landtags den Arbeiten für die Erweiterung im Weg.

Da die Grundwasserhaltung für die Erdarbeiten der Labi wegen der Nähe zur Stuttgart-21-Baugrube nicht parallel zum benachbarten Landtag stattfinden kann, muss die Bibliothek abwarten, bis das Wassermanagement dort beendet ist. Dadurch kommt sie mit ihrem sehr nah an den nächsten Winter. Gibt es irgendwelche Verzögerungen - beim Landtag oder bei ihnen -, sei der Einzugstermin im Frühjahr 2018 gefährdet, so Kowark.

Die Erweiterung sei dringend, macht er klar. Obwohl schon ein Teil der Bücher ins Ausweichmagazin in Fellbach ausquartiert wurden, platzt der Altbau von 1970 schier aus den Nähten. Der Grund: Pro Jahr wächst der Bestand um rund 80 000 Medien. 30 000 davon sind Pflicht, denn die Labi hat die Aufgabe, ein Exemplar von jedem Buch vorzuhalten, das in Württemberg erschienen ist.

"Wir haben unser Archiv mit zusammenschiebbaren Regalen so weit wie möglich kompaktiert. Aber das ist abgeschlossen, alle Reserven sind erschöpft", sagt Kowark. Müsste ein zweites Außenarchiv angemietet werden, wäre das aufwändig und teuer. Mehr als zwei Millionen Euro zusätzlich koste es pro Jahr, rechnet der Direktor vor.

Mit sechs Millionen Medien und 1,4 Millionen Entleihungen pro Jahr gehört die Landesbibliothek Württemberg zu den größten Büchereien in Deutschland. Gegründet wurde die Einrichtung von Herzog Carl Eugen im Februar 1765 als Herzogliche Öffentliche Bibliothek. Recht schnell bekam sie die Aufgabe, von jedem württembergischen Buch ein Pflichtexemplar im Bestand zu haben. Das badische "Pflichtexemplar" wird dagegen bis heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe gesammelt.

Zum Fundus der Universalbibliothek zählen zudem zahlreiche geistes- und sozialwissenschaftliche, medizinische, juristische und wirtschaftswissenschaftliche Werke. Stolz ist Kowark auf die "international konkurrenzfähigen" historischen Sammlungen. So verfügt die Labi über eine große Bibelsammlung mit rund 20.000 Exemplaren in 600 Sprachen sowie den weltweit größten Bestand an Handschriften des Dichters Friedrich Hölderlin.

Die Einrichtung sammelt, archiviert und pflegt. "Die Sicherung von Kulturgut ist uns sehr wichtig", sagt Kowark. Daneben organisiert sie Kulturprogramme, Vorträge und Ausstellungen. Außerdem ist sie ein beliebter Treffpunkt für Studenten und Schüler - eine Rolle, die laut Kowark an Bedeutung gewinnt. "Bibliotheken sind Lernorte geworden, in sehr hohem Maße."

Dem trägt nun auch der Erweiterungsbau mit 6500 Quadratmetern Nutzfläche Rechnung. Sechs oberirdische Geschosse sollen entstehen, zudem zwei Geschosse mit Tiefgarage und Archiv. Den Kern bilden 700 000 frei zugängliche Medien, von denen rund 500 000 ausgeliehen werden können. Außerdem sind ein Sonderlesebereich und mindestens 800 Lese- und Arbeitsplätze geplant.

Die Öffnungszeiten sollen erweitert werden, auf 8 bis 24 Uhr an sieben Tagen in der Woche. Das wird auch dadurch möglich, dass die Bücherei künftig nur noch einen zentralen Zugang haben wird, der besser überwacht werden kann. Erleichterungen für die Mitarbeiter und Nutzer bringt eine neue Buchförderanlage.

Mitte März beginnt der Abriss des Vorbaus, die Brücke zum Haus der Abgeordneten folgt. Ab August soll erst gegründet und dann in die Höhe gebaut werden. Kowark: "Wenn alles gut läuft, steht der Rohbau Ende 2016, und wir können im ersten Quartal 2018 tatsächlich einziehen."

Lange Nacht der Museen

Programm Bevor sich die Landesbibliothek Württemberg für drei Jahre einigelt und baut, gibt sie bei der "Langen Nacht der Museen" am Samstag, 14. März, noch einmal richtig Gas. Geöffnet ist von 19 Uhr bis Mitternacht. In der Zeit ist unter anderem die Sonderausstellung "Carl Eugens Erben" zum 250-jährigen Bestehen zu sehen. Jeweils stündlich präsentieren Bê Ignacio und Band zudem ihren Latino-Pop, und um 23.30 Uhr serviert Literaturwissenschaftlerin Ute Oelmann im Lesesaal "literarische Häppchen". Wie eng es im Magazin ist, können sich Besucher von 19 bis 23 Uhr bei halbstündigen Führungen anschauen. Hier bietet das Museum auch Einblick in seine Schätze. Die Werkstatt für die Digitalisierung von Medien kann stündlich besichtigt werden.

 

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