"Politiker wissen seit Jahren Bescheid, tun aber nichts"

Die Umweltorganisation Greenpeace will mit einer Messaktion in Stuttgart die Politik wachrütteln - und übt Kritik am grünen OB Fritz Kuhn.

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Blick auf die Werte: Wissenschaftlerin Katja Bigge und Verkehrsexperte Daniel Moser haben mit ihrer mobilen Stickstoffdioxid-Messstation an der stationären Feinstaub-Messstation am Neckartor halt gemacht.  Foto: 

Katja Bigge schaut auf den Bildschirm ihres Laptops. Das Kurvendiagramm zeigt viele Ausschläge nach oben. Mit einem vom Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg entwickelten Messgerät ist die Wissenschaftlerin diese Woche zwei Tage lang im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace durch Stuttgart geradelt, hat Stickstoffdioxid-Werte an öffentlichen Plätzen, an Haupt- und Nebenstraßen, an Schulen und Krankenhäusern gemessen.

Normalerweise wird in Stuttgart immer über Feinstaub gesprochen - aktuell läuft der vierte und bislang längste Feinstaub-Alarm, bei dem Autofahrer aufgerufen sind, ihre Wagen stehen zu lassen. Doch auch von Stickstoffdioxid (NO2) gehen Gefahren für die Gesundheit aus - darauf will Greenpeace mit der Aktion aufmerksam machen. Allergien, Atemwegserkrankungen, Herzkreislauferkrankungen und Krebs drohten, zählt Daniel Moser, Verkehrsexperte der Organisation, auf. "Die europäische Umweltagentur hat errechnet, dass bundesweit jährlich 10.000 Menschen wegen Stickstoffdioxid sterben." Die Ergebnisse der Messungen in Stuttgart beunruhigen Moser daher: "Wir haben extrem hohe Werte gemessen", bilanziert er. Zum Vergleich: Der EU-Grenzwert liegt im Jahresmittel in Deutschland bei 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft. In Stuttgart registrierten die Aktivisten Werte von bis zu 460 Mikrogramm. Das seien freilich nur Momentaufnahmen, so Moser. Hochrechnungen, die einen verlässlichen Vergleich zulassen, sollen im Mai folgen. Aussagekräftig seien die Messungen dennoch. "Sie zeigen, dass der Grenzwert teilweise mehr als das zehnfache überschritten wird."

Nicht nur in Stuttgart, sondern in etwa einem Dutzend Städten insgesamt hat Katja Bigge in den vergangenen Wochen die NO2-Werte erfasst und oft hohe Werte festgestellt. Schon frühere Messungen hätten aber gezeigt, dass Stuttgart im Vergleich "wirklich die dreckigste Stadt ist", sagt Moser. Er und seine Mitstreiter wollen daher die verantwortlichen Politiker wachzurütteln. Diese unternähmen nichts, obwohl sie seit Jahren um die schlechte Luft wüssten. Ein Seitenhieb auch auf OB Fritz Kuhns (Grüne) Feinstaub-Alarm. "Man kann den Leuten nicht zum Vorwurf machen, dass sie weiter Auto fahren - man muss ihnen die richtigen Angebote machen", moniert der 30-Jährige. Der Verkehrsexperte vermisst einen massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Radwege. Greenpeace fordert außerdem die Blaue Plakette und damit Fahrverbote für Dieselfahrzeuge - die Hauptverursacher von Stickstoffdioxid laut der Organisation. Mit Blick auf das giftige Gas, aber auch den Feinstaub sei die Lösung dieselbe, sagt Moser: "Der Verkehr muss weniger werden."

Info Der Feinstaub-Alarm wurde wegen der Wetterprognosen bis mindestens Sonntagnacht verlängert.

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Kommentare

18.03.2016 18:49 Uhr

Feinstaub: Politiker wissen seit Jahre Bescheid, tun aber nichts

Na, glücklicherweise wissen es diverse Journalisten noch viel besser. Was sollen den nach deren Meinung die Politiker machen, wenn Massnahmen wie Verkehrsreduktionen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Umweltzonen sowie das ganze Arsenal von vermeindlichen Gegenmassnahmen eine Reduktion der Feinstaubbelastung allenfalls im homöopathischen Bereich bringt. Dies trotz Probenahmenstellen unmittelbar am Fahrbahnrand, was nach EU-Richtlinien gar nicht zulässig ist. Und der Gedanken, der in Brüssel locker einhaltbare Grenzwert könnte bei bestimmten Geländelagen unmöglich einhaltbar sein, wird ausgelassen. Einfacher ist, bei der Feinstaubhetze die Konkurrenz zu übertreffen und die Leute krankzureden. Man bedenke dazu, nicht einmal ein Besoffener hält sich 24 Stunden und 365 Tage im Jahr neben den Messtellen am Fahrbahnrand auf. Für diesen Zeithorizont gilt aber der Grenzwert bezüglich Gesundheitsgefährdung.
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Fazit: So wie das seit langen läuft, wird uns das Thema noch viele Jahre beschäftigen. An der Intelligenz der Journalisten kann es nach meiner Meinung aber nicht liegen.

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