Kommentar zur Foto-Fahndung: Zwischen Pest und Cholera

Kann die Fahndung mit Fotos schwere Verbrechen verhindern? Claus Liesegang ist skeptisch. In jedem Einzelfall müssen kritisch abgewogen werden.

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Claus Liesegang  Foto: 

Es war eine Wahl zwischen Pest und Cholera für die BKA-Ermittler. Veröffentlichen sie das Foto des sexuell schwer missbrauchten und dabei gefilmten Kleinkindes in der Hoffnung, eine weitere Vergewaltigung des Mädchens zu verhindern? Und nehmen sie damit in Kauf, dass das Kind bundesweit bekannt und sein Bild vom Internet nie wieder vergessen werden wird? Mit nicht absehbaren Folgen. Oder schützen sie die Identität des vier­- oder fünfjährigen Opfers in vollem Bewusstsein, dass seine schreckliche Pein andauern, vielleicht noch viel schlimmer werden wird?

Der Richter, der der so genannten Opferfahndung zustimmte, hat gut entschieden. Das lässt sich angesichts des blitzschnellen Erfolgs natürlich hinterher leicht sagen. Die Entscheidung wäre aber auch richtig gewesen, hätte es länger gedauert, den perversen Täter zu ermitteln. Die wohl hohe Wahrscheinlichkeit diesen Widerling zu schnappen, hat dem Richter seinen Entschluss gewiss erleichtert, den er vielleicht auch alleine aus dem Herzen so getroffen hätte.

Der Fahndungserfolg könnte nun allerdings einen gefährlichen Reflex auslösen: Können wir nicht häufiger mit Bildern der Opfer Verbrechen im so schwer zu durchleuchtenden Nirwana des Darknets aufklären?

Vorsicht! Gottlob kennen nur die Ermittler Details der Qualen, die das kleine Kind aus Niedersachsen ertragen musste. Gar niemand aber kennt die Qualen, unter denen Opfer auch über den Missbrauch hinaus leiden können, weil sie wissen, dass die ganze Welt ihre intimsten Geheimnisse kennt. Diese Qualen sind in jedem Einzelfall gegeneinander abzuwägen. Das wird immer ein Akt zwischen Pest und Cholera bleiben.

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