Wie sicher sind die Zwischenlager?

Atomgegner erwarten eine Klagewelle gegen Atommüll-Zwischenlager in Deutschland. Die Aufhebung der Genehmigung für Brunsbüttel wirft Fragen auf: Wie sicher sind die dezentralen Zwischenlager?

|
Ein Castor-Behälter steht zu Versuchszwecken im Zwischenlager des Kernkraftwerkes in Brunsbüttel. Foto: dpa

Irgendwo müsse das Zeug ja hin, hatte Winfried Kretschmann bei den Verhandlungen über eine erneute Suche nach einem Atommüll-Endlager gesagt. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident hält das Verschieben des Problems auf den Sankt-Nimmerleins-Tag für unverantwortlich. Denn schon jetzt ist klar: Nicht vor dem Jahr 2040 dürften die ersten Castoren endgelagert werden. Bis dahin bleibt der Strahlenmüll in den 13 Zwischenlagern bei den Atomkraftwerken und in zentralen Zwischenlagern wie Gorleben.

Doch um eben diese gibt es jetzt neue Probleme. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Schleswig hat die Genehmigung für das Zwischenlager Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) aufgehoben, weil bei der Genehmigung 2003 der Schutz gegen Terrorangriffe wie durch Flugzeugabstürze nicht ausreichend geprüft worden sei. Unter anderem die Prüfung eines Schutzes gegen einen A 380-Absturz sei zweifelhaft. Zudem sei bei der Folgenabschätzung eines Angriffs mit panzerbrechenden Waffen nur ein älterer Waffentyp aus dem Jahr 1992 berücksichtigt worden.

Im Bundesamt für Strahlenschutz wird betont, inzwischen seien alle Zwischenlager auf einen ausreichenden Schutz gegen einen A 380-Absturz hin überprüft und gegebenenfalls nachgerüstet worden. 2003 hatte es noch keine A 380 gegeben, daher konnte dies seinerzeit nicht berücksichtigt werden. Letztlich könnte die Kieler Atomaufsicht eine neue Genehmigung erteilen. Der bisher dort lagernde Atommüll bleibt erst einmal dort. "Wo soll der Müll denn hin, wir können ihn doch nicht auf die Straße stellen", sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD).

Droht aber nun das Gesetz für eine neue Endlagersuche kurz vor der für kommende Woche geplanten Entscheidung im Bundestag zu scheitern? Schließlich sollen bis zu 14 der 26 aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich und Großbritannien kommenden Castoren nach Brunsbüttel - ob dies weiter möglich ist, muss geklärt werden. Die Behälter sollen nicht ins Zwischenlager Gorleben, um den ergebnisoffenen Charakter der Endlagersuche zu unterstreichen.

Da die Castor-Frage erst bis 2014 geklärt werden soll, gibt es bisher keine Signale von SPD oder Grünen, das Endlagersuchgesetz abzulehnen. Das Urteil unterstreicht jedoch, auf welch tönernen Füßen der von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) ausgehandelte Bund-Länder-Kompromiss beruht. Das Castor-Problem wurde einfach auf die Zeit nach der Wahl vertagt. Da der Müll in Zwischenlagern nur 40 Jahre liegen darf, wächst der Druck, mit dem Prinzip des Taktierens und Verschiebens bei der Endlagersuche zu brechen.

Als Folge des Urteils könnte eine Klagewelle drohen. "Baugleiche Hallen vom Typ Steag stehen auch bei den Atommeilern Brokdorf, Krümmel, Grohnde, Unterweser und Lingen", sagt Wolfgang Ehmke von der Anti-Gorleben-Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Die Erfolgsaussichten sind allerdings eher gering. Denn es ist das erste Urteil mit einem solchen Erfolg. Womöglich hätte das Gericht anders geurteilt, wenn es alle Informationen zu den Schutzmaßnahmen kennen würde. Aus Geheimhaltungsgründen seien wichtige Unterlagen von den Behörden nicht vorgelegt worden, kritisierte das Gericht.

Und was gilt für die Zwischenlager in Süddeutschland? Die Hallen verfügen über deutlich geringere Wand- und Deckenstärken als die Lager im Norden. Das "Forum Gemeinsam gegen das Zwischenlager" am Atomkraftwerk Gundremmingen erklärte, die Argumente, die das Gericht in Schleswig überzeugt habe, hätten auch dem bayerischen Verwaltungsgerichtshof vorgelegen. "Die Richter meinten 2006, dass die Sicherheitsdiskussion zu viel Fachwissen erfordere und die Gefahr in sich berge, dass Geheimhaltungswürdiges bekannt werde." Forum-Sprecher Raimund Kamm: "Das Gundremminger Castorlager ist nicht so gebaut, dass es dem Absturz eines Großflugzeugs standhält."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bahnhof Senden: Steg statt Unterführung

Durchbruch: Die Sendener können künftig im Bereich des Bahnhofes die Gleise queren. Statt dem geplanten Tunnel wird eine Überführung gebaut. weiter lesen