Wikipedia: Gute Texte, mäßige Umgangsformen

Fast 1,7 Millionen Artikel haben sie gemeinsam geschrieben ohne sich jemals gesehen zu haben - bis jetzt. Auf der WikiCon haben die Autoren des größten Online-Lexikons nun über ihren Umgangston diskutiert.

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Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist eine der populärsten Seiten in Deutschland. Viele Autoren lernten sich jetzt erstmals in Karlsruhe kennen.  Foto: 

Wenn Jens Best über das Internet redet, wird er leidenschaftlich. Er gestikuliert viel und redet so schnell, dass man bisweilen den Überblick verliert. "Das Internet gehört in die Hände der Zivilgesellschaft", sagt er dann, oder: "Wenn wir nicht aufpassen, entscheiden ausschließlich jene darüber, wie wir das Internet nutzen, die es kommerzialisieren wollen." Best setzt sich als Internetaktivist schon lange für ein freies Netz für alle ein. Das Thema ist ihm wichtig.

Am Rande der Wikipedia-Konferenz WikiCon, vor dem Studentenhaus der Universität Karlsruhe, redet Best nun über sein Lieblingsprojekt - die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Allein in der deutschsprachigen Ausgabe wurden hier in den zwölf Jahren seit ihrer Gründung knapp 1,7 Millionen Artikel von Menschen geschrieben, die ihr Wissen mit der Welt teilen wollen. Unentgeltlich, in ihrer Freizeit, auf einer Seite, die von einem spendenfinanzierten Verein betrieben wird. Internetnutzer erstellen unabhängige Inhalte für Internetnutzer, jeder kann mitmachen. Wikipedia ist damit für viele zum festen Bestandteil des Alltags geworden - nur die Seiten von Google, Facebook, YouTube, Ebay und Amazon werden in Deutschland häufiger aufgerufen.

Doch auch das Vorzeigeprojekt Wikipedia hat Probleme. Zentrales Thema der WikiCon war deshalb auch die Streitbereitschaft einiger Autoren. Zu der Konferenz waren die Menschen geladen, die Wikipedia mit Inhalt füllen. Von den 6500 deutschsprachigen Autoren sind mehr als 200 gekommen. Auf ihren Namensschildern stehen die Pseudonyme, die sie sich auf Wikipedia selbst gegeben haben. Der durchschnittliche Wikipedianer wäre ein 36 Jahre alter Mann, berufstätig und hätte einen Universitätsabschluss.

"Ein Stück weit ist das hier ein Familientreffen", sagt Michael Jahn, Sprecher der Wikimedia Deutschland. "Vor zwei oder drei Jahren haben sich Autoren gedacht, dass sie ganz gerne mal die Leute kennenlernen würden, mit denen sie die ganze Zeit zusammenarbeiten", sagt Jahn. Manche von ihnen sehen sich hier nach Jahren der Zusammenarbeit zum ersten Mal.

In einer Reihe von Vorträgen debattieren die Wikipedianer über die Qualität der Artikel, über technische Neuerungen, aber auch über den Umgangston auf der Seite. "Rassismus und Frauenfeindlichkeit in der deutschen Wikipedia" heißt ein Vortrag, "Achtung kompliziert! Konfliktlösungsansätze sind nie einfach" ein anderer. Denn ist ein Artikel erstmal geschrieben, sind alle Wikipedianer aufgefordert, den Text auf mögliche Fehler und Irrelevanzen abzuklopfen. Soziale Prozesse werden in Gang gesetzt, bei denen es nicht selten zu Konflikten kommt. 622 Bearbeitungen von 227 Autoren hat ein sehr guter Artikel im Schnitt hinter sich. Jede Änderung wird diskutiert, dutzende "Bildschirmkilometer" werden produziert, bei denen auch mal ein Satz wie "Der Türke will es so, er kann nicht anders" fällt.

Was viele Leser nicht merken - Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie sondern auch eine geschlossene Gemeinschaft von Menschen die zum Teil seit Jahren zusammenarbeiten. Für sie ist Wikipedia mehr als eine Internetseite, die ihre Texte veröffentlicht. Auf der deutschen Wikipedia gibt es drei Millionen Seiten, auf denen diskutiert, gestritten, gelobt und geplant wird. Drei Millionen Seiten, auf denen sich die Autorengemeinschaft austauscht und die der Alltagsbenutzer nie zu Gesicht bekommt.

"Das ist so eine Art Parallelwelt", sagt eine Wikipedianerin, auf deren Namensschild Nicola steht, die im analogen Leben aber anders heißt. Als sie vor sechs Jahren anfing zu schreiben, ging es ihr nicht um die Idee eines freien Internets oder das Ideal der frei zugänglichen Information. Nicola war mal Journalistin, wollte über Themen schreiben, die sie interessieren, und fühlte sich wohl in der Gesellschaft der Wikipedianer. Das war zu einer Zeit, als es ihr nicht so gut ging. "Ich konnte nicht vor die Tür gehen und trotzdem war ich nicht alleine", sagt sie. Seitdem schreibt Nicola Artikel für Wikipedia, jeden Tag ein paar Stunden. 2600 sind es inzwischen, die meisten über ihr Lieblingsthema: die Geschichte des Radsports.

Nicola ist eine der wenigen Autorinnen. Obwohl Wikipedia von Männern und Frauen gleichermaßen gelesen wird, sind 90 Prozent der Wikipedianer männlich. Als sie anfing, über den Radsport zu schreiben, hat sich das bemerkbar gemacht. "Bei dem Thema gab es einen Platzhirsch, der mich lange Zeit angefeindet hat." Ihre Artikel seien mit besonderem Argwohn begutachtet worden.

Der mitunter harsche Ton habe sie am Anfang ihrer Wikipedia-Karriere irritiert. "Das erste halbe Jahr habe ich mich immer ganz furchtbar aufgeregt, wenn jemand meine Artikel kritisiert hat", sagt sie. Mit der Zeit werde man aber gelassener; sie interessiere sich nur noch in den ersten Wochen nach der Veröffentlichung dafür, was in ihren Artikeln geändert wird oder bestehen bleibt. Man bekommt ein dickes Fell als Wikipedianer.

Martin Bahmanns Wikipedia-Karriere begann vor neun Jahren mit einem Artikel über das Stadtviertel, in dem er wohnte. "Die meisten schreiben erst mal über das, was sie gelernt haben, über ihre Hobbys oder den Ort, in dem sie leben." Doch nach zwölf Jahren sind die meisten dieser Themen abgearbeitet. "Der Einstieg ist schwieriger geworden", sagt Best, die Autorenzahlen sinken seit einem Jahr. Dabei lohne es sich: Man streite sich, aber nach den eigenen Regeln, man müsse klein anfangen, könne aber - da neigen die Wikipedianer nicht zur Bescheidenheit - an etwas Großem mitwirken. "Wir sind vielleicht das größte Projekt in der Geschichte der Menschheit", sagt Paul.

Zum Interview mit Andreas Paul

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