Anschubhilfen für den Umstieg

Die Region Stuttgart versinkt im Verkehr. Immer mehr Kommunalverwaltungen steuern mit betrieblichem Mobilitätsmanagement gegen. Auch die Unternehmen vor Ort wollen sie dafür gewinnen.

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Der Ludwigsburger Stadtplaner Martin Kurt fährt die Acht-Kilometer-Strecke zur Arbeit jeden Tag mit dem Rad. Dort gibt es Duschen und einen Umkleideraum.  Foto: 

In einem vollgestopften Bus zu stehen, umgeben von lärmenden Schülern - für Martin Kurt ist das keine besonders verlockende Vorstellung. Auch das Auto lässt der Stadtplaner morgens stehen: Er fährt die acht Kilometer von seinem Wohnort in Remseck-Aldingen bis nach Ludwigsburg lieber mit dem Rad. Und zwar bei Wind und Wetter. "Ich habe Freude an der Bewegung und wollte das in meinen Alltag integrieren", erzählt der Familienvater. Nur gut, dass sein Arbeitgeber seine Lust am Radeln fördert: In der Ludwigsburger Stadtverwaltung gibt es Duschen sowie einen Umkleideraum mit Spinden.

Die Barockstadt hat sich als eine der ersten Kommunen in der Region Stuttgart wissenschaftlich begleitet mit betrieblichem Mobilitätsmanagement auseinandergesetzt. Unterstützung erhielt die 90.000-Einwohner-Kommune dabei von den Kasseler Verkehrsexperten der sogenannten Planungsgruppe Nord. Als Ergebnis wurden viele kleine und große Maßnahmen ergriffen, um der Belegschaft Alternativen zum Auto schmackhaft zu machen. Elektro-Autos sowie Pedelecs, die man auch für private Fahrten leihen kann, gehören heute zur Dienstflotte, Carsharing und Mitfahrgelegenheiten, die übers hauseigene Intranet organisiert werden, wurden etabliert. Ziel sei, den 1500 Mitarbeitern der Stadt einen Mix aus umweltfreundlichen Fortbewegungsmitteln zur Verfügung zu stellen, sagt Christine Ahbe vom Fachbereich Stadtplanung und Vermessung. Eine Kollegin von Martin Kurt radelt beispielsweise jeden Morgen von Stuttgart-Heslach nach Ludwigsburg. Spielt das Wetter mal nicht mit, springt sie - mit dem zu 55 Prozent subventioniertem Jobticket - einfach in die Bahn.

Individuelle Massenmobilität - so lautet für immer mehr Kommunen in der Region Stuttgart das Gebot der Stunde. Der Anteil der öffentlichen Verkehrsmittel soll ausgebaut und gleichzeitig sollen deren Schwächen (feste Taktzeiten, weniger Angebote nachts) durch Sharing-Konzepte für Autos und Fahrräder ausgeglichen werden. Der Verband Region Stuttgart hat dafür zusammen mit seiner Wirtschaftsförderung (WRS) vor Jahren das Förderprogramm "Modellregion für nachhaltige Mobilität" aus der Taufe gehoben, in das auch die Stadt Ludwigsburg aufgenommen wurde. In den vier bisherigen Förderrunden wurden 29 kommunale Projekte unterstützt, in die rund vier Millionen Euro flossen. Weitere 3,5 Millionen Euro sollen in den kommenden vier Jahren in den Aufbau eines Netzwerks intermodaler regionaler Mobilitätspunkte gesteckt werden. Die bestmögliche Vernetzung sämtlicher Verkehrsmittel soll an diesen Standorten realisiert werden.

Die Notwendigkeit belegt der VRS mit Zahlen: 60 Prozent der Regionsbürger sind demnach mit der Straßensituation unzufrieden. Kein Wunder: Stau ist in und um die Landeshauptstadt an der Tagesordnung. 46 Prozent aller Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, teilt die WRS mit, der motorisierte Individualverkehr nehme daher eine Schlüsselstellung bei der Verbesserung der Lebensqualität in der Region ein.

