Zwei Wochen mit der Sea-Watch auf Rettungsmission

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    Alltag für die Freiwilligen der Organisation Sea-Watch: Flüchtlinge treiben in einem völlig überfüllten Boot auf dem Mittelmeer. Foto: 
  • Sandra Hammamy arbeitet als Dolmetscherin auf der Sea-Watch.  2/2
    Sandra Hammamy arbeitet als Dolmetscherin auf der Sea-Watch. Foto: 
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Es ist kurz nach sechs Uhr morgens als Reinier Boere, 39, durch das Fernglas am Horizont einen schwarzen Balken entdeckt. Boere hat den Reißverschluss seiner dunklen Trainingsjacke bis zum Kinn zugezogen, steht auf dem Ausguck des Seenot-Rettungsschiffs Sea-Watch 2, den Blick starr nach vorne gerichtet. Es vergehen Minuten, aus dem schwarzen Balken wird ein Schiff aus Holz und kurz darauf die Gewissheit: Das ist kein libyscher Fischer, das ist ein Boot, vollbeladen mit Menschen, Flüchtlingen aus Libyen. Für Boere und die 16-köpfige Sea-Watch-Crew heißt das: Target! Diese Menschen müssen gerettet werden.

In seinem normalen Leben, so nennt Boere das, ist er Chef eines kleinen Schlüsseldienstes in den Niederlanden. In seinem anderen ist er „Head of Mis­sion“ der Sea-Watch, einer Berliner Organisation, die seit 2015 vor der libyschen Küste Pa­trouille fährt, um Menschen aus Seenot zu retten und die Praktiken des europäischen Grenzschutzes zu dokumentieren. „Viel hat sich hier draußen in den letzten zwei Jahren nicht geändert“, sagt Boere. „Noch immer versuchen Menschen, über das Meer nach Europa zu fliehen. Noch immer sieht Europa dabei zu, wie Menschen im Meer ertrinken.“ 2016 sind bei dem Versuch, nach Europa zu fliehen, mehr als 5000 ums Leben gekommen, 362.753 haben das europäische Festland erreicht. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind in diesem Jahr bereits 1344 bei der Überfahrt gestorben, laut der Grenzschutzagentur Frontex 2017 bereits 33 Prozent mehr Flüchtlinge an den italienischen Küsten angekommen als im Vorjahres-Zeitraum. „Und der Sommer kommt erst noch“, sagt Reinier Boere. Sommer heißt gutes Wetter. Saison für die libyschen Schlepper.

Boere setzt zuallererst einen Notruf  an die Seenot-Rettungsleitstelle (MRCC) in Rom ab, von wo aus die Einsätze auf dem Mittelmeer koordiniert werden. Erst wenn die Autoritäten das O.K. gegeben haben, dürfen die Retter ihre zwei Gummi-Schnellboote ins Wasser lassen und Rettungswesten an die Geflüchteten verteilen. Auf dem einen Gummiboot sitzt Sandra Hammamy, 45, die Politikwissenschaften an der Universität Gießen lehrt und in der studienfreien Zeit bei Sea-Watch Einsätze als Dolmetscherin fährt. Als sich die Helfer dem Flüchtlingsboot nähern, schreit sie den Menschen auf Englisch zu: „Keine Panik! Ihr seid jetzt in Sicherheit. Willkommen in Europa!“ Über ihrem Oberkörper spannt ein schwarzes Shirt, auf dem in fetten Lettern „Ferries not Frontex!“ gedruckt steht. Fähren statt Frontex.

Frontex ist die europäische Grenzschutzagentur. Im Mandat der Frontex-Seenot-Rettungsmission Triton ist neben der Schmugglerbekämpfung und dem Schutz der EU-Außengrenzen auch die Rettung von Menschenleben festgeschrieben. „Davon bekommen wir hier draußen nichts mit“, sagt Hammamy, als sie nach 15 Stunden und vier weiteren Rettungen zurück an Bord der Sea-Watch ist. Inzwischen sind mehr als 274 Flüchtlinge an Bord des Schiffes mit seinen 30 Metern Länge, dessen Kapazität normalerweise mit 150 Personen an Bord erschöpft ist. 121 schwimmen auf Rettungsinseln im Wasser daneben. Es wird 57 Stunden dauern, bis die letzte Person vom Rettungsschiff der „Ärzte ohne Grenzen“ übernommen wird. Zivilen Schiffe, die sich durch Spenden finanzieren, waren 2016 an 40 Prozent aller Rettungseinsätze im Mittelmeer beteiligt. „Ohne die zivile Flotte würde es hier draußen ein Unglück nach dem nächsten geben. Das Ziel der EU-Politik ist es, Menschen zur Abschreckung ertrinken zu lassen, weil man glaubt, dass dann niemand mehr kommt“, sagt Hammamy.

Mit ihrer Arbeit sind die ehrenamtlichen Retter in den vergangenen Monaten immer wieder in die Kritik europäischer Offizieller geraten. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte bei dem Besuch eines Frontex-Schiffes in Malta im März, der Einsatz der Nichtregierungs-Organisationen (NGO) führe zu mehr Toten statt zu weniger, da die Schlepper noch mehr Boote losschicken würden, wenn diese schon wenige Meilen vor der libyschen Küste abgefangen werden. Er forderte deshalb, den „NGO-Wahnsinn zu stoppen“. Der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro behauptet sogar, die Retter kooperierten mit libyschen Schmugglern und bezog sich dabei explizit auch auf die Helfer von Sea-Watch.

Reinier Boere sitzt an Deck und schüttelt den Kopf. Es riecht nach Schweiß und Erbrochenem. 40 Stunden sind die Menschen jetzt an Bord, der Crew gehen die Essens- und Wasservorräte aus. „Das ist so absurd: Ich würde doch niemals meine Crew in Gefahr bringen und so viele Menschen an Bord holen, wenn wir auch einfach mit den Schleppern kommunizieren könnten, wann es uns gut passt.“

Währenddessen versucht das medizinische Team der Sea-Watch auf dem Achter-Deck, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Ärztin Stefanie Pender ist mit den Nerven am Ende. „Wir können nicht mehr lange für die Gesundheit der Leute an Bord garantieren. Die Menschen dehydrieren bei der Hitze am Tag und unterkühlen bei der Kälte in der Nacht“, sagt die 28-Jährige. Auf den zehn Quadratmetern des kleinen Bord-Spitals befinden sich auf Liegen drei Frauen, die in Ohnmacht gefallen sind. In der Ecke des Raumes sitzt Salah Iyad, sieht dabei zu, wie Ärztin Pender seiner Frau eine Infusion legt und kurz darauf Wasser durch den kleinen Plastikschlauch in ihre Venen rinnt. Neben ihm auf dem Boden sitzen seine drei Töchter, vier, sechs und acht Jahre alt.

„Alle meine Freunde haben mich vor der Flucht nach Europa gewarnt, aber was hätte ich tun sollen?“ Die Augen des 35-jährigen Libyers sind verweint. 500 Euro hat er den Schleppern dafür gezahlt, dass sie ihn mit einem Holzboot und defektem Außenmotor aufs Meer geschickt haben. „Ich war mir bewusst, dass wir alle hier draußen vielleicht sterben werden. Trotzdem war die Chance zu überleben immer noch größer als ein weiteres Jahr in Libyen“, sagt er.

Dann erzählt Iyad Geschichten aus einem zerstörten Staat, der von unzähligen kleineren und größeren Milizen kontrolliert wird. Er erzählt, wie er im April mit seiner Frau zum Einkaufen fahren wollte, als drei Jugendliche  („die waren keine 16 Jahre alt“) mit schweren Waffen den Wagen stoppten und ihm drohten, seine Frau vor seinen Augen zu vergewaltigen, sollte er ihnen nicht Auto und Geld überlassen. „Die Situation in Libyen ist so: Töten oder getötet werden. Ich kann keinen Menschen umbringen, deshalb musste ich fliehen“, sagt er leise mit Tränen in den Augen.

Im Februar hat die EU beschlossen, der sogenannten libyschen Einheitsregierung 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um die Küstenwache aufzurüsten, damit diese in Zukunft Flüchtlinge von der Überfahrt nach Europa abhält. Wie das jedoch aussieht, konnten die Freiwilligen der Sea-Watch erst vergangene Woche beobachten: Wieder ein Morgen, wieder die flache See, wieder kommt der Anruf von der MRCC aus Rom. Ein Holzboot in Seenot, 18 Meilen vor der libyschen Küste. Wieder werden die Gummi-Schnellboote ins Wasser gelassen, als links der Sea-Watch ein libysches Militärboot auftaucht. Mit 20 Knoten hält es auf das Flüchtlingsboot zu und kollidiert dabei fast mit dem Rettungsschiff. Es wirkt wie ein Kampf um die 500 Menschen auf dem Holzboot. Das libysche Militär gewinnt ihn.

Renier Boere sieht sich gezwungen, die Rettung abzubrechen. „Aus Angst um die eigene Crew“, wie er später sagen wird. Statt der Sea-Watch übernimmt jetzt die libysche Küstenwache die Bergung des in Seenot geratenen Flüchtlingsboots, statt nach Europa geht es für die Menschen zurück nach Libyen.

„Der Europäischen Union ist kein Preis zu hoch, kein Deal zu dreckig, um Flüchtlinge von Europa fern zu halten“, sagt Sandra Hammamy, die Dolmetscherin. Auch an diesem Morgen saß sie an der Spitze des Gummi-Schnellbootes. Wie immer hatte sie den Menschen auf dem Flüchtlingsboot versprochen: „Keine Panik! Ihr seid jetzt in Sicherheit. Willkommen in Europa!“ Die Mascara unter ihren Augen ist verwischt von Schweiß und Tränen. Es sind Wuttränen, die sie weint, während sie dem Boot der Küstenwache hinterherblickt, das die Flüchtlinge zurück nach Libyen bringt. „Diese Menschen haben versucht, aus der Hölle zu fliehen – und jetzt werden sie genau dorthin zurückgebracht.“

Bartholomäus von Laffert hat Sea-Watch zwei Wochen beim Einsatz im Mittelmeer begleitet. Die Recherche wurde vom Förderverein der katholischen Journalistenschule ifp in München unterstützt.

... erreichten im Jahr 2016
das europäische Festland.

... sind in diesem Jahr bereits über das
Mittelmeer nach Europa gekommen.
(Stand: 9. Mai).

... sind seit Januar mindestens
bei der Überfahrt gestorben.
Quelle: UNHCR

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