"Stuttgartnacht": Bürgermeister am DJ-Pult

Ein Bürgermeister-Trio an den Plattentellern, eine Travestie-Show, die jeder sehen wollte, und eine Inszenierung, die durch eine Prise Wahnsinn bestach: Die "Stuttgartnacht" war gewohnt vielfältig.

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  • Die Bürgermeister Werner Wölfle, Isabel Fezer und Peter Pätzold am Mischpult. Ein bisschen Unterstützung erhielten sie von dem professionellen DJ Martin Elbert (links) und Pferdle vom Duo Äffle & Pferdle. 1/2
    Die Bürgermeister Werner Wölfle, Isabel Fezer und Peter Pätzold am Mischpult. Ein bisschen Unterstützung erhielten sie von dem professionellen DJ Martin Elbert (links) und Pferdle vom Duo Äffle & Pferdle. Foto: 
  • Wenn Victoria von K. und ihre Mitstreiter in der Jakobstube auftreten, stehen die Leute Schlange. 2/2
    Wenn Victoria von K. und ihre Mitstreiter in der Jakobstube auftreten, stehen die Leute Schlange. Foto: 
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"Na, wie lange steht ihr schon für die Show an?" Victoria von K. lehnt im Türrahmen der Stuttgarter Jakobstube und unterhält sich mit einer Gruppe junger Frauen, die ihrer Aufmachung nach zu urteilen gerade einen Junggesellinnenabschied feiern. Von hinten fällt ihr das Licht aus der Kneipe rötlich über die Schultern und verleiht der knapp zwei Meter großen, in dunkle Federn und Pailletten gehüllten Dame ein beinah gespenstisches Leuchten. Dann dreht sie sich um und die Show beginnt.

Victoria von K. ist an diesem Abend eine der drei Darstellerinnen der glamourösen Travestie-Show in der Jakobstube. Ein Geheimtipp, der während der "Stuttgartnacht" gar nicht mehr so geheim scheint. Vor der Tür zumindest stehen knapp 50 Menschen - und das, obwohl die Show bereits begonnen hat. In der Stube hingegen ist es eng und schummrig. In der Mitte des Raums steht ein großer Tresen, um den sich die gut 50 Menschen drängeln, die Besitzer Heinrich hier hineinzwängen konnte. Zwei bis dreimal pro Jahr treten in der Jakobstube Travestie-Künstler auf, sagt Heinrich, der mit seinem grauen Pferdeschwanz und der schnodderigen Art wie der typisch urige Kneipenbesitzer wirkt. Das sei an diesen Abenden dann meistens so, meint er angesichts der Menschenmassen. Doch während der "Stuttgartnacht" sei die Schlange besonders lang.

Die Jakobstube im Leonhardsviertel ist nur eine von rund 70 Stuttgarter Kultureinrichtungen, Clubs, Theatern und Bars, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag ihre Türen öffneten. Mit 9000 Besuchern kamen erneut weniger als in den Vorjahren (siehe Infobox). Getanzt, gestaunt und gefeiert wurde trotzdem - und manch einen führte die "Stuttgartnacht" auch auf gänzlich neues Terrain: "Worum ging es da jetzt bitte?" Eine Frau stemmt verbal die Hände in die Hüften, als sie aus der Vorstellung des Figurentheaters "Songs for Alice" kommt. Christian Bollow vom Stuttgarter Zentrum für Figurentheater "Fitz!" jedoch zuckt mit den Achseln. "Bei einer solchen Inszenierung den roten Faden zu suchen, ist vielleicht der falsche Weg", meint er augenzwinkernd.

So ganz Unrecht hat er nicht. Denn im "Fitz!" sprang das Leipziger Trio "Wilde und Vogel" zur "Stuttgartnacht" hinter Lewis Carrolls Alice durch das berühmte Kaninchenloch und fand sich in einem geradezu grotesken Universum aus skurrilen Figuren, Objekten und einer guten Prise Wahnsinn wieder. "Beim Figurentheater geht es immer um einen Belebungsvorgang", erklärt Christian Bollow im Anschluss an die Vorstellung. Anders als beim Puppentheater begnüge man sich dabei jedoch nicht mit klassischen Puppen: Man belebt Objekte, Materialien, manchmal sogar banale Dinge wie Buchweizen. "Es gibt zum Beispiel ein Stück, das von einer Kopfschmerztablette handelt, die sich in einem Wasserglas ertränkt", erzählt Bollow.

Abseits der Theater schlüpfte man währenddessen auch im Rathaus in neue Rollen. Während Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle (Grüne), Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) und Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) ihre Tage sonst eher hinter dem Schreibtisch verbringen, wagten sie sich zur "Stuttgartnacht" auf Neuland: an die Decks. Frei nach dem Motto "Your Mayor is a DJ" stellten sie sich für jeweils eine gute halbe Stunde ans DJ-Pult und spielten die selbst entworfenen Sets live.

Ganz ohne Training ging das nicht: "Wir haben uns schon einmal getroffen und dabei eine kleine Einweisung bekommen", so Pätzold, der das letzte Mal während seiner Schulzeit zum Teilzeit-DJ wurde. Die Technik habe sich seit damals ein bisschen verändert: "Wir haben unsere eigenen Songs mitgebracht und sie am Laptop aneinander geschnitten", erzählt der Bürgermeister, bevor er sich mit einem leicht nervösen Kopfnicken verabschiedet: Zeit für seinen Auftritt.

Wieder weniger Besucher: Ein Auslaufmodell?

Prüfstand Rund 9000 Besucher wurden bei der 14. "Stuttgartnacht" gezählt - und damit nochmal weniger als im Vorjahr, als mit etwas mehr als 10.000 Kulturbegeisterten auch schon etwa 3000 weniger als üblich gekommen waren. Bei den Organisatoren vom Veranstaltungsmagazin "Lift" schrillen mit Blick auf die Zahlen die Alarmglocken: Das Konzept komme nun noch mehr als sonst auf den Prüfstand, kündigte Anette Taube, Verlagsleitung Event und Online, am Sonntag an.

Gründe Für eine detaillierte Ursachenanalyse sei es einen Tag nach der Veranstaltung noch zu früh, sagte Taube. Das regnerische und kalte Wetter könnte ihr zufolge ein Faktor gewesen sein. Ein anderer, dass das Staatstheater als eines der großen Zugpferde wegen Terminkollisionen diesmal nicht dabei war. Womöglich sei das Konzept für die Leute auch nicht mehr so interessant wie in den Anfangsjahren, als es etwas Vergleichbares nicht gegeben habe, überlegt Taube. In den kommenden Wochen wollen die Veranstalter diskutieren, wie man wieder mehr Leute locken könnte. Grundsätzlich infrage stellen sie die Veranstaltung zumindest (noch) nicht. Mit dem 15. Oktober 2016 steht schon der nächste Termin fest.

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