Auf dem Weg zu einem umweltfreundlicheren Mobilitätsverhalten sollen die Kommunen als gutes Beispiel vorangehen. Die WRS baut derzeit ein Netzwerk der kommunalen Verantwortlichen für betriebliches Mobilitätsmanagement in der Region auf, zu dem aktuell rund zwölf Mitglieder gehören. Es handle sich vor allem um größere Städte, sagt Holger Haas von der WRS. Sie sollen als Multiplikatoren an Unternehmen herantreten und sie dabei unterstützen, betriebliches Mobilitätsmanagement zu etablieren.

Das wird in Ludwigsburg längst umgesetzt, und auch Stuttgart hat sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben. Seit 2013 läuft ein Projekt mit vier Betrieben - zwei Unternehmen, einer Kultureinrichtung und einem Krankenhaus. Die Mitarbeiter werden dabei nach ihrem Mobilitätsverhalten befragt, und es werden Bedürfnisse abgeklopft. Die Ergebnisse sollen 2016 ausgewertet werden, kündigt Patrick Daude aus der beim Oberbürgermeister angesiedelten Abteilung Mobilität an. Erste Erkenntnisse werden indes schon verarbeitet und bilden die Grundlage für Verbesserungen. Die reichen von ausgeweiteten Bustakten über eine bessere Ausleuchtung von Fußgängerwegen bis hin zu einer sinnvolleren Ampelschaltung.

Ein Hauptmotiv für die Unternehmen, sich in Sachen Mobilitätsmanagement zu engagieren, sei der Imagegewinn, sagt Daude. Wer für seine Mitarbeiter einen Shuttle-Service in entlegene Gebiete oder E-Roller als Dienstfahrzeuge organisiere, könne sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Umweltschutz und Gesundheit der Mitarbeiter werden gefördert, obendrein müssen die Unternehmen weniger Parkplätze vorhalten. Dass die Landeshauptstadt als Zentrum der Region und damit auch der Verkehrsmisere ihren eigenen Mitarbeitern bereits einen Strauß an Mobilitätsmöglichkeiten bietet, versteht sich von selbst.

Ein Engagement, das belohnt wird, wie man auch in Ludwigsburg weiß. Die dortigen Angebote finden laut Christine Ahbe immer mehr Abnehmer. Eine aktuelle Mitarbeiterbefragung zeige, dass der ÖPNV-Anteil "signifikant gestiegen" sei, das eingeführte Parkraummanagement in der nahen Oststadt habe Wirkung gezeigt. Zudem könne man beobachten, dass Verkehrsmittel flexibler zum Einsatz kämen. Auch das Rad werde nun intensiver genutzt, sagt Ahbe. Stadtplaner Martin Kurt ist im Kollegenkreis also längst kein Exot mehr. Der Familienvater sagt, beim Radeln kämen ihm die besten Ideen. "Und erkältet war ich auch schon seit Jahren nicht mehr."

Busse haben dank satellitengestützter Technik Vorfahrt

Beispielhaft Mit finanzieller Unterstützung aus dem regionalen Förderprogramm "Modellregion für nachhaltige Mobilität" wurden 2015 sieben neue Projekte gestartet. Die Gemeinde Rudersberg (Rems-Murr-Kreis) beispielsweise hat ihre Ortsdurchfahrt zu einem Shared Space umgebaut. An beiden Enden werden Mobilitätspunkte mit E-Carsharing, Leihpedelecs, einem Anschluss an den ÖPNV und einer Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge geschaffen. In Remseck am Neckar (Kreis Ludwigsburg), wo nur drei der sechs eigenständigen Ortsteile an die Stadtbahn U14 angeschlossen sind, will man mit Pedelec- und Radverleihstationen ein besseres Mobilitätsangebot schaffen. Und in Böblingen haben Busse dank eines satellitengestützten Systems im Straßenverkehr Vorfahrt.

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