Zwei deutsche Rebellen berichten vom Volksaufstand in der DDR

Als Jugendliche in der thüringischen Provinz waren sie am Aufstand des 17. Juni beteiligt. Als der eine angeschossen wurde, trug ihn der andere ins Krankenhaus. Mit fast 80 Jahren sind sie immer noch Freunde.

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  • Aufständische des 17. Juni: Karl-Heinz Kretschmann (rechts) trug den angeschossenen Walther Frielitz zum Arzt. Die Kugel (vorne) hat Frielitz aufgehoben. 1/2
    Aufständische des 17. Juni: Karl-Heinz Kretschmann (rechts) trug den angeschossenen Walther Frielitz zum Arzt. Die Kugel (vorne) hat Frielitz aufgehoben. Foto: 
  • Ein Stück Geschichte: Diese Kugelspitze steckte in Walther Frielitz Bein. 2/2
    Ein Stück Geschichte: Diese Kugelspitze steckte in Walther Frielitz Bein. Foto: 
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Walther Frielitz rutscht auf die Kante des Gartenstuhls, zeigt auf die Innenseite seines Oberschenkels, grinst und sagt: "Einen Zentimeter höher und ich würde heute im Mädchenchor singen." Karl-Heinz Kretschmann, der Mann, der den angeschossenen Frielitz vor 60 Jahren ins Krankenhaus schleppte, betrachtet versonnen die verformte, in Acryl gegossene Gewehrkugel. Erst drei Wochen nach dem Schuss operierte sie ein Arzt aus dem Bein heraus. Drei Wochen nach dem 17. Juni 1953, als an rund 700 Orten in der DDR die Revolte ausbrach. Auch in der Kleinstadt Weida in Thüringen, wo Frielitz und Kretschmann aufgewachsen sind.

Es soll ein schöner Sommertag gewesen sein. Drei Monate zuvor war Josef Stalin gestorben, wahrscheinlich war das mit ein Grund, dass sich die DDR-Bevölkerung traute, ihren Zorn in Taten umzusetzen. Die Wut gärte schon lange. Viele Betriebe waren enteignet, der Staat übte Druck auf kleinere Unternehmen, Bauern und Arbeiter aus, erhöhte Abgaben und Arbeitsnormen: Die Menschen mussten mehr arbeiten, bekamen aber nicht mehr Lohn. Viele Lebensmittel waren knapp und teuer, viel Industrie war abmontiert und in die Sowjetunion gebracht worden. "Die Russen haben die Zone ausgenommen, dass es nur so krachte", sagt Kretschmann, der damals 18 Jahre alt war und in einer Textilfabrik arbeitete. Sein ein Jahr jüngerer Freund Frielitz ging noch zur Berufsschule.

Kretschmann sagt, besonders wütend habe ihn damals die geistige Unfreiheit gemacht: "Uns wurde eingetrichtert: Die Partei hat immer recht. Wenn da ein weißes Pferd war und die Partei sagte, das Pferd ist aber schwarz, dann war es eben schwarz." Heute klingt das lustig, damals war es ernst.

Wenn man mit den zwei fast 80-Jährigen, die sich seit 1944 kennen und den Kontakt zueinander nie ganz abreißen ließen, auf der Terrasse sitzt, kann man sich kaum vorstellen, dass sie mal eine Polizeiwache stürmen wollten. Man merkt aber sofort, dass die beiden Männer mit dem thüringischen Dialekt, der so gar nicht in diesen ruhigen Ulmer Vorort passt, ein besonderes Verhältnis zueinander haben.

Die zwei haben zusammen an einem Aufstand teilgenommen, an einem gescheiterten Aufstand. Heute vor 60 Jahren waren beide morgens aus Weida ins nahegelegene Gera gefahren. Tags zuvor hatten in Berlin Arbeiter demonstriert und gestreikt, am Mittwoch, dem 17. Juni, schwappte der Protest dann durchs Land. Auch in Gera und Weida wurde gestreikt, Arbeiter fuhren mit Lkw in die Städte, brüllten Parolen, bauten Barrikaden, griffen Polizisten an. In Gera wurde das Büro der Freien Deutschen Jugend verwüstet und das Gefängnis gestürmt. Dann fuhren russische Panzer auf, es gab Straßenschlachten. Kretschmann und Frielitz mittendrin, wenn auch eher als Beobachter, wie sie sagen.

Abends fuhren sie zurück nach Weida. Dort standen 1000 Menschen auf dem Marktplatz. Die Menge forderte die Freilassung von Gefangenen aus der dortigen Polizeiwache. Es flogen Steine, die Stimmung war explosiv. Gegen 19 Uhr wurde ein Fahnenmast abgebrochen und als Rammbock für die Tür benutzt. Inzwischen waren 48 "Kasernierte Volkspolizisten" aufmarschiert - die DDR-Armee, als das Land offiziell noch keine Armee hatte. Mit Maschinenpistolen im Anschlag versuchten sie, den Platz zu räumen. Im Polizeibericht von damals steht: "Da kein Erfolg zu verzeichnen und die erste Postenlinie bereits hingedrückt war, wurden gegen 21.45 Uhr die ersten Warnschüsse abgegeben. Da kein Erfolg zu verzeichnen war, wurden Zielschüsse abgegeben."

Insgesamt fielen in Weida 280 Schüsse, die meisten wurden in die Luft abgegeben. Eine der Kugeln aber traf den flüchtenden Frielitz ins Bein, eine andere den 33-jährigen Bäcker Alfred Walter in den Bauch. Walter, dessen Frau im sechsten Monat schwanger war, starb noch in der Nacht, Frielitz überlebte. Er schleppte sich in einen Hauseingang und verlor das Bewusstsein, Kretschmann trug ihn ins Krankenhaus. "Ich lag die Nacht wach im Bett und hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen." Fünf Wochen lag er im Krankenhaus, in Weida war er jetzt sowas wie ein Held.

Doch der Aufstand war längst gescheitert. Am 18. Juni besetzten russische Soldaten mit Panzern die Betriebe und Verkehrsknotenpunkte. "Da ist den Leuten bewusst geworden, dass die Sache in die Hose gegangen war", sagt Kretschmann. Die Zahl der Todesopfer ist bis heute unklar, DDR-weit waren es laut Bundeszentrale für politische Bildung mindestens 55. Für die anderen ging das Leben weiter. Es gab Schauprozesse, aber die breite Masse blieb unbehelligt. "Sie konnten ja nicht die ganze DDR einsperren", sagt Kretschmann.

Doch das Regime hatte seine Fratze gezeigt, die Bürger flohen in Massen. 1956 hatte auch Kretschmann genug, am 30. Oktober stieg er in einen Zug nach Westen. Als die DDR ihr Volk 1961 endgültig einmauerte, hatten fast 2,7 Millionen Menschen "rübergemacht". Wie so viele von ihnen, hatte Kretschmann Kontakte, bekam in Oberfranken Arbeit in der Textilfabrik eines thüringischen Unternehmers, der enteignet worden und geflohen war. 1957 ging er nach Ulm, lernte seine Frau kennen, wurde Vater, später Großvater und baute das Haus, auf dessen Terrasse er nun sitzt und erzählt. Wie sein Freund Frielitz hat er bis heute eine starke Aversion gegen alles, was politisch links ist.

Frielitz hatte die DDR ein Jahr nach ihm verlassen. "Allein hats mir keinen Spaß gemacht", sagt er. Er floh über Berlin, kam 1957 nach Böblingen, wechselte oft den Job, wollte sich nie etwas sagen lassen und nie in eine Gewerkschaft eintreten. Schließlich machte er sich selbstständig, verkaufte Versicherungen für die Allianz in Sindelfingen. Weil dort viele Autos versichert wurden, verdiente er gut.

Vergangenes Jahr stiftete Frielitz der Stadt Weida einen Gedenkstein für den 17. Juni. Er geht gerne in Schulen und erzählt vom Aufstand und vom Leben in der DDR. "Die Kinder sollen das wissen." Vor Jahren schrieb er auch ans Gymnasium von Weida, dass er als Zeitzeuge zur Verfügung stehe. Der Rektor schrieb zurück, der zuständige Lehrer werde sich dann bei Bedarf melden. Darauf wartet Frielitz heute noch.

Proteste in über 700 Orten der DDR
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