„Menschen brauchen Perspektiven“

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Daimler und der IG Metall verpflichtet: Der Sindelfinger Werks-Betriebsratsvorsitzende Ergün Lümali.  Foto: 

Wenn Ergün Lümali durch die Fenster seines in sachlichem Grau gehaltenen Büros blickt, schaut er auf die Schienen der Werkszüge des Sindelfinger Daimler-Werks und auf zwei große Möbelhäuser. „Die habe ich noch gar nicht wahrgenommen“, wundert sich der sportliche 54-Jährige, der seit 2014 Betriebsratsvorsitzender des Standorts mit seinen 37 000 Beschäftigten ist.

In den letzten Monaten hatte der gelernte Konstruktionsmechaniker  aber auch keine Sekunde Zeit, um hinauszusehen. Er kämpfte darum, dass das Werk Sindelfingen Standort für Elektro­autos der neuen Mercedes-Marke EQ wird. Die jetzt erzielte Betriebsvereinbarung kam nach langen und harten Verhandlungen mit dem Unternehmen zustande. „Sie ist unser Garant, dass der Standort Sindelfingen für die kommenden Jahre und sogar Jahrzehnte auf die Zukunft ausgerichtet wird“, zeigt sich Lümali mit der Absicherung der Produktionskapazitäten und der Beschäftigung äußerst zufrieden.

Die Betriebsvereinbarung ist vermutlich der bisher größte Erfolg des Betriebsrats und Gewerkschafters Lümali. Der Mann hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Als er acht Jahre alt war, holte ihn sein Vater, der schon beim Daimler schaffte, mit der Mutter nach Deutschland. Der in der anatolischen Universitätsstadt Askisehir geborene Ergün Lümali sprach kein Wort Deutsch. Die Familie wohnte in Gechingen bei Calw, Ergün wuchs in einer bürgerlichen Siedlung mit deutschen Kindern auf und integrierte sich rasch. Er spielte Fußball im örtlichen Verein. Und nach der Schule begann er eine Lehre im Mercedes-Werk in Sindelfingen.

Lümali wurde Meisterstellvertreter und wollte seinen Meister machen. Doch längst hatte er sich für seine Kollegen als Gewerkschafts-Vertrauensmann engagiert. So wurde er 1994 Betriebsrat. Und sein Leben bekam eine neue Richtung.

„Menschen  und Autos – darum geht es“, sagt Lümali. Die gerade veröffentlichten Zahlen des Konzerns zeigen kräftiges Wachstum, und die Mitarbeiter können sich auch dieses Jahr auf rund 5400 Euro als Erfolgsprämie freuen. Doch zurücklehnen und in Ruhe die Erfolge genießen, geht nicht, stellt Lümali fest. Schon immer sei es im Autobau um technische Fortschritte und Neuentwicklungen gegangen. Noch nie aber waren die Umwälzungen und Veränderungen so groß und schnell wie heute.

Digitalisierung und Elektrifizierung verändern die Automobilindustrie, die Fahrzeuge und Arbeitswelten komplett. Eines jedoch ändert sich nicht: „Menschen wollen Sicherheit und brauchen Perspektiven –  ganz besonders in solch unruhigen Zeiten“, sagt Lümali.

Denn der Kostendruck ist immens, alle Standorte stehen weltweit in einem intensiven Wettbewerb. Auch Sindelfingen ist davon nicht ausgeschlossen. Da hier aber die neue E-Klasse und weltweit alle S-Klasse Wagen gebaut werden, spielt das traditionsreiche Werk eine Sonderrolle im Konzern.

Wann es losgeht mit der Produktion der Elektrofahrzeuge und welche Fahrzeuge gebaut werden sollen, ist noch offen. Fest steht bisher nur, dass bis 2025 mehr als zehn Elektroautos eingeführt werden sollen, darunter drei Smarts.

Schwäbische Arbeitsmoral

Ähnlich wie Konzernchef  Dieter Zetsche trägt auch Lümali keine Krawatte, sondern Sakko, offenen Hemdkragen  und Jeans. „Es braucht natürlich mehr als nur einen legeren Kleidungsstil, um die ganzen Veränderungen zu meistern. Wir müssen viel Neues lernen, die Führungskultur verändern und Hierarchien abbauen, um schneller zu Ergebnissen zu kommen“, sagt Lümali der sein ganzes Berufsleben „beim Daimler“ verbracht hat und heute in Aidlingen (Kreis Böblingen) wohnt.

Urlaub macht er noch immer gerne in der alten Heimat, aber ansonsten ist er Schwabe durch und durch und schätzt die deutschen Sozialsysteme, die Zuverlässigkeit und die schwäbische Arbeitsmoral. „Die geht einem in Fleisch und Blut über“, sagt der überzeugte Metall-Gewerkschafter, der auch jederzeit bereit ist, im Kampf um sichere und gute Arbeitsplätze für seine Belegschaft im Notfall auch zum Instrument Streik zu greifen.  „Wenn man sich einsetzt, kommt man weiter“, so sein Motto.

Investitionen Mercedes hat 2016 rund drei Millionen Fahrzeuge abgesetzt und ist profitabler geworden. Gleichzeitig steigen die Investitionen in neue Anlagen und Technologien, wie in die neue Marke EQ, in der alle Elektro-Aktivitäten zusammenlaufen. Neben Sindelfingen wurden Bremen, Rastatt und Hambach als Kompetenzzentren zur Produktion von E-Autos festgelegt.

Montagehalle Schon 2014 hatte Daimler beschlossen, kräftig ins Werk Sindelfingen zu investieren. Derzeit entstehen eine neue Montagehalle und ein neues Lackierwerk – Kräne und Bagger auf dem Werksgelände zeugen von der Runderneuerung des Werksgeländes. bw

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