Zugunglück: Ermittler warten auf Auswertung der Fahrtenschreiber

Einen Tag nach dem Zugunglück in Oberbayern ist die Ursache weiter unklar. Die Ermittler wollten am Mittwoch keine Aussagen machen. Medienberichten zufolge war das Sicherheitssystem ausgeschaltet.

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    Trauer an der Unfallstelle: Ein Polizist ordnet die Schleife an einem Kranz. Im Hintergrund ein Waggon des Unglückszuges. Foto: 
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Einen solchen Aschermittwoch, einen Tag nach der Bahnkatastrophe von Bad Aibling, hat es in Bayern schon seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Normalerweise treffen sich die Parteien und ihre Anhänger Jahr für Jahr im Osten des Landes, um bei ihren Aschermittwochs-Veranstaltungen zu politisieren, zu polemisieren und richtig derb draufzuhauen. In der Halle oder im Zelt geschieht das, Bier wird ohne Obergrenze ausgeschenkt und für den politischen Gegner gibt es heftige verbale Watschn.

Nicht so am Aschermittwoch 2016. Die Zelte sind leer, alles wurde abgesagt. Ob dem CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer dieses Mal endlich eine große, umfassende Rede gelungen wäre – die Frage tritt völlig in den Hintergrund. Denn Bayern trauert um die zehn Toten des Zugunglücks von Bad Aibling.

Fast im Dutzend besuchen die Politiker die Unglücksstelle direkt am Mangfallkanal und umgeben von vielen Bäumen, wo am Dienstagmorgen zwei Regionalzüge auf der einspurigen Strecke bei vollem Tempo ineinandergekracht waren. Die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth kommt. Ebenso Ilse Aigner (CSU), die nicht nur bayerische Wirtschaftsministerin ist, sondern auch Stellvertreterin des Ministerpräsidenten. Im Nachbarort Feldkirchen-Westerham wurde Aigner geboren, sie kennt die Bahnstrecke noch aus der Zeit als Schülerin. Und Horst Seehofer besucht in der nassen Kälte den Unfallort. Es sei eine „Tragödie für das ganze Land“, meint er. Seehofer legt einen Kranz nieder und sagt mit leiser Stimme: „Das Schicksal ist grausam.“

Die Ursache des schweren Zugunglücks ist unterdessen weiter unklar. Bisher gebe es keine Hinweise auf einen technischen Fehler oder Fehler bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer, sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Ohne eine Analyse der Daten der Fahrtenschreiber der Züge, die ähnlich wie in Flugzeugen Informationen über das Fahrzeug sammeln, sei eine Klärung des Hergangs schwierig.

Am Mittwoch kam auch Bahn-Chef Rüdiger Grube zum Unglücksort. Denn die Nahverkehrsstrecke im bayerischen Oberland wird zwar vom französischen Konkurrenten Transdev – manchem noch unter dem früheren Namen Veolia bekannt – mit den „Meridian“-Zügen betrieben. Etwa 30 Prozent des Nahverkehrs hat die Deutsche Bahn an Konkurrenten verloren, seit die Länder die Strecken ausschreiben. Aber die Gleise gehören weiterhin der DB Netz, einer Tochter des Staatskonzerns. Er ist für ihre Instandhaltung ebenso verantwortlich wie für die Signalanlagen. Auch die Stellwerke werden von ihm mit eigenem Personal betrieben. Für das Fahren auf den Gleisen müssen die Betreiber Netzentgelte an die Deutsche Bahn bezahlen. Sie brachte auch zwei Spezialkräne aus Fulda und Leipzig an den Unfallort, um die verunglückten Wagen zu bergen.

Alle Strecken der Deutschen Bahn sind nach ihrer Darstellung mit der Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB) ausgerüstet: Sensoren überwachen und übertragen punktförmig die Informationen am Gleis und am Fahrzeug. Überfährt ein Zug ein rotes Signal, an dem er eigentlich halten müsste, wird er automatisch gebremst. Zudem überwacht das System, ob ein Zug an einem bestimmten Punkt die zulässige Geschwindigkeit überschreitet. Zu den offenen Fragen gehört, ob dieses System wegen einer Verspätung ausgeschaltet wurde.

Ein Polizeisprecher vor Ort sagte, zwar könne ein Fehler – etwa des diensthabenden Fahrdienstleiters – nicht ausgeschlossen werden. Doch sei dieser bereits unmittelbar nach dem Zusammenstoß am Dienstag befragt worden. Daraus ergebe sich „kein dringender Tatverdacht“. Nach den vorläufigen Ermittlungen von Bundespolizei und Eisenbahnbundesamt verdichteten sich aber Hinweise, dass der Fahrdienstleiter im Stellwerk beiden Zügen gleichzeitig die Einfahrt in den Streckenabschnitt erlaubt habe, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf eine gut informierte Quelle. Zuvor hatte bereits das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, Grund für das Unglück sei offenbar eine „verhängnisvolle Fehlentscheidung“ eines Bahnmitarbeiters gewesen. Dieser soll demnach das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt haben, um einen verspäteten Triebwagen noch „quasi von Hand durchzuwinken“. Der entgegenkommende Zug habe ebenfalls grünes Licht bekommen.

Wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bekanntgab, arbeitet inzwischen eine 50-köpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei an dem Fall. Die Ermittler stellten zudem die Identität von neun der zehn Opfer fest. Es handele sich um Männer im Alter von 24 bis 60 Jahren. Alle stammten aus der Region. Unter ihnen seien auch die beiden Lokführer sowie ein Lehr-Lokführer, der routinemäßig auf der Fahrt dabei war.

Zunächst war befürchtet worden, dass ein weiterer Mensch gestorben sein könnte. Doch nach dem Abgleich aller Personalien stand fest: „Es wird keine elfte Leiche geben“, wie ein Polizeisprecher sagte. Neben den 10 Toten gab es 17 Schwer- und 63 Leichtverletzte. Von letzteren konnten viele das Krankenhaus nach einem kurzen Aufenthalt bereits wieder verlassen.

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