Amazonen auf acht Rollen

Die "Stuttgart Valley Rollergirlz" feiern heuer ihr zehnjähriges Bestehen. 2006 legten sie den Grundstein für den Kontaktsport auf Rollen. Der soll künftig in Deutschland noch bekannter werden.

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Schwarz und Pink sind die Farben der Stuttgarter "Rollergirlz". Ihre Spiele sind gut besucht.  Foto: 

Weißes Klebeband begrenzt das ovale Spielfeld im Haus des Sports. Zehn Mädchen auf je acht Rollen sausen darüber, Runde für Runde. "Bleibt dran! Lasst sie nicht vor! Ja, du kannst das", feuert Trainerin "Ellie Minate" die Skaterinnen an. Die "Bad Seeds", das B-Team aus Stuttgart, messen sich im Freundschaftsspiel mit den "Hell's Ass Derby Girls" aus Straßburg. Für einige ist es eines der ersten Spiele. Um Erfahrung zu sammeln, zählt jeder Wettkampf.

"Der Grundgedanke ist inklusiv: Es ist ein Sport, der offen für alle ist", sagt "Teaze the Tiger". Die 33-Jährige ist seit zehn Jahren ein Rollergirl. "Unsere echten Namen kennen wir untereinander zum Teil selbst nicht." Angelehnt an Superheldinnen gehört die zweite Identität für sie zum Derby wie die schwarz-pinkfarbenen Trikotfarben oder das Maskottchen, der "Rollergaul". "Wir vermitteln ein starkes Frauenbild. Wenn Mädchen zuschauen, sehen sie Amazonen, die sich gegenseitig auf die Mütze geben."

Seinen Anfang nahm alles vor zehn Jahren mit einer amerikanischen Freundin, die Roller Derby aus ihrer Heimat kannte und eine Szene in Deutschland vermisste. Im April 2006 schlug so die Geburtsstunde der "Stuttgart Valley Rollergirlz" beim Weinschorle in der Kneipe "Bonnie und Clyde". "Teaze the Tiger" und sechs weitere Frauen schrieben als erstes deutsches Team ein Stück Sportgeschichte. Erst zwei Wochen zuvor hatte sich - ohne ihr Wissen - die erste europäische Gruppe in London gegründet.

Zu Beginn trainierten die Stuttgarterinnen überall, wo es Platz gab, in der leeren Großraumdisco oder in Lagerhallen. Sie lernten Regeln, standen das erste Mal seit der Kindheit wieder auf Rollschuhen, noch wacklig. Nebenbei organisierten sie Events, gründeten den Verein und leisteten Pionierarbeit für den Sport in Deutschland. Ihr Motto "Do it yourself" zieht sich bis heute durch. Nichts geht ohne den Zusammenhalt.

"Die Attraktion für mich war, dass es was ganz anderes war, wild verrückt", erzählt Valerie Togodda alias "Pogo Galore". "Das ist es, das packt mich." Die Abteilungsleiterin ist seit 2010 Mitglied. Ein Rollergirl muss Biss haben, zäh und stark sein. Darum trainieren die Frauen mehrmals pro Woche, neben Ausdauer- und Krafttraining feilen sie an der Taktik, mit der Analyse von Spielszenen auf der Plattform Youtube und Trainingslagern mit Coaches aus den USA, England oder Skandinavien.

Sicher fahren und bremsen, nach einem Sturz binnen drei Sekunden wieder stehen, das sind die Minimalanforderungen für den Vollkontaktsport, erklärt "Pogo Galore". Es geht um mehr als rollen, rempeln und sich aufrappeln. Wer gewinnen will, muss strategisch vorangehen. Die Regeln sind simpel: Vier Skaterinnen pro Team fahren als Blocker in einem "Pack", durch den sich zwei Sprinterinnen, die "Jammer", durchkämpfen. Jeder überholte Gegenspieler bringt einen Punkt. Auch wenn es zur Sache geht, austeilen und einstecken dazugehört, ist die Verletzungsgefahr nicht größer als bei anderen Sportarten, glaubt "Teaze the Tiger". Die Spielerinnen tragen Helm und Mundschutz, Schoner an Knien, Ellbogen und Handgelenken.

Zum Saisonauftakt waren die Spielerinnen in London. Noch immer finden viele Wettkämpfe, die sogenannten "Bouts", im Ausland statt, in Skandinavien, Großbritannien, Frankreich. Erst nach und nach bildeten sich immer mehr starke deutsche Teams - heute gibt es um die 25 Stück. 2015 fand die erste offizielle Bundesliga-Saison statt.

Die anfänglichen Amateursportlerinnen aus Stuttgart können auf beachtliche Erfolge blicken. 2010 gewannen sie die erste deutsche Meisterschaft, sind amtierender Vizemeister. "Teaze the Tiger" und "Polly Purgatory" spielen in der Nationalmannschaft.

"In Deutschland stagniert die Entwicklung allerdings momentan leider. Andere Länder ziehen stärker nach", sagt "Teaze the Tiger". Im zehnten Jubiläumsjahr könnte sich zeigen, ob Roller Derby in Deutschland ein vorübergehender Hype ist oder der Sport sich langfristig durchsetzt. Ein Ansatzpunkt ist die Jugendarbeit. Mit Workshops an Schulen wollen die "Rollergirlz" um Nachwuchs werben. Sie kämpfen nicht nur auf dem Spielfeld, sondern haben es sich zum Ziel gesetzt, den Sport langfristig zu etablieren.

Früher ein Showsport wie Wrestling

Ursprünge Das Roller-Derby der 50er bis 70er Jahre war ein Unterhaltungsprogramm wie Wrestling mit verabredeten Prügeleien und überzogenen Aktionen. Seit der Wiedergeburt 2001 und vor allem der Gründung des Dachverbands "Women's Flat Track Derby Association" wird es als ehrliche Sportart ohne Show-Elemente im Spiel ausgeübt. Als Überbleibsel des Showgedanken sind die Kampfnamen geblieben, unter denen die meisten Spielerinnen antreten.

Termin Das nächste Profispiel der Stuttgarter A-Mannschaft findet am Samstag, 16. April, in der Sporthalle West gegen die "Queen B's" aus Helsinki in Finnland statt. Spielbeginn ist um 19 Uhr.

Kontakt Wer Spieler, Schieds- oder Punktrichter werden will, kann über Mail an join@rollergirlz.de Kontakt aufnehmen.

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