Ministerpräsident Kretschmann zu Besuch im Westjordanland

Wie lebt es sich hinter der israelischen Mauer? Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann suchte bei einer Delegationsreise nach Antworten und fand erstaunliche Initiativen.

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Knallrote Schilder warnen meterhoch.  Ab hier ist die Weiterfahrt für Israelis verboten.  Wir passieren die Einfahrt zur Stadt Bethlehem, die unter palästinensischer Kontrolle steht. Nur wenige Kilometer trennen Jerusalem von der Stadt in Palästina. Und doch sind die Unterschiede für jedes Auge sichtbar.  Wenig will noch zusammenpassen mit dem was Ministerpräsident Winfried Kretschmann während seiner Delegationsreise auf israelischer Seite gesehen hat. Statt Grünflächen und Zierrabatten mit Blumen säumen nun Plastikflaschen und Müll die viel schmaleren Straßen.  Schlaglöcher und Staub sind allgegenwärtig, Gehwege entlang der Hauptstraßen dagegen weitgehend passé. Auch die Werkstätten, Handwerksbetriebe und Läden mit wenig attraktiven Auslagen machen offensichtlich, dass hinter der israelischen Sperrmauer das Leben wirtschaftlich zurückgeblieben ist. Welche Bedeutung die Aufmerksamkeit der kleinen politischen Delegation aus Baden-Württemberg für diesen Teil des Nahen Ostens hat, zeigt sich bereits beim ersten Gespräch.

Der lutherische Pfarrer an der Weihnachtskirche von Bethlehem, Mitri Raheb,  wartet im Hof seiner Kunsthochschule Dar al-Kalima. Er und der Ministerpräsident kennen sich seit Jahren.  Im humanitären Bereich und auf der Ebene der Kirchen gibt es viele Verbindungen zwischen dem Südwesten und dem  Heiligen Land. Der Gast aus Baden-Württemberg hat dieses Mal einen Scheck über 30 000 Euro für die Erweiterung der Solaranlage auf dem Dach der Hochschule mitgebracht. Doch es ist nicht in erster Linie das Geld, das zählt. 450 Studenten lernen an der Hochschule für Kunst und Kunsthandwerk. Mit Hilfe von Partnerhochschulen und -Betrieben in Baden-Württemberg sollen ihnen auch Ausbildungswege angeboten werden: im IT-Sektor, der Solartechnik, als Köche und Goldschmiede. „Kunst und Kultur sind wichtig für unsere Identität“, sagt Mitri Raheb. Deshalb ist er stolz darauf, dass an seiner Schule gerade junge Frauen die Chancen ergreifen. Wo ihr Platz in der Gesellschaft ist, wird viel aussagen über das künftige Palästina. „Die Mehrheit der Palästinenser wollen einen Staat. Doch für mich ist schon auch wichtig, was für ein Staat das wird“, verdeutlicht der Pastor. Er ist besorgt.   Konservative Kräfte gewinnen immer mehr Rückenwind in der unvollendeten Nation, die – wie Beobachter beschreiben – im Geburtskanal stecken geblieben ist. Auch Resignation breitet sich aus. Mitri Raheb: „Für junge Menschen ist es kein Problem an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Schwieriger ist der Glaube an ein sinnvolles Leben davor.“

Was wäre da einfacher, als mit Gewalt auf Perspektivlosigkeit zu reagieren oder mit Auswanderung? Letzteres gilt vor allem für die nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung umfassende Minderheit der Christen, die sich rund um Bethlehem konzentriert. Schul- und Ausbildungsprogramme sind für Mitri Raheb deshalb auch die Voraussetzung dafür, dass „dort wo die Botschaft begonnen hat, christliches Leben weitergeht“.

Daoud Nassar, ein christlicher Palästinenser, hat andere Worte. „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, steht eingemeißelt auf einem Stein am Eingang zu seinem Grundstück, neun Kilometer südlich von Bethlehem. Der Weinberg ist umgeben von Hügeln, auf denen israelische Städte und Siedlungen errichtet sind. Unaufhaltsam schiebt sich der beigefarbene Häuserbrei auf das Gelände der Familie zu. Neue Stromleitungen künden bereits von weiteren Bauvorhaben. Auf der anderen Seite des Geländes wird in Sichtweite der Felder gerade eine Thora-Schule gebaut. „Wir haben Angst, dass nach deren Fertigstellung die Straße geschlossen und wir ganz isoliert werden“, sagt der 46-Jährige. Schon jetzt schränken Absperrungen und die israelische Mauer die Bewegungsfreiheit stark ein.

Seit 26 Jahren kämpft Daoud Nassar um das Land seiner Vorfahren.  Besitzurkunden aus osmanischer und britischer Zeit, aber auch israelische Dokumente bestätigen seinen legitimen Anspruch. Doch im konfliktreichen israelisch-arabischen Miteinander tragen selbst amtliche Papiere nicht immer. 180 000 Euro hat die Familie seit 1991 für juristischen Beistand und Gerichtskosten ausgegeben. Ein Ende ist nicht in Sicht. Der Einfallsreichtum der israelischen Militär- und Zivilverwaltung, die im so genannten C-Gebiet, auf dem das Grundstück der Familie Nassar liegt, das Sagen hat, kennt keine Grenzen. „Wir bekommen weder Wasser noch Strom.“ Auch darf die Familie auf ihrem Grundstück nichts bauen. Eine Solaranlage, vor Jahren eingerichtet durch die Organisation „Grünhelme“ aus Deutschland, und Zisternen, in denen Regenwasser gesammelt wird, helfen beim Überleben. Ebenso die Erdhöhlen, die als kühle Unterkunft während der heißen Monate von Daouds Großvater in den Boden gegraben wurden. Dort werden heute zum Teil Gäste untergebracht.

Die Familie gibt nicht auf, auch wenn israelische Siedler mehrfach hunderte Olivenbäume und Rebstöcke auf dem 40 Hektar großen Gelände zerstört haben.  Daoud Nassar geht es um ein Zeichen gegen die vor allem unter jungen Palästinensern weit verbreitete Resignation.

Übernachten in Erdhöhlen

„Wir wollen nicht mehr Opfer sein“ – auch wenn die politische Lage mehr als düster ist. Auf seinem Grund hat der Palästinenser deshalb mit internationaler Hilfe das Begegnungszentrum „Tent of Nations“ eingerichtet. Unter einfachen Bedingungen sollen sich Jugendliche begegnen und voneinander lernen. Ohne politischen Druck ist selbst dieser Austausch in Gefahr. „Internationale Präsenz ist für uns sehr wichtig“, sagt Daoud Nassar zum Gast aus Baden-Württemberg.

Groß ist dessen Handlungsspielraum auf dem politisch verminten Feld des Nahost-Konfliktes nicht.  Und doch kommt die Botschaft an. „Ich bin beeindruckt, was Menschen machen, die sich nicht zu Feinden machen lassen wollen“, sagt er am Ende seiner Reise.

Den Wunsch nach mehr systematischer Kooperation im Bildungsbereich und nach vermehrten Kooperationen mit Unternehmern im Südwesten nimmt Kretschmann mit nach Deutschland. Auch der palästinensische Ministerpräsident Rami Hamdallah hat diesen Wunsch im Gespräch mit ihm besonders hervorgehoben.

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