Zweites Zuhause auf Zeit

Elternhäuser sind für Familien mit schwerkranken Kindern ein Zufluchtsort. Hier treffen sie auf Menschen mit ähnlichen Problemen, können sogar ein Stück Normalität erleben. Wie im Stuttgarter Keks-Haus.

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Keks-Mutti Cornela Krebs mit Kindern der Familie Teja aus Dubai, rechts das kranke Kind Maximilian Teja. Foto: Stefan Offenbecher

In der Mitte des großen Tisches steht ein Korb mit Brotscheiben, ein großes Glas Nutella und eine Flasche Orangensaft, eine Marmelade-Semmel ist vom Teller gerutscht und natürlich auf der klebrigen Seite auf dem Parkett gelandet. Kinderstimmen dringen aus der Spielecke, wo ein Lego-Turm in die Höhe wächst. Die Eltern unterhalten sich über das, was der Tag bringen wird. Vielleicht. Denn so genau weiß man das im Keks-Haus nie.

Das neue, helle Haus im Stuttgarter Ortsteil Sommerrain ist vor wenigen Monaten fertig geworden, hat das alte baufällige Haus ersetzt. "Keks" ist ein Verein, der sich um Menschen mit kranker Speiseröhre kümmert. Die Geschäftstelle ist im Haus untergebracht, vor allem aber ist es Heimat auf Zeit für Familien, deren Kinder im Olga-Hospital behandelt werden. Sei es stationär oder ambulant.

An diesem Tag verlässt Familie Spieß das Keks-Haus. Es fließen Tränen, wie das so ist, wenn ein Abschied naht, denn in den vergangenen zehn Wochen ist man sich nahegekommen. Gaby Kircher, die Keks-Kinderkrankenschwester ist da, auch Stefan Offenbecher, der Geschäftsführer, und "die beiden Sabines", die das Büro schmeißen, aber viel mehr tun als das. "Das ganze Team war immer für uns da", sagt Katrin Spieß, die ihren kleinen Sohn Roland auf dem Arm hat. Er darf jetzt endlich nach Hause. Vorerst.

Es ist 8.30 Uhr, Frühstückszeit, der einzig feste Termin im Haus. "Da sitzen Eltern und Mitarbeiter zusammen. Wir besprechen die Situation und den Tagesablauf der einzelnen Familien. Zumindest theoretisch", sagt Stefan Offenbecher. Denn mit einem schwerkranken Kind lässt sich der Tag nur bedingt planen.

Roland ist ein Zwillingskind, in Regensburg viel zu früh geboren, nur 740 Gramm schwer und mit einer großen Lücke in der Speiseröhre. Der obere Teil endet in einem Sack, der untere Stumpf ist viel zu kurz, als dass man beide Teile zusammennähen könnte. Es ist eine seltene Erkrankung, die etwa bei einem von 3000 Kindern vorkommt. "Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sie von Ärzten behandelt werden, die möglichst viel Erfahrung haben", sagt Offenbecher. Am Olga-Hospital gibt es diese Erfahrung, etwa 30 Kinder werden dort pro Jahr operiert, weit mehr in der Nachsorge betreut. Deshalb kommen Kinder aus großer Entfernung nach Stuttgart - und ihre Familien ins Keks-Haus.

Katrin Spieß wohnte im Haus, solange Roland auf der Intensivstation war, später bekam sie ein Bett in der Klinik. Aber auch Zwillingsbruder Michael brauchte seine Mama. Deshalb zog Oma Maria mit ihm für vier Wochen ein. "Nur so konnte ich bei beiden Kindern sein. Und mein Mann hat uns jedes Wochenende besucht", erzählt Katrin Spieß. Ein kleines Stück normales Familienleben. Selbst kochen, gemeinsam essen, spielen oder auch nur am Abend zusammen Fernseh gucken, sich ein, zwei Stunden zurückziehen. "Und wenn man reden will, wenn man verzweifelt ist und denkt, dass es nicht mehr weitergeht, dann ist immer jemand da, der in einer ähnlichen Situation ist oder war."

Sabine Bürkle kommt gerade aus dem "grünen Zimmer". Eigentlich ist sie fürs Büro zuständig, aber jetzt hat sie die Betten neu bezogen. Eine neue Familie wird erwartet: "Gerade haben die Eltern erfahren, dass das Kind sofort verlegt werden kann. Sie sitzen schon im Krankenwagen." Ob die Mama in der Klinik bleibt und nur der Vater ein Zimmer braucht oder ob beide kommen, das weiß man im Keks-Haus noch nicht. "Das wird sich herausstellen. Wichtig ist nur, dass sie sich keine Sorgen darum machen müssen, wo sie selbst unterkommen", sagt Offenbecher. Denn Sorgen haben sie genug. Miete müssen die Familien übrigens keine zahlen. "Wir überlassen es den Eltern, ob sie etwas spenden. Die meisten tun das, wenn sie können."

Zurzeit sind die sechs Zimmer voll belegt. Es ist Leben in der Bude, denn Familie Teja aus Dubai hat vier Kinder dabei. Das Sorgenkind ist der neun Monate alte Maximilian. Er liegt auf dem Boden, blubbert vor sich hin, während seine Schwestern Lara (6), Sophia (4) und Johanna (3) in der Spielecke toben.

Über die USA und London sind die Tejas nach Stuttgart gekommen, weil es bei Maximilian Komplikationen gibt. Boris Teja hat gerade den Babysafe geholt, seine Frau Vanitha legt den Kleinen hinein. Sie müssen in die Klinik, wo zwei Mal pro Woche die Speiseröhre aufgedehnt wird. Ob die Behandlung anschlägt, wird sich zeigen.

Die Krankheit ist hier am großen Tisch oft Thema, aber nicht immer. Sie gehört zum Alltag. Hier stört sich niemand daran, wenn ein größeres Kind doppelt so lange zum Essen braucht als andere oder einen Brocken wieder hochwürgt, der ihm im Hals stecken geblieben ist. Es kann höchstens sein, dass nicht nur die eigene Mutter besseres Kauen anmahnt, sondern auch noch jemand anders am Tisch.

"Es tut einfach gut, wenn man mit Menschen reden kann, die die eigenen Probleme verstehen", sagt ein Vater. Auch mit Müttern wie Cornelia Krebs, deren eigener Sohn längst erwachsen ist. Mit ihrem Mann Heinz wohnt sie immer im August und in der Vorweihnachtszeit für einige Zeit im Keks-Haus, backt, kocht, hört zu. "Ich spüre, dass diese Menschen an einem Punkt sind, an dem ich damals auch nicht weiterwusste. Ich bin einfach da und helfe, wo ich kann", sagt die Frau, die sie liebevoll "Keks-Mutti" nennen.

Familie Spieß hat die Koffer gepackt. Es geht nach Hause. Vom Keks-Team ist es ein Abschied auf Zeit. Regelmäßig werden sie zur Nachuntersuchung kommen und in einem halben Jahr soll Roland erneut operiert werden. "Wir wissen, dass noch schwere Stunden des Bangens vor uns liegen", sagt Katrin Spieß, der anzusehen ist, wie sehr die Situation an ihr nagt: "Aber wir freuen uns nach all den Monaten, dass wir endlich normal zuhause sein können." In einem halben Jahr wird dann das Keks-Haus wieder ein Zuhause auf Zeit sein.

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