Wissensabfluss trocknet den Donauraum aus

Die Europäische Gemeinschaft will die Forschung in den Donauländern verstärkt fördern. Dazu stellt sie 2014 zehn Millionen Euro als Startsumme für ein Projekt bereit, das sich schnell entwickeln soll.

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Über Ländergrenzen hinweg denken: EU-Regionalkommissar Johannes Hahn und Bundes-Forschungsministerin Annette Schavan. Foto: Matthias Kessler

53 von 54 Studenten einer technischen Hochschule in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, hatten schon vor Abschluss ihres Studiums ein Jobangebot. Ein Angebot aus dem Ausland - nicht von Firmen oder öffentlichen Institution aus Kroatien.

Der Wissensabfluss aus ärmeren Regionen sei enorm, berichtete Johannes Hahn, österreichischer EU-Kommissar für Regionalpolitik, der dieses Beispiel gestern am Rande eines Donau-Ministertreffens in Ulm anführte. Beispielsweise habe Lettland in den vergangenen Jahren ein Zehntel seiner Bevölkerung durch Wegzug verloren. Aus Rumänien seien zwei Millionen Menschen ausgewandert.

"Es sind nicht Schlechtausgebildete, die ihrer Heimat den Rücken kehren", betonte Hahn. Sondern oft diejenigen, in deren Ausbildung viel Geld gesteckt wurde, die sich anschließend zwischen Südschweden und Norditalien, in England, den Benelux-Ländern oder Frankreich ansiedeln. Dort also, wo die Wirtschaft noch floriert. Wo die Forschungsinfrastruktur intakt ist und sich die Wissenschaft den Herausforderungen der Zukunft widmet.

Dies fehle einem Teil der Donauländer, berichtete Hahn. Ein "brain drain index", eine Auswertung über den Wissensabfluss aus 142 Ländern der Erde also, zeige, dass sechs der Donauanrainer auf dieser Skala unter den 20 letzten rangieren. Dem will die EU jetzt verstärkt entgegenwirken.

Anlässlich des 8. Donaufests in Ulm haben sich auf Einladung von Bundes-Forschungsministerin Annette Schavan Minister und hochrangige politische Vertreter aus elf Donaustaaten versammelt. Sie vereinbarten eine engere Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung "Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie den Klimawandel oder eine nachhaltige Energieversorgung kann kein Land im Alleingang lösen", sagte Schavan. "Wir müssen über Ländergrenzen hinweg denken und handeln. Die Donauregion kann dabei wichtige Impulse für den Wissenschaftsstandort Europa liefern."

Damit sich das Beabsichtigte nicht auf Erklärungen beschränkt, werde ein gemeinsamer Fonds zur Projektförderung eingerichtet, sagte Schavan. Das Startkapital von zehn Millionen Euro soll von 2014 an zur Projektförderung bereitstehen. Die Hälfte des Betrags sollen die Mitgliedsländer beisteuern, die zweite Hälfte die EU-Kommission. "Damit verbunden sind neue Möglichkeiten der transnationalen Ausrichtung von Forschungs- und Innovationsstrategien, in deren Genuss auch Regionen außerhalb der EU kommen sollen", sagte die Ministerin. "Unser Ziel ist, in Forschung und Innovation von der Konvergenz zur Exzellenz zu gelangen."

Die Regionen und Staaten im Donauraum seien gefordert, Partnerschaften aufzubauen. Schavan: "Um die Integration in den Europäischen Forschungsraum insgesamt zu verbessern, müssen wir in der nächsten Förderperiode besonders darauf achten, dass strukturschwächere Regionen ihren Aufholprozess beschleunigen."

Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner fordert mehr Austausch auch auf kommunaler und regionaler Ebene. Es sei "Unsinn", dass in einigen Anrainerstaaten nach einem Regierungswechsel noch immer das gesamte Verwaltungspersonal ausgetauscht werde. Dies stehe jeder Kontinuität entgegen. Erfreulich sei, dass durch Schavans Engagement mittlerweile auch in Berlin deutlich geworden sei, dass Deutschland ein Donauland ist.

Schavan und Hahn hoffen, dass die beschlossenen zehn Millionen Euro Impulse für eine Entwicklung geben, wie sie die Länder im Ostseeraum erlebt haben. "Dort hat man vor zehn Jahren mit drei Millionen Euro begonnen", sagte Hahn. Heute sei man bei 100 Millioen angelangt. "Die Sache muss erst wachsen."

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