Was meinen Sie mit „Alte-Säcke-Politik“, Herr Gründinger?

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    „Immer wieder werden die Dinge so entschieden, dass die Folgen für künftige Generationen kaum oder gar nicht bedacht werden“, sagt Wolfgang Gründinger. Foto: 
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    Autor Wolfgang Gründinger mit Redakteurin Antje Berg. Foto: 
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Es ist nicht Wolfgang Gründingers erstes Buch, aber das am meisten beachtete: „Alte-Säcke-Politik – Wie wir unsere Zukunft verspielen“ ist jetzt von der Friedrich-Ebert-Stiftung als „Das politische Buch 2017“ ausgezeichnet worden. Ebenfalls wichtig, erzählt er vor unserem Interview in ­Berlin,  sei ihm das Urteil seiner Mutter, die ihn als Obst- und Gemüseverkäuferin in ­einem Städtchen in der Oberpfalz nach dem Tod des Vaters ­allein großgezogen hat. Obwohl sie kein besonders politischer Mensch sei, habe sie dieses Buch nicht langweilig gefunden – und an einigen Stellen sogar sehr überzeugend.

Herr Gründinger, „Alte-Säcke-Politik“, das klingt nach einer wütenden Abrechnung. Was hat Sie zu diesem Buch angetrieben?

Wolfgang Gründinger: Weniger Wut als vielmehr Frust über den althergebrachten  Politikbetrieb.

Wieso Frust?

Ich bin jetzt 32 Jahre alt und die Hälfte meines Lebens politisch engagiert. Immer wieder werden die Dinge so entschieden, dass die Folgen für künftige Generationen kaum oder gar nicht bedacht werden – ob in der Renten-, der Steuer- oder der Energiepolitik. Gleichzeitig gibt es einen erschreckenden Stillstand.  Probleme wie der demographische Wandel, die soziale Ungleichheit oder die Erderwärmung werden zwar in Sonntagsreden permanent  thematisiert, aber nicht gelöst, sondern systematisch verschleppt.

Was ist  aus Ihrer Sicht die Ursache dafür?

Den meisten Babyboomern und noch Älteren geht es bestens. Kein Wunder, dass sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Als Garantin des Status quo thront über allem Angela Merkel. Der von ihr geführten großen Koalition fehlen die großen Projekte. Ich  bin ja selbst SPD-Mitglied und stoße in meiner Partei mit meinem Anliegen oft genug auf erhebliche ­Widerstände. Das alles beschreibe ich mit der Metapher  „Alte-Säcke-Politik“. Wobei auch junge Leute, wenn sie nichts verändern wollen, durchaus alte Säcke sein ­können.

Sie beklagen eine gewisse Trägheit.

Ja, vor allem die beiden Volksparteien mögen den Wählern nichts mehr zumuten. In meinem Buch schreibe ich: Die alternde Gesellschaft will keine Weckrufe, eher ein Weckglas, in dem die Gegenwart für immer luftdicht verschlossen und eingelagert werden kann.

Verallgemeinern Sie da nicht ziemlich?

Nein, ich spitze zu, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir Jungen werden  kaum noch gehört. Ist ja auch kein Wunder, wenn man sich die Zahlen anschaut.

Konkret?

Deutschland hat eine der ältesten Bevölkerungen der Welt, in wenigen Jahren ist die Hälfte der Bürger 50 Jahre oder älter. Die Mehrheit der Mitglieder in SPD und Union ist jenseits der 60, in den Parlamenten gibt es kaum unter 35-Jährige. Sie sind auf das Wohlwollen der Älteren angewiesen, die die Themen diktieren. Das führt zu einer verzerrten Wahrnehmung.

Was meinen Sie damit?

Nehmen Sie die Fernseh-Talkshows, zu denen ich auch manchmal eingeladen werde. Worum geht es wohl häufiger: Um Alters- oder Kinderarmut? Knapp 3 Prozent der über 65-Jährigen sind auf Grundsicherung angewiesen, aber mehr als
18 Prozent aller unter Dreijährigen müssen von Sozialhilfe leben. Ich will nicht Alt gegen Jung ausspielen, sondern den  Blick auf die Dinge zurechtrücken.

Sie sagen „Die Alten“ und stören sich gleichzeitig daran, wenn auf „Die Jungen“ geschimpft wird. Wie passt das zusammen?

Ob „Die Alten“ oder „Die Jungen“: In beiden Fällen ist das eine unzulässige Verkürzung. Ich beschreibe eine Entwicklung, ohne dass ich einem „Krieg der Generationen“ das Wort reden will.

Halten Sie den trotzdem für absehbar?

Nein, ihn wird es schon deshalb nicht geben, weil die meisten Älteren auch Eltern oder Großeltern sind. Sie meinen es häufig sehr gut mit ihren Kindern und Enkelkindern und unterstützen sie nicht selten auch finanziell. Problematisch wird es nur, wenn wir politisch über Zukunftsthemen diskutieren wollen. Dabei habe ich zwar schon manche Altersweisheit erlebt, aber öfter noch einen gewissen Altersstarrsinn.

Welche Pauschalurteile über „Die Jugend“ ärgern Sie am meisten?

Mich nervt es, wenn es heißt, sie sei unpolitisch, egoistisch, digitalabhängig. Manche Medien mischen da eifrig mit. Man liest von Narzissten, denen jeder Gemeinsinn abhanden gekommen sei, von einer verhätschelten Generation, von superangepassten Studenten und so weiter. Da schwingt viel Verachtung mit.

Auch Unverständnis?

Auf jeden Fall. Manchmal könnte man sogar von einer gewissen Borniertheit sprechen. Nehmen Sie den Hirnforscher Manfred Spitzer: Der meint allen Ern­stes, digitale Medien machen per se dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich – und wirkt mit seiner Kampfschrift „Digitale Demenz“ wie ein alter Mann, der die Welt nicht mehr versteht. Letztlich ist Spitzer der Thilo Sarrazin der Hirnforschung.

Haben Sie den Eindruck, dass die Digitalisierung eine Entfremdung zwischen Jüngeren und Älteren mit sich bringt?

Das trifft sicher nur auf jene zu, die ein Problem damit haben, dass ihnen die Jungen hier voraus sind. Nicht wenige tun sich schwer damit, dass wir ihnen zeigen können, wie es geht. Das kann ja auch in der Arbeitswelt oft von Nutzen sein, in der wir übrigens oft deutlich schlechter als die Älteren gestellt sind.

Zum Beispiel?

Die Lücke beim Einkommen zwischen Jung und Alt ist größer geworden, weil die Einstiegsgehälter in nicht wenigen Berufen abgesenkt worden sind. Hinzukommt, dass junge Menschen heute häufig nur Zeitverträge erhalten, damit kleingehalten werden und nicht wagen, eine Familie zu gründen.

Was schlagen Sie vor?

Wenn es schon Zeitverträge in diesem Ausmaß geben muss, woran ich zweifle, sollten sie wenigstens  gleichmäßig über alle Altersgruppen verteilt sein. Und statt die Einkommen für Berufsanfänger abzusenken, könnte man die Zuwächse im Lauf der Berufsjahre reduzieren. Dazu wiederum müssten in den Gewerkschaften Funktionäre sitzen, die das auch wollen. Aber raten Sie mal, welcher Altersgruppe die in erster Linie angehören.

Wie oft sagt man Ihnen, dass Sie jammern?

Gar nicht so oft. Das Interessante ist, dass mir Ältere häufig sagen: Stimmt alles, gerecht ist das nicht. Etwa, wenn ich darauf hinweise, dass die Jüngeren in den nächsten Jahrzehnten höhere Rentenbeiträge zahlen müssen als die Generationen vor ihnen, dafür aber weniger Rente erhalten, also noch mehr privat vorsorgen müssen. Was ich der Politik vorwerfe, ist, dass sie in dieser Situation aus wahltaktischen Gründen die ältere Generation noch zusätzlich bedient – mit der Rente ab 63, der Mütterrente und so weiter. Wenn ich das thematisiere, werde ich oft übel beschimpft. Mancher droht mir an, er werde mir den Kragen umdrehen.

Warum rebellieren die Jungen nicht?

Es gibt keinen öffentlichen Aufstand, aber ein Aufbegehren, das sich anders artikuliert als über Demonstrationen oder Trillerpfeifen. Zum Beispiel haben junge Leute oft andere Werte, sind weltoffener, toleranter, kosmopolitischer und leben danach. Sie konsumieren anders als ihre Eltern, ernähren sich anders, fordern eine andere Arbeitskultur ein, weil sie eben nicht mehr den Planeten plündern oder ein Leben führen wollen, das in erster Linie aus Arbeit und Konsum besteht. Richtig ist, und das kritisiere ich auch, dass dieses Aufbegehren nicht organisiert ist – und deshalb oft nicht sicht- und spürbar.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Es muss endlich Schluss sein mit der privilegierten Behandlung der älteren Generationen. Deshalb brauchen wir beispielsweise einen Generationen-Soli.

Wie soll der aussehen?

Wir müssen mehr Geld in die Zukunft investieren. Schauen Sie sich an, was in dieser Republik an wen vererbt wird. Die Wohlhabenden unter den  80- bis 90-Jährigen geben ihr Vermögen an 55- bis 65-Jährige weiter, die für diese Erbschaft nichts geleistet haben. Gleichzeitig fehlt das Geld für kostenlose Kitas inklusive einer angemessenen Familienförderung, für Bildung und eine moderne digitale Infrastruktur. Von all dem hängt unsere Zukunft ab. In kaum einem anderen Land ist die Erbschaftssteuer derart niedrig wie in Deutschland. Das muss sich ändern ebenso wie die schon beschriebene Benachteiligung junger Menschen in der Arbeitswelt.

Dabei sind Sie aber letztlich auf die Solidarität der Älteren angewiesen.

Ja, und gleichzeitig müssen wir Jungen das immer wieder thematisieren, dürfen uns nicht abfinden  damit, dass wir, nur weil wir zahlenmäßig eine Minderheit sind, ständig das Nachsehen haben. Umso wichtiger ist es, dass wir in Parteien aktiv sind, uns dort für eine Jugendquote bei der Verteilung von Ämtern und Listenplätzen einsetzen. Ich kann der jungen Generation nur immer wieder zurufen: Organisiert euch! Die Chance der politischen Mitwirkung muss aber auch außerhalb der Parteien verbessert werden.

Sie fordern ein Wahlrecht für alle, die es wahrnehmen wollen, unabhängig vom Alter.

Natürlich kenne ich all die Einwände dagegen: Die Jugend ist zu wenig informiert, zu leicht beeinflussbar, zu unreif. Aber mal ehrlich, viele Erwachsene sind das auch, und niemand kommt auf die Idee, ihre Wahltauglichkeit zu überprüfen. Weder gibt es einen Wissenstest, bevor man wählt, noch wird irgendeine Form persönlicher Reife überprüft. Mehr noch: Unter den 62 Millionen Wahlberechtigten sind auch gar nicht wenige der über eine Million Demenzkranken in Deutschland. Im Jahr 2050 werden es vier Millionen Demenzkranke sein. Und da will man 15-Jährige, die das Wahlrecht wollen, nach Hause schicken?

Aber dieses Wahlrecht für Jugendliche könnte nur ein kleiner Beitrag zu mehr Generationengerechtigkeit sein.

Mindestens so wichtig ist eine ernstzunehmende Zukunftskommission im politischen Betrieb, die auch ein Recht zu Gesetzesinitiativen haben müsste. Ich denke an ein Gremium, das zur Hälfte mit Abgeordneten und zur anderen Hälfte mit jungen Vertretern aus Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft besetzt ist und jedes neue Gesetzesvorhaben öffentlichkeitswirksam bewertet. Die Wahrnehmung der Rechte zukünftiger Generationen muss endlich eine andere ­werden. Sonst gilt noch in 100 Jahren, was Altbundespräsident Richard von Weizsäcker  so klug als eine Vernachlässigung der Zukunft durch eine Verherrlichung der Gegenwart beschrieben hat.

Als Zukunftslobbyist bezeichnet sich Wolfgang Gründinger, der  1984 im bayerischen
Tirschenreuth geboren worden ist. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie, seine Doktorarbeit schrieb Gründinger über den Einfluss von Interessensgruppen bei der Energiewende.
Er ist Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, Mitglied im Think Tank 30, der jungen Denkfabrik des Club of Rome, und leitet das Forum Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft.

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