Arbeiten im Knast: „Die Woche vergeht so schneller“

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250 der 700 in Stammheim Inhaftierten arbeiten in einer der dortigen Werkstätten.  Foto: 

Erol dreht die Zigarette hinter seinem Ohr hin und her und sieht auf das vergitterte Tor. Er arbeitet in einer Werkstatt und freut sich auf die Raucherpause. Seit sieben Monaten ist Erol (Namen geändert) schon in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stuttgart-Stammheim. Vorgeworfen wird ihm Drogenhandel und räuberische Erpressung. Weil der 43-Jährige in Untersuchungshaft sitzt, ist die Arbeit freiwillig. Im Vollzug, der Erol wahrscheinlich bevorsteht, ist sie Pflicht.

Zuerst war Erol in der Küche, danach hat er als Reiniger gearbeitet. Seit vier Monaten ist er in der Werkstatt und dort mittlerweile eine Art Vorarbeiter. Die Häftlinge bauen einfache Teile zusammen, die in Sicherungselementen für Motoren, Kupplungen und Getrieben verwendet werden. „Es ist eine gute Arbeit, manchmal etwas eintönig, aber Hauptsache aus der Zelle draußen“, sagt er. In Freiheit warten seine Ehefrau und drei Kinder. „Wenn ich etwas tue, hilft das, die Probleme zu vergessen.“ Außerdem, so der 43-Jährige, „geht die Woche so schneller vorbei“.

Etwas Taschengeld bekommen die Gefangenen für ihre Arbeit in der Untersuchungshaft auch: 80 Cent bis einen Euro pro Stunde. Davon können sie Alltägliches wie Leselampen, Kaffee und Zigaretten kaufen. Über die Sozial- oder Asylhilfe gibt es maximal 42 Euro monatlich. Bevor die Gefangenen wieder auf ihre Zellen können, müssen sie durch eine Art Schleuse. Dort werden sie von JVA-Beamten abgetastet und abgescannt, die Werkzeuge werden gezählt. „Die Gefangenen sind sehr kreativ, wenn es darum geht, etwas mit hinaus zu nehmen“, erklärt Kristian Stracke, Chef der Werkbetriebe in Stuttgart und Hohenasperg. Diese gehören zum Landesbetrieb „Vollzugliches Arbeitswesen“, der dem Justizministerium untergeordnet ist.

In den Zellen verbringen die Inhaftierten ihre Pausen, essen und trinken dort. Danach geht es wieder in den Betrieb. In einigen Hallen wirkt die Atmosphäre trotz vieler Kontrollen und ständiger Aufsicht fast locker. Je nach Betrieb und Größe gibt es zwei oder drei Mitarbeiter, die anleiten, aufpassen und Büroarbeiten erledigen. „Das sind erwachsene Menschen“, erklärt Stracke. Nur wer Ordnung und Sicherheit gefährde, müsse ausgeschlossen werden. Vorhersehbare Konflikte versuche man zu vermeiden. So gebe es beispielsweise einige Ethnien, die sich nicht vertragen. Auch Mitglieder der Rockergruppen United Tribunes und Black Jackets arbeiten, wenn überhaupt, besser in verschiedenen Betrieben.

In der Schlosserei etwa können bis zu 16 Leute arbeiten. Vorkenntnisse sind nötig, etwa, um bestimmte Maschinen zu bedienen. „Entsprechende Erfahrungen draußen, eine Schlosserausbildung oder zumindest eine Tätigkeit in einem handwerklichen Beruf sind Voraussetzung“, so Stracke. Die Justizvollzugsanstalt Stammheim ist zuständig für Männer im geschlossenen Vollzug mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr und drei Monaten, Freiheitsstrafen von mehr als einem Jahr und drei Monaten, Untersuchungshaft und Strafarrest. In anderen Haftanstalten, in denen Gefangene länger einsitzen, sei es auch möglich, eine Ausbildung zu machen, eventuell sogar den Meister, sagt Stracke. „Es gibt Autowerkstätten, Betriebe, die sich um den Unterhalt der Gebäude kümmern, arbeitstherapeutische Betriebe und Elektrowerkstätten“, erklärt Stracke.  Zu den internen Versorgungsbetrieben zählten die Küche, die Wäscherei und die Reinigung. Im Heilbronner Gefängnis gebe es ein Weingut und Textilverarbeitung. In Bruchsal würden Smoker-Grills hergestellt. Die Spezialisierung hänge von der Nachfrage in der jeweiligen Region ab.

Für die Auftragsgewinnung ist in Stuttgart ein eigener Vertriebsmitarbeiter zuständig. Oft würden Arbeiten nachgefragt, die in Betrieben zu teuer sind. „Wir machen trotzdem keine Dumpingpreise und wollen niemandem draußen das Wasser abgraben“, versichert Stracke. „Viele Handwerks- und Industriebetriebe in Baden-Württemberg zählen zu unseren langjährigen Kunden. 2016 haben die Stuttgarter Werkbetriebe bei einem Umsatz von 1,5 Millionen 290 000 Euro Reingewinn erwirtschaftet.

Die Arbeitsstellen sind begehrt – es gibt Wartelisten. Da nicht mehr Betriebsflächen auf dem Gelände in Stammheim untergebracht werden können, arbeiten jedoch nur etwa 250 der aktuell knapp 700 Inhaftierten. „Wer arbeitet, ist ausgeglichener“, erklärt Matthias Nagel, Leiter der Stuttgarter Justizvollzuganstalt. Ziel sei, den Gefangenen eine Tagesstruktur zu geben und sie gleichzeitig auf die Zeit nach der Entlassung vorzubereiten. Daher bedauert er, dass die JVA zu wenig Platz hat. Er würde den aktuellen Beschäftigungsgrad von rund 30 Prozent gern erhöhen. „Die Anstalt ist derzeit durch die hohe Belegungszahl auf maximale Effizienz ausgelegt.“

Meister und Techniker, vor allem im Elektrobereich, werden in den Stammheimer Werkbetrieben vor allem gesucht. JVA-Chef Matthias Nagel: „Das Land bietet einen sicheren Job, mit 62 kann man in Pension gehen. In den Werkbetrieben gibt es keinen Schicht- und kaum Wochenenddienst.“ Wer vor 42 einsteigt, kann verbeamtet werden.

Wer im Gefängnis arbeitet, sollte keine Berührungsängste haben und muss schon einmal „unmittelbaren Zwang“ anwenden können, zum Beispiel Schläger trennen oder jemanden zu Boden bringen. Ein guter Umgang mit Menschen sei wichtig, betont Nagel, ebenso wie ein rechtsstaatliches Verständnis. and

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