Zittern um das ewige Eis

Seit mehr als 30 Jahren messen US-Forscher das Eis um den Nordpol herum. So wenig wie in diesem Jahr gab es noch nie. Ist das Eis überhaupt noch zu retten? Da sind deutsche Experten unterschiedlicher Meinung.

|
Vorherige Inhalte
  • Das Eis um den Nordpol herum ist so stark geschrumpft wie nie zuvor. Forscher rechnen damit, dass es bald ganz verschwinden könnte. Foto: Imago 1/2
    Das Eis um den Nordpol herum ist so stark geschrumpft wie nie zuvor. Forscher rechnen damit, dass es bald ganz verschwinden könnte. Foto: Imago
  • 2/2
Nächste Inhalte

Das Eis um den Nordpol ist auf ein Rekord-Minimum geschrumpft. Die neuen Ergebnisse lassen die Hoffnung bei deutschen Forschern sinken, dass das "ewige Eis" noch zu retten ist. Mit einer Fläche von 4,10 Millionen Quadratkilometern habe es den niedrigsten Stand seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 erreicht, teilt das Schnee- und Eisdatenzentrum der USA (NSIDC) in Boulder, Colorado mit. Die Daten seien am Sonntag erhoben worden. Da die wärmere Jahreszeit noch bis zu drei Wochen anhalte, könne das Eis weiter schmelzen. "Im Kontext dessen, was in den vergangenen Jahren und seit Beginn der Satellitenmessungen passiert ist, zeigen diese Daten, dass die Eisfläche sich fundamental verändert", sagt NSIDC-Wissenschaftler Walt Meier. "Die Arktis war früher von vielschichtigem Eis, oder Eis, das mehrere Jahre lang bestehen blieb, dominiert. Jetzt wird es mehr zu einer saisonalen Eisfläche, und große Teile werden im Sommer verschwinden."

Die Ursache dafür liege nicht in einem bestimmten Wettermuster, sondern sei eine langfristige Entwicklung, meint Rüdiger Gerdes, Meereis-Physiker vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Das Eis ist dünner geworden und dadurch wird es anfälliger." Schuld daran sei ein starker Temperaturanstieg im Bereich des Nordatlantiks und des Nordpolarmeers. Dort lassen jedoch nicht allein die Treibhausgase die Temperaturen steigen. Auch eine natürliche periodische Entwicklung trägt ihren Teil dazu bei: "Jetzt sind wir in einer warmen Phase." Diese Perioden umfassten 60 bis 70 Jahre.

Besondere Wetter-Ereignisse, die die starke Eisschmelze erklären könnten, habe es in diesem Jahr aber nicht gegeben, sagt NSIDC-Direktor Mark Serreze. "Das Eis ist so dünn und schwach, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, wie stark der Wind bläst." Es ist wie ein Teufelskreis: Dort, wo durch warme Lufttemperaturen kein Eis ist, wärmt sich der Ozean auf. "Der absorbiert praktisch die Sonneneinstrahlung, erwärmt sich und wenn das Eis mit diesem aufgeheizten Ozean in Kontakt kommt, dann schmilzt es sehr stark", sagt Gerdes.

Ob das Eis auch in Zukunft weiter so rasant schmelzen werde, könne man nur anhand von Modellrechnungen schätzen. Doch auch wenn es im Zuge der natürlichen Oszillation eigentlich wieder kälter werden müsste, werde wohl langfristig der Treibhausgaseffekt gewinnen und den Temperaturanstieg bestimmen, glaubt Gerdes. "Dann ist mit dem Verschwinden des Eises im Nordpolarmeer zu rechnen. Auch wenn wir den Treibhausgasausstoß sofort stoppen würden, würde sich das Klima weiter erwärmen. Damit müssen wir leben."

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif äußert noch ein Fünkchen Hoffnung: "Ich gehe davon aus, dass der Prozess noch zu stoppen wäre. Zwar nicht sofort. Aber wenn man wirklich Ernst machen würde mit dem Klimaschutz, könnte man wahrscheinlich verhindern, dass die Arktis irgendwann im Sommer komplett eisfrei wäre." Derzeit würden aber die USA und China ein solches Abkommen blockieren.

Den bisherigen Rekord hatten die Forscher im September 2007 gemessen. Damals lag die Größe der Eisfläche bei 4,17 Millionen Quadratkilometern. Teile des Arktiseises schmelzen jedes Jahr in den wärmeren Monaten und frieren in den kälteren wieder zu. Die Größe der Gesamtfläche ändert sich von Jahr zu Jahr allein schon wegen unterschiedlicher Wetterbedingungen.

Nicht nur Wissenschaftler stellen fest, wie massiv die Veränderungen am Nordpolarkreis sind. Der bei München lebende Fotograf Olaf Otto Becker reist seit 1999 immer wieder in die Region. Eindringlicher als trockene Zahlen es vermögen, zeigen seine Bilder von der grönländischen Küste und isländischen Gletschern, wie das zurückgehende Eis die Landschaft verwandelt.

Im Jahr 2003 besuchte Becker erstmals den Ilulissat-Eisfjord an der Westküste Grönlands. Fjord und Gletscher sind Unesco-Weltnaturerbe. Bereits bei einem erneuten Aufenthalt 2007 musste der Fotograf feststellen, dass der Gletscher deutlich zurückgegangen ist: "Dieser Gletscher, der seit Jahrtausenden Eis produziert, ging vor wenigen Jahren noch bis zum Meer. Inzwischen ist er nur noch auf dem Festland." Immer wieder brechen Teile des Gletschers ab und werden zu Eisbergen. "Früher waren diese Eisberge bis zu 200 Meter hoch. Heute sind es nur noch 30 bis 40 Meter", sagt Becker. Weil das Meer den Gletscher auch von unten auftaut, bricht das Eis in immer kürzeren Abständen ins Meer.

Auch auf dem Inlandeis Grönlands war der Fotograf unterwegs. Die Wissenschaftler, die er begleitete, erforschen seit 18 Jahren das Abschmelzen des Eises. Sie seien jedes mal überrascht gewesen, wie stark das Eis wieder geschmolzen sei. "Für alle Ortsvertrauten ist offensichtlich, was passiert. Die Zeiten, in denen die Einheimischen fischen und jagen können, haben sich deutlich verändert." Inzwischen sei das Jagen mit Hundeschlitten auf dem Eis im Winter teils nicht mehr möglich, weil es oft nur noch einen Eisbrei gebe - früher sei das Eis viel dichter gewesen.

Ähnlich dramatisch hat Becker die Situation auf Island erlebt. Zwischen 1999 und 2011 hat er dort fotografiert und die Bilder in seinem Band "Under the Nordic Light" gegenübergestellt. "Teilweise sind die Gletscher komplett verschwunden", erzählt er. "Das Problem ist, dass wir so weit weg sind und die wissenschaftlichen Fakten hinnehmen müssen. Es geht uns nicht unter die Haut - und ist schnell wieder vergessen."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gibt es weiße Weihnachten?

In der Adventszeit ist es die Fragen aller Fragen: Gibt es weiße Weihnachten? Die Antwort ist klar: vielleicht! weiter lesen