ADFC: „Das Rad hat jahrzehntelang den Kürzeren gezogen“

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Konzeptionell ist das Thema vorangekommen, in der Umsetzung aber hinterher“, beschreibt Cornelius Gruner, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Stuttgart, die Situation für Radfahrer in Stuttgart. „Radfahren hat in Stuttgart wenig Tradition. Hier wurde alles für das Auto getan. Verkehrsfläche lässt sich aber nur einmal verteilen. Das Rad hat Jahrzehnte lang den Kürzeren gezogen.“

Deshalb komme man heute in Städten wie Freiburg oder Karlsruhe sehr viel besser mit dem Rad durch die Stadt, so Gruner. In Stuttgart könnten schon durch die Kessellage Straßen nicht einfach verbreitert und Radstreifen markiert werden. Wo viele Altbauten stehen, fehlen zudem Abstellmöglichkeiten für Räder, während sie bei Neubauten seit mehreren Jahren zwingend vorgeschrieben sind.

Es gibt aktuell keine genaue Zählung zu den Verkehrsteilnehmern, die in Stuttgart per Rad unterwegs sind. Gezählt wird nur an einzelnen Stellen. Eine davon steht am Schwimmbad Leuze. Sie wird jährlich von 820 000 Radlern passiert. Insgesamt wird der Rad-Anteil am Gesamtverkehr auf zwischen sieben und 13 Prozent geschätzt. Subjektiv gesehen habe das Radfahren jedenfalls Jahr für Jahr erheblich zugenommen, sagt Gruner. Selbst in den Wintermonaten werde das Rad zunehmend als Verkehrsmittel genutzt, speziell auch an den Tagen mit Feinstaub-Alarm.

„Jedes Jahr nimmt die Stadt zwar ein bisschen mehr Geld in die Hand, insgesamt ist es aber zu wenig“, kritisiert der ADFC-Vorsitzende die Stadtpolitik. Komplett fertiggestellt sei bisher nur die Hauptradroute 1, die von Fellbach über die City hinauf nach Degerloch und Stuttgart-Rohr führt, moniert Gruner. „Alles andere ist noch Fahrradwüste.“

Einen guten Teil dieser Hauptradroute befährt Claus Köhnlein täglich auf seinem 13 Kilometer langen Weg zur Arbeit. Er wohnt in Mühlhausen und arbeitet im Rathaus als Fahrradbeauftragter der Stadt Stuttgart. Den Titel gibt es erst seit 2004. Doch auch davor schon war der begeisterte Radler, der zwischen Citybike, Mountainbike und Rennrad wechselt ­– „alle ohne Strom“ – im Stadtplanungsamt für Radwege zuständig. Seitdem ist die Arbeit Jahr für Jahr mehr geworden, was auch die stark gestiegenen Budgets widerspiegeln. 2005 wurden 385 000 Euro für Radprojekte ausgegeben, im Doppelhaushalt 2016/2017 sind je vier Millionen Euro eingeplant.

An welchen großen Projekten wird derzeit für Fahrräder gearbeitet? Das sind zum einen die Hauptradrouten, dann die Schaffung von weiteren Parkmöglichkeiten für Räder, eine bessere Beschilderung und das Öffnen von weiteren Einbahnstraßen für Zweiräder, zählt Köhnlein auf. Von den 36 definierten Hauptradrouten sind bislang drei fertiggestellt, bei weiteren 50 Prozent stehen erste Teilstrecken. Die bislang vier bewachten Fahrrad-Parkhäuser in der Stadt und die Boxen  am Hauptbahnhof sind alle voll belegt und müssen dringend erweitert werden. Die spezielle Beschilderung für Radfahrer muss ausgebaut werden. Und bei den Einbahnstraßen sollte auch das letzte Drittel der Straßen für Radler geöffnet werden, zwei Drittel seien schon in beiden Richtungen für Räder befahrbar.

Stolz ist Köhnlein auf das Stuttgarter Fahrradverleihsystem mit der größten Flotte von Elek­tro-Fahrrädern, die eine deutsche Stadt anbietet. Die Entleih- und Rückgabemöglichkeiten sollen bis 2018 auf die ganze Region Stuttgart ausgedehnt werden. Momentan läuft dafür die Ausschreibung.

„Stuttgart ist noch keine Fahrradstadt. Aber sie gehört zu den Städten mit den wenigsten Unfällen und wird radfreundlicher. Fast täglich kommt etwas Neues für Radfahrer dazu“, beschreibt Köhnlein die Situation. Radfahrer seien aber keine homogene Gruppe, sondern hätten sehr unterschiedliche Bedürfnisse. „Für jemanden, der möglichst schnell von A nach B kommen will, brauchen wir eine andere Infrastruktur als für eine Familie mit Kindern, die sicher durch die Stadt radeln möchte.“

Eines aber habe sich generell verbessert: „Dadurch, dass inzwischen viele Autofahrer selbst aufs Fahrrad steigen, gibt es erheblich weniger Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern – das Verständnis wächst.“

Erfunden wurde das Fahrrad in Baden-Württemberg, genauer gesagt in Mannheim. Das Jubiläum wird auch in Stuttgart gefeiert. Der 30. April ist „Radtourentag“. Der ADFC bietet zahlreiche geführte Radtouren durch Stadt und Region an. Parallel sind anschließend das Jahr über „Traumtouren“ durch ganz Baden-Württemberg geplant. Und unter dem Motto „FahrRad statt Feinstaub“ können am 21. Mai Radfahrer unter Polizeischutz auf Hauptverkehrsstraßen ins Stadtzentrum fahren und dort am Fahrrad-Aktionstag der Stadt teilnehmen.

Ab 30. April ist die Radmitnahme im gesamten Nahverkehr des Landes – mit Ausnahme der Stoßzeiten – kostenlos. Tabu bleiben die Stuttgarter Busse. bw

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