Wie junge Menschen um ihre Zukunft kämpfen müssen

Die Jungen sind in der Minderheit, verdienen weniger und bekommen eines Tages wahrscheinlich kaum Rente. Viele Experten sagen: Gerecht ist das nicht.

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Im Sommer 2015 hat Angela Merkel einen Satz geprägt, der nicht „Wir schaffen das!“ lautet. Mit Blick auf die Griechenlandkrise sagte die Bundeskanzlerin: „Man muss auf Sicht fahren.“ Übersetzt bedeutet das: mit kleinen, vorsichtigen Schritten in die nächsten Runden. Es könnte ihr Mantra sein. Das gleiche Sprachbild benutzte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wenig später in Bezug auf das Agieren der Bundesregierung in der Flüchtlingskrise. Das sei deshalb nicht schlecht, denn „die, die auf Sicht fahren, haben der Menschheit sehr viel mehr Gutes ermöglicht“.

Wolfgang Gründinger würde gerne weniger auf Sicht, sondern mit mehr Weitsicht, Perspektive und einem nachhaltigen Konzept fahren. Denn Gründinger, Zukunftslobbyist und Sprecher der Stiftung Generationengerechtigkeit, sieht nicht, dass der jungen Generation in Deutschland zurzeit viel Gutes getan wird. „Jugendlichen wird überhaupt keine Bedeutung beigemessen“, sagt er.

Dabei gibt es eine ganze Latte an Themen, die es im Interesse der jungen Menschen hierzulande zu verhandeln gäbe: Bildung, Sozialleistungen, Armut, Staatsverschuldung und nicht zuletzt die Umweltpolitik. Politische Entscheidungen in diesen Bereichen heute haben weitreichende Auswirkungen auf das Leben der Jungen morgen.

Doch in einer immer älter werdenden Gesellschaft verlieren die jungen Menschen allen öffentlich vorgetragenen Bekundungen zum Trotz an Lobby. Melina Arnold kennt das Gefühl gut. Die 17-Jährige engagiert sich verschiedentlich politisch, ist unter anderem im Ulmer Jugendparlament Vorsitzende. Sie sitzt in Ausschüssen, nimmt an Debatten teil. Ernstgenommen fühlt sie sich mit ihren Anliegen deshalb noch lange nicht immer. Manchmal habe sie das Gefühl, „dass wir nur zu Alibi-Zwecken da sind“. Ihr Gefühl bisweilen: Sie darf sich zwar äußern, aber die Entscheidung ist längst gefallen.

Politik sucht nach Mehrheiten. Und die sind mehr und mehr bei den Älteren zu bekommen. Bei der Bundestagswahl 1980 lag der Anteil der Wahlberechtigten im Alter von 60 Jahren und älter bei 26 Prozent. Bis 2013 stieg er auf 34 Prozent und könnte bis 2030 bei mindestens 43 Prozent liegen, wie das Berlin-Institut in einer Studie zur „Zukunft des Generationenvertrags“ feststellt.

Entsprechend werden deren Interessen bedient, entsprechend gering ist der Wille zu tiefschürfender Veränderung: „Schon heute fließen rund 40 Prozent des gesamten Sozialbudgets in Sozialleistungen für Ältere. In Bildung, also in Kindergärten, Schulen, Hochschulen sowie die Berufsbildung investiert der Staat nicht einmal halb so viel“, schreiben die Autoren der Studie.

Dabei würden sich gerade Investitionen in Bildung in einer Wissensgesellschaft rentieren, sagt Wolfgang Gründinger. Positive wirtschaftliche Effekte durch ein höheres Bildungsniveau hat auch das Berlin-Institut ausgemacht.

Eine Diskrepanz gibt es aber nicht nur bei den Investitionen sondern seit längerem auch bei Gehältern. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat errechnet, dass die Lohnungleichheit zwischen Jung und Alt in den Jahren von 1984 bis 2008 größer geworden ist. Zwar stiegen die Reallöhne der jungen Gutverdiener in diesem Zeitraum um bis zu 20 Prozent. Ältere Gutverdiener aber hatten höhere Zuwächse. Noch eklatanter hat es sich bei den 25- bis 35-jährigen Geringverdienern entwickelt. Inflationsbereinigt verdienten sie rund 20 Prozent weniger als gleichaltrige Geringverdiener Mitte der 1980er.

Verstärken könnte den Druck auf das Portemonnaie der Jungen zudem die Staatsverschuldung: Das Berlin-Institut geht dabei nicht nur von sichtbaren Schulden aus, die 2011 bei 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung lagen (2,1 Billionen Euro).  Vielmehr zieht es auch die versteckten Staatsschulden ins Kalkül, die sich ergeben „aus der zu erwartenden Lücke zwischen künftigen Einnahmen und bereits heute zugesagten Ausgaben des Staates, wenn an der heutigen Politik dauerhaft festgehalten wird.“ Der Wert für diese impliziten Staatsschulden lag im selben Jahr demnach bei 146 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Melina Arnold blickt durchaus skeptisch in die Zukunft: „Natürlich macht man sich Gedanken.“ Und natürlich möchte sie, dass ihre Generation mehr Gewicht in politischen Verhandlungen bekommt: „Man muss dafür kämpfen, auch wenn es dauert.“ Eines möchte sie dabei aber nicht: Dass die eine gegen die andere Generation ausgespielt wird. „Ich wünsche mir, dass wir mehr miteinander kommunizieren.“

Was passieren kann, wenn nicht mit allen kommuniziert wird und entsprechend einseitige Entscheidungen getroffen werden, verdeutlicht ein anderer Aspekt, der in der Studie des Berlin-Instituts thematisiert wird: „Wer heute als Rentner in Deutschland lebt, ist materiell meist gut abgesichert.“  Nur 2,7 Prozent der Über-65-Jährigen bezogen 2012 demnach Hartz IV. Von den Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren lebte im Jahr 2011 dagegen mit rund 15 Prozent ein fast sechsmal so hoher Anteil in Familien, die Grundsicherungsleistungen beziehen. Entsprechend ist das Armutsrisiko in den jüngeren Altersgruppen deutlich höher als in den älteren.

Die Gefahr einer sich manifestierenden Ungleichheit zwischen Generationen: Deutschland hängt seine jungen Bürger ab – und vergrätzt von denen noch diejenigen, die sich engagieren wollen. Denn eines hat sich bei zurückliegenden Wahlen – etwa der Bundestagswahl 2013 – gezeigt: Tendenziell gehen die Jungen seltener wählen als die Alten. Heißt: Die Jungen sind nicht nur weniger, sondern machen auch weniger von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Melina Arnold sieht das differenziert: „Wir müssen uns da an die eigene Nase fassen.“ Einerseits. Andererseits hat sie in Gesprächen mit Gleichaltrigen immer wieder gehört, dass die sich von der Politik nicht repräsentiert fühlen. Das verstärkt die Schieflage zusätzlich – und ist gefährlich für Demokratie und Gesellschaft.

Ein weiterer Faktor ist ein globaler: der Naturhaushalt. Felix Finkbeiner hat sich schon als Kind engagiert und die Initiative „Plant for the planet“ ins Leben gerufen. Die hat sich zum Ziel gesetzt, weltweit 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen. Er hält die Frage des Klimawechsels für die entscheidende, auf die künftig alles zurückgehen wird: Abbau nicht oder nur langsam nachwachsender Ressourcen einerseits und Aufbau von Abfällen wie Treibhausgasen oder Rückständen aus Nuklearanlagen werden künftige Generationen auf Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende belasten. Der 18-Jährige sagt: „Es gibt keine billige Energie. Die Kosten kommen immer später.“

Das Berlin-Institut schreibt in seiner Studie: „Je mehr Zeit sich die Politik bei den notwendigen Reformen lässt, desto kleiner werden ihre Handlungsspielräume und umso größer wird die Belastung für künftige Generationen ausfallen.“ Und weil der Druck auf die Politik, schneller und zukunftsorientierter zu handeln, derzeit offenbar nicht reicht, findet Finkbeiner: „Wir müssen eine Jugendbewegung anzetteln.“

Denn: Wenn er an die Zukunft denkt, sei er schon mal optimistischer gewesen, sagt er. Im Jahr 2066 wird Finkbeiner 68 Jahre alt sein. Wenn er Glück hat, ist er dann in Rente, vielleicht muss er noch arbeiten. Die Entscheidungen darüber fallen heute und in den kommenden Jahren: Mit welchen Belastungen werden er, Melina Arnold und ihre Generation leben, die ihnen von den Älteren übergeben werden? Wie wird das ihr Leben im Alter beeinflussen?

„Was gerecht ist, lässt sich nicht definieren, sondern muss von der Gesellschaft stets aufs Neue verhandelt werden“, heißt es in der Studie des Berlin-Instituts. Was also wünscht sich ein junger Mensch wie Felix Finkbeiner für diese Verhandlung von der Politik? Er denkt nach, wägt ab, dann erzählt er von einer Begegnung mit einem Häuptling eines Ureinwohner-Stammes in Nordamerika auf einer seiner Reisen. Der hat ihm erzählt, wie dort seit jeher Entscheidungen getroffen werden: Der Ältestenrat überlegt vor der Verabschiedung zunächst, ob die siebte Generation den Beschluss noch unterstützen würde. Klingt nach Fahren mit Weitsicht.

Interview mit CDU-Bundestagsabgeordnetem Steffen Bilger: Gegen die Älteren geht es nicht
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Bilger ist der oberste Vertreter der jungen Generation in seiner Fraktion. Als solcher habe man es nicht leicht, sagt er. <em>Das Interview finden Sie hier. </em>

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