Wikipedia: Interview mit Andreas Paul

Andreas Paul (50) ist überzeugter Wikipedianer. Seit mehr als fünf Jahren schreibt der Berliner Artikel für Wikipedia und hält mit der Initiative „Gemeinsam Wissen gestalten“ Vorträge in Schulen und Universitäten. Im analogen Leben ist Paul Fotograf. Für die WikiCon hat er einen Vortrag zur Konfliktlösung auf Wikipedia erarbeitet.

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Warum schreiben Sie eigentlich Wikipedia-Artikel?
Angefangen habe ich wegen meiner Lehrlinge. Ich wollte Ausbildungsmaterialien für sie haben, doch das Material, was zur Verfügung stand, war nicht auf der Höhe der Zeit. Irgendwann ist das Ganze dann ausgeufert – erst in Richtung Fotografie, darüber kam ich dann zu gesellschaftlichen Themen und schon war ich mitten in allen möglichen Bereichen.

Wieviel Zeit verwenden Sie für das Schreiben von Wikipedia-Artikeln?
Das ist sehr unterschiedlich. Durchschnittlich sind es wohl zehn Stunden in der Woche. Ehrenamtlich. Wenn ich das vor Publikum erzähle, wird oft gelacht. Ich sage dann immer, ich verstehe das, aber die Arbeit hat halt suchtähnliche Züge.

Einmal angefangen kommt man nicht mehr davon los?
Wenn es zu besonders großen Konflikten kommt, kann man versuchen, Abstand zu kriegen, indem man eine Wikipause macht. So eine Pause ist meistens mehrere Wochen und natürlich freiwillig. Das hilft dann.

Was passiert denn konkret, wenn Sie einen Artikel geschrieben haben und den einreichen?
Ein Teil der Wikipedia stürzt sich darauf und macht inhaltliche Veränderungen. Oft sind die formaler Natur - Rechtschreibfehler ausbessern, Kommas setzen, ein Wort, manchmal auch einen ganzen Satz streichen. Das ist wie ein Hornissenschwarm, der sich auf irgendwas draufstürzt.

Wie friedfertig ist dieser Hornissenschwarm?
Die meisten Arbeiten in Wikipedia haben keine nennenswerten Konflikte verursacht. Das liegt zum einen daran, dass in der jetzigen Form der Autorengemeinde auch Leute drin sind, die nur ein gewisses Maß an Konflikt abkönnen. Es liegt aber auch oft daran, dass es oft um formale Dinge geht, bei denen man häufig dankbar ist, wenn andere die eigene Arbeit lektorieren.

Und wie reagiert man, wenn es dann doch zu Konflikten kommt?
Das hängt sehr davon ab, auf welche Leute man da stößt. Gibt es da zumindest einen, der sich die Zeit nimmt, dir zu erklären, was falsch war oder ist es so, dass man da nur auf schroffe und aggressiv erscheinende Reaktionen stößt? Es ist schwer da ein Schema zu nennen. Es hängt immer von den Situationen ab, in die man reingerät. Und davon hängt dann wiederum ab, ob man dabeibleibt oder nicht.

Gelten auf Wikipedia dieselben Regeln wie bei einem Treffen, bei dem man seinem Gegenüber ins Gesicht schauen kann?
Ja und nein. Bei Wikipedia baut man sich zum Beispiel einen Ruf auf, indem man vertrauenswürdige Dinge tut. Das ist wie im realen Leben. Aber im realen Leben spielen da noch andere Dinge mit rein. Dein akademischer Titel etwa. Das ist bei Wikipedia nicht so – da zählt die reine Arbeit. Das ist sehr angenehm.

Wie würden Sie die Community beschreiben?
Wikipedia ist wie eine Stadt. Der normale Nutzer, der Wikipedia kennt, der ist im Grunde wie ein Tourist. Der kennt die touristischen Highlights, also die Artikel die er sucht. Aber wenn man die Stadt kennenlernt, dann gibt es da auch schmutzige Ecken, Streit, Liebe, schöne Vorgärten und Prestigebauten. In so einer Stadt kannst Du Dir Nischen suchen. In diesen Nischen gibt es eigene Regeln. Du kannst Dir auch Nischen suchen, in denen Du ganz alleine bist; es gibt Artikel, da ist man der einzige Autor und es kommt keiner vorbei. Man geht dorthin, wo man es mag. Manche mögen die halt die Hotspots – ein typischer Hotspot in allen Sprachen ist zum Beispiel der Israel-Artikel.

Welche Rolle spielt das soziale Miteinander für das Entstehen eines Artikels?
Das kommt darauf an, warum man überhaupt schreibt. Manche schreiben, um Anerkennung zu bekommen. Die brauchen dann Feedback von anderen Autoren. Wenn man merkt, dass andere mit am eigenen Thema arbeiten, dann ist das ja auch eine Form von Respekt. Bei anderen spielt die Sehnsucht nach Macht eine große Rolle. Die wollen gerne ihre Meinung durchdrücken. Wieder andere wollen ganz alleine vor sich hinwerkeln und sind eher verärgert, wenn sich noch jemand anderes mit reinklinkt. Und es gibt Menschen, die ich Tempelwächter nenne. Die haben irgendwann einmal einen Artikel geschrieben und bewachen den ewig, damit der auch ja nicht verändert wird.

Sie schreiben seit mehr als fünf Jahren Artikel, Millionen Mensch haben ihre Texte gelesen, kaum einer von denen kennt ihren Namen. Fehlt Ihnen die Anerkennung von außen?
Nein. In meinem persönlichen Umfeld wissen die Leute das natürlich. Aber ich glaube nicht, dass das wichtig ist. Ich ziehe meine Befriedigung eher daraus, Probleme zu lösen, die andere nicht lösen können. Das ist wie ein Puzzle.
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