Zwischen Hoffen und Bangen

Im Würzburger Asylheim hat sich ein iranischer Flüchtling das Leben genommen. Er sah keinen Ausweg.

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Blick in einen kalten Flur der Unterkunft in Schwäbisch Gmünd: 4,5 Quadratmeter stehen jedem Asylbewerber zur Verfügung. Foto: Thomas Mayr

In Baden-Württemberg leben Asylbewerber in vergleichbaren Unterkünften. Wie sieht ihre Situation aus?

...]Charles Enoruwa ist erst 28 Jahre alt. Trotzdem kann er ohne Medikamente nicht mehr leben, weder einschlafen noch den tristen Alltag durchstehen. Er ist Christ und musste aus Nigeria fliehen. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in der Gemeinschaftsunterkunft in Schwäbisch Gmünd. Auch hier kommt er nicht zur Ruhe. Der kleine, drahtige Mann schlägt mit der Hand auf den Tisch, seine Stimme überschlägt sich fast: "Alle meine Träume sind tot. Die Gesetze in diesem Land respektieren die Menschen nicht."

Selbstmord - daran hat er schon oft gedacht. Es wäre eine Lösung für seine Probleme, meint er. Seine schwarzen Augen werden immer schmaler, füllen sich mit Tränen. Er ruft: "Bevor ich nach Nigeria zurück muss, bringe ich mich um." Er springt auf, verlässt den Raum. Muss erstmal einige Minuten für sich sein. Das aber ist äußerst schwer, wenn man mit 188 Menschen unter einem Dach lebt.

Auch hier in Deutschland ist Charles nicht glücklich. Er wohnt auf beengtem Raum, hat keine Perspektive. "Die langen Phasen des inhaltlosen Herumsitzens machen krank", sagt Professor Manfred Köhnlein, Gründer der Gmünder Flüchtlingshilfe. Auch das Zusammenleben auf engem Raum belastet. Für Köhnlein steht fest: "Je größer die Unterkunft, desto höher die Kosten für Medikamente."

Deshalb wundert den Theologen auch der Selbstmord eines 29-jährigen Iraners aus Würzburg nicht. Im Würzburger Fall hatten Ärzte mehrfach darauf gedrungen, "an der Art der Unterbringung etwas zu ändern." Was jedoch unterblieb.

Das Problem an Bayern und den dortigen Verhältnissen festzumachen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. In Sinsheim ist im Oktober eine 35-jährige Frau aus Sierra Leone aus dem Fenster gesprungen. Sie versuchte der Enge zu entfliehen. Glücklicherweise kam sie mit Knochenbrüchen davon. "Diese Tat zeigt, unter welchem Druck die Menschen generell stehen, wenn komplett ungewiss ist, wie ihre Zukunft aussieht", sagt Laura Gudd vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Der Auslöser für solch eine Tat sei aber mehrdimensional: die Traumatisierung, die Flüchtlinge aus ihrer Heimat und durch die Flucht mitbringen, die Unsicherheit ihres Aufenthaltsstatus und die schwierige Unterbringungssituation.

In Schwäbisch Gmünd hat es solch schlimme Vorgänge bisher nicht gegeben. "Es wäre aber überzogen, wenn ich behaupte, das könnte hier nie passieren", sagt Einrichtungsleiterin Marcela Bolsinger. Deshalb setzt sie auf engen Kontakt der zuständigen Sozialarbeiter zu den Flüchtlingen sowie auf die soziale Kontrolle der Bewohner untereinander. Denn auch in Schwäbisch Gmünd gibt es viele Menschen, die unter Traumata oder Depressionen leiden. Fünf Bewohner haben aus diesem Grund ein Einzelzimmer bekommen. Zwölf Flüchtlinge im Ostalbkreis sind dauerhaft in psychologischer Behandlung.

Einer von ihnen ist Charles. Wegen seiner angeschlagenen Psyche lebt er seit Oktober alleine. Die ersten beiden Jahre musste er ein Zimmer mit vier anderen teilen. Jedem Flüchtling stehen 4,5 Quadratmeter Wohnfläche zu. Die Mindestfläche für einen Hund beträgt zwischen 6 und 10 Quadratmeter. Das schreibt die Tierschutzverordnung vor.

Vier Duschen, vier Toiletten und 14 Kochplatten teilen sich 20 bis 30 Flüchtlinge. Im Badezimmer hängt die Tapete von den Wänden, die Decke ist mit Schimmelflecken gesprenkelt. Auf dem Flur ist es kalt, riecht nach Urin, Zwiebeln und nach zu vielen Menschen auf zu engem Raum. Die Flüchtlinge sind in einer ehemaligen US-Kaserne untergebracht. "Ja, gemütlich ist es hier nicht", gibt Hans-Michael Betz zu, Leiter der Geschäftsstelle Integration beim Landratsamt. Er versucht aber die Vorteile der Unterkunft zu betonen: Seit einiger Zeit gibt es Vorhänge an den Duschen und keine 6er Zimmer mehr. Die Unterkunft hat eine Kleiderkammer und einen Spielraum für Kinder.

Wenn Charles aus dem Fenster schaut, blickt er auf einen vier Meter hohen weißen Zaun. Die Einrichtung ist nach außen gut abgesichert. Schutzraum oder Gefängnis? Es kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Charles und sein Freund Yankuba Kassama, 37, aus Gambia fühlen sich eingesperrt.

Das hängt auch mit der Belegung zusammen. "Seit Herbst sind wir voll. Wir könnten keine neuen Flüchtlinge mehr aufnehmen", sagt Leiterin Bolsinger. 188 Menschen aus 21 Nationen leben auf vier Stockwerken unter einem Dach.

Ähnlich geht es fast allen Flüchtlingsheimen im Land. Denn in Deutschland haben deutlich mehr Menschen um Asyl gebeten als zuvor. 46 000 Flüchtlinge stellten 2011 einen Asylantrag. Das ist der höchste Wert seit acht Jahren, etwa elf Prozent mehr als 2010. Bis zur ersten rechtskräftigen Entscheidung vergehen bis zu 20,7 Monate.

Das Problem der überfüllten Unterkünfte sei hausgemacht, kritisiert der Landesflüchtlingsrat. Andres Linder schimpft: "Jahrelang wurde die Ein-Unterkunft-Politik betrieben. Jetzt ist in den meisten Landkreisen nur ein Lager übriggeblieben und das stopfen sie nun voll." 2005 gab es noch 130 Gemeinschaftsunterkünfte in Baden-Württemberg, sieben Jahre später sind es nur noch 75. Linder sieht Deutschland nicht von einer Flüchtlingswelle überrollt. Die Zahlen seien von einem sehr niedrigen Stand moderat gestiegen. Die überfüllten Heime von der Politik beabsichtigt, weil sie nur auf Abschreckung setze.

In Schwäbisch Gmünd gab es drei Unterkünfte. Zu Hochzeiten während des Balkankonflikts lebten dort knapp 1000 Menschen. Die wurden nach und nach abgeschoben, die Heime geschlossen. Seit 1998 ist die Unterbringung ausländischer Flüchtlingen Sache der Landkreise. Im Ostalbkreis gibt es nun zwei Sammelunterkünfte, eine in Aalen und eben die ehemalige Kaserne in Gmünd. "Wichtig ist, dass wir noch Unterkünfte haben", sagt Betz vom Landratsamt. "Wir hatten nie die Gewissheit, wann der Zustrom wieder ansteigt", erklärt er die Politik des Landratsamts.

Eine dezentrale Unterbringung in kleinen Wohneinheiten, wie es sie beispielsweise im Landkreis Biberach gibt, ist in Schwäbisch Gmünd aber nicht geplant. Für die Flüchtlinge wäre das eine unglaubliche Verbesserung, sagt Linder.

Was die Flüchtlinge mehr zermürbe als die Unterbringung, sei dieses Leben zwischen Hoffen und Bangen, ist Betz überzeugt. "Die Leute sitzen hier wie auf der Warteliste." Die Flüchtlinge widersprechen nicht. Deepak Bawa, 31, aus Indien ist wichtig: "Wir sind hier eingesperrt wie Tiere im Käfig. Warum behandelt man uns in Deutschland wie Aussätzige und Kriminelle?" Bawa hofft, dass der Tod des Iraners die Leute zum Nachdenken bringt - dass er und seine Freunde aus diesem Käfig befreit werden.

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