Warum können sich Horst Seehofer und Markus Söder nicht ausstehen?

Es könnte so schön sein: Hier der Parteichef, da sein talentierter Nachfolger, vereint als Ziehvater-Kronprinz-Gespann. Stattdessen bekriegen sich Söder und Seehofer.

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Auf Parteitagen sitzen sie dicht beieinander und schaffen es trotzdem, sich zu meiden: CSU-Chef Horst Seehofer und Bayerns Finanzminister Markus Söder.  Foto: 

Es gibt einen stillen, aber großen Wunsch vieler CSU-Anhänger: Dass die beiden an einem Strang ziehen, sich vertragen, dass sie nicht gegen-, sondern miteinander Politik machen. „Zusammen wären die ein unschlagbares Team“, sagt ein christsozialer Abgeordneter des bayerischen Landtags, der weder der einen noch der anderen Seite zugehörig sein will. Doch sie piesacken und beharken sich, wo es nur geht, und das schon seit vielen Jahren.

Horst Seehofer und Markus Söder sind die beiden bedeutendsten Personen in der CSU. Ihr „zerrüttetes Verhältnis“, wie es immer wieder heißt, ihre offene Feindschaft ist mittlerweile legendär. Anfang kommender Woche will sich Horst Seehofer endlich, nach vielen Verschiebungen und Verzögerungen, über seine politische Zukunft erklären. Ob er weitermacht, was er weitermacht – als CSU-Chef, als bayerischer Ministerpräsident. Und dabei muss dann auch, zumindest ein Stück weit, entschieden werden, wie es mit Markus Söder weitergeht. Jenem Mann, der Seehofer schon seit vielen Jahren im Nacken sitzt und die Macht für sich beansprucht.

Warum können die beiden CSU-Größen so gar nicht miteinander? Als erste Erklärung wird für gewöhnlich die „Alphatier“-Theorie bemüht. Politische Formationen werden mit Rudeln im Tierreich verglichen, das Alphatier ist der Anführer. Seehofer und Söder wollen beide Leitbullen oder Silberrücken sein – im Freistaat, in der Partei – und zwei sind bekanntlich einer zu viel. Aber nein, mit diesem zoologischen Ansatz ist nichts erklärt über die Beziehungskiste zwischen dem 68-jährigen Ingolstädter und dem 50-jährigen Nürnberger.

In ihren politischen Werdegängen hatten sie lange Zeit kaum etwas miteinander zu tun. Seehofer war 28 Jahre lang Bundestagsabgeordneter in Bonn und Berlin, Minister, ausgewiesener Sozial- und Gesundheitspolitiker. Söder hat den Freistaat nie verlassen, sein Leben besteht aus der CSU: Junge Union, Land­tagsabgeordneter mit 27 Jahren, Generalsekretär, Minister verschiedener Ressorts, seit vier Jahren steht er dem Finanzministerium vor.

Seehofer hält Söder für narzisstisch und in höchstem Maße intrigant, für unfähig, die Nummer eins in der CSU zu sein. Er maßregelt ihn öffentlich, wo er kann. „Wer jeden Tag einen Förderbescheid überreicht“, sagte er einmal, „der ist noch lange kein Stratege.“ Will der Seehofer den Söder einfach fernhalten, weil ihm dieser Typ und seine Anmaßungen so unangenehm sind? Weil er es einfach verbieten möchte, dass einer, irgendeiner, nach seinen Ämtern greift? Nicht unbedingt. Seehofer weiß, dass Söder ein Hitzkopf ist, ohne jede bundespolitische Beschlagenheit. In Berlin nimmt ihn kaum einer ernst. Er steht noch weiter rechts als Seehofer, wollte mal das Grundrecht auf Asyