Wie lebt es sich in Berlin, der Metropole mit vielen Macken?

3,5 Millionen Menschen leben in Berlin, viele sogar gern. Unsere Hauptstadt-Korrespondenten berichten von mehr oder weniger störenden Besonderheiten dieser Stadt.

|
Der Bär ist ebenso wie das Brandenburger Tor im Hintergrund eines der Wahrzeichen der Bundeshauptstadt.

Berlin ist Start-up-Oase, Drehscheibe der großen und kleinen Politik und Livestyle-Trendsetter. Doch wie lebt es sich in der Hauptstadt? Ein sehr subjektiver Spaziergang durch Ämter, Flughäfen, Telekommunikation, Schule, Kunst und Kuriositäten.

AMT Berlin begrüßt seine Zugezogenen mit einem Paradoxon. Binnen  14 Tagen muss der Wohnsitz angemeldet werden, die Termine in den Bürgerämtern sind aber für mindestens einen Monat ausgebucht. Proaktiv zu sein, bringt auch nichts. Bürgeramt Tempelhof, 23. August 2017: Das Amt sitzt in Form einer mäßig gelaunten Frau am kleinen Schreibtisch und sagt: „Dann sehen wir uns zu einem späteren Zeitpunkt wieder.“ Wie man sich das vorstelle, eine Wohnung eine Woche vor Einzug anmelden? „Stellen Sie sich mal vor, Sie werden heute von einem Auto angefahren und fallen dann ins Koma. Dann ist Ihre Wohnung angemeldet, obwohl Sie gar nicht in Ihrer Wohnung, sondern im Krankenhaus liegen. Und was, wenn Sie dann sterben? Dann haben wir hier den Papier-Salat.“ Nein, da gibt es keine Diskussion: „Machen Sie einen neuen Termin aus.“ In drei Wochen, an der Grenze zu Brandenburg wäre noch was frei.

BER Von dort hat man dann einen guten Blick auf den Klassiker unter den Berliner Katastrophen: den Nicht-Flughafen BER. Ursprünglich hätte der exakt heute vor 1988 Tagen in Betrieb gehen sollen. Doch es regt sich nichts. Mittlerweile wurde der Termin schon so oft verschoben, dass kein Politiker es mehr wagt, einen neuen zu nennen. Sicher ist nur, dass vor 2019 gar nichts geht. Und die Steuerzahler? Ergehen sich in Fatalismus. Ein Viertel glaubt an eine Eröffnung frühestens für das Jahr 2021: ein weiteres Viertel sieht den BER als bleibende Bauruine.

BOOTE  Dabei versagt Berlin nicht nur in der Luft, sondern auch zu Wasser. Erst diese Woche meldete die Wasserschutzpolizei, dass es um ihre 16 Boote nicht zum Besten steht. Im Durchschnitt fallen diese  an 111 Tagen aus – pro Jahr. Zurzeit ist die Anschaffung von zwölf neuen Booten geplant. Doch auch ob das hilft? Der letzte Neuzugang namens „Seeadler“, der 2016 nach 14 Jahren Wartezeit, zur Flotte kam, hatte ein Leck. Die Gewerkschaft der Polizei sprach von einer „herben Enttäuschung“.

BAHN Solche Enttäuschungen kennen Bahn-Kunden nur zu gut: Störung im Betriebsablauf, Zugschaden, Weichenstörung, Polizeieinsatz, defekte Schranken – wer aus dem Umland nach Berlin pendelt, kann darauf wetten, regelmäßig diese Begründungen für Verspätungen und Zugausfälle präsentiert zu bekommen. Die angeblich urdeutsche Tugend Pünktlichkeit ist längst verlorengegangen. Die Störung ist der Normalfall im Berliner Betriebsablauf.

SCHULE Auch in den Schulen geht nichts voran und zwar bei den Investitionen. Wer aber am Diesterweg-Gymnasium im Wedding vorbeifährt, der sieht zudem: Es geht nicht nur ums Geld. Etwas Grundlegendes läuft in der Schulpolitik schief, und das beginnt im Kleinen: Dem Diesterweg-Gymnasium fehlt das „Die“ im Schriftzug an der Außenwand. Warum hängt kein Hausmeister die Buchstaben wieder auf? Keine Zeit, keine Leiter, keinen Bock? Warum unternimmt die Schulleitung nichts? Warum scheint die Schüler, die Eltern, die Lehrer nicht zu interessieren, dass vom Schriftzug der 1909 gegründeten Schule nur das „-sterweg“ übrig ist? Weil an einer Schule an einem sozialen Brennpunkt sowieso alles egal ist? Hoffentlich ist der Unterricht besser als die Außendarstellung.

LASER Dass Berlin viele Denkmäler hat, ist bekannt. So viele, dass man eines einfach ausknipsen kann, sind es dann aber doch nicht. Und doch ist genau das vor fast zwei Jahren in Adlershof  geschehen. Dort hatte ein grüner Laser mehr als zehn  Jahre lang die Nacht erleuchtet und symbolisch die alten mit den neueren Bezirksteilen verbunden. Nicht einmal die Flugsicherung störte sich an dieser Laserinstallation – und doch fiel sie einem Neubau zum Opfer. Quasi über Nacht wuchs das Haus in die Laserstrecke, der Lichtstrahl musste weichen. Allerdings – auch das gibt’s in Berlin –  wurde eine Lösung gefunden. Der Laser wurde einfach neu justiert und konnte schon ein halbes Jahr später wieder angeknipst werden.

TELEFON So lange kann es auch dauern, einen Internet-Anschluss zu bekommen. „Internet habe ich seit drei Monaten in der neuen Wohnung noch immer nicht“, berichtet ein Zugezogener. „Nachdem ich wochenlang auf einen Technikertermin gewartet habe, hat er’s irgendwie verbockt.“ Auch der nächste Termin sei nicht zustande gekommen. Der Neu-Berliner resigniert: „Ich habe die Hoffnung mittlerweile aufgegeben.“ Doch er nimmt’s pragmatisch: In keiner Stadt sei fehlendes Internet so leicht zu verkraften wie in Berlin. Denn mit ihren Reizen entschädige die Stadt meist für ihre Mängel. „Das vergisst man allerdings spätestens, wenn man das nächste Mal in Hundescheiße tritt.“

GÖRLI Die gibt’s auch im Görlitzer Park. Ein nettes Gelände in Kreuzberg. Eigentlich. Denn der „Görli“ hat ein Drogenproblem. Seit 20 Jahren. Tag für Tag stehen oder sitzen Dutzende Dealer überall im Park. Laut Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) wollen die Anwohner nicht, „dass die Menschen einfach vertrieben werden“. Tatsächlich haben Anwohner, Sozialarbeiter und Mitarbeiter des Bezirksamtes ein Jahr lang über die Zukunft des Parks beraten und im Sommer 2016 ein 55-seitiges Papier herausgebracht. Darin steht unter anderem: „Keine Gruppe im Park sollte ausschließlich als Problemverursacher gesehen werden.“ Von Integration der Dealer war die Rede. Rot-Rot-Grün versucht es jetzt mit einem Parkmanager, mit einem Parkrat, mit Parkläufern, mit Freiwilligen der Polizei und mit Ausbildungsangeboten für jugendliche Dealer. Das ist keine Berliner Lösung, sondern eine ganz spezielle Kreuzberger. Denn natürlich sind die Dealer noch da. Und ihre Kunden.

MÜLLER  Und der Bürgermeister? Der kann es nicht mehr hören. Grauenvoller Unsinn, sagt Michael Müller, und wird ironisch: „Das ist schon bitter, wenn man hier aus dem Fenster schaut und lauter Trümmer sieht, zusammenbrechende Gebäude.“ Geschrieben wird das seit Jahren, weiß Müller zu gut, aber wird es dadurch wahrer? Er liest inzwischen nur noch die Überschriften, „Babylon Berlin“, die Texte über den Zustand der Hauptstadt sind doch sowieso immer gleich. Das nervt. So jedenfalls sieht es Michael Müller. Und was sieht er sonst? Natürlich eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit von 8,6 Prozent. Die Behörden? Ja, meint Müller, glaubt denn jemand, die Kürzungsorgie vergangener Jahre, als der Bund und andere Bundesländer Berlin die Pistole auf die Brust setzten, sei spurlos an der Hauptstadt vorübergegangen? 100 000 Planstellen im Öffentlichen Dienst wurden gestrichen. Das räche sich immer noch.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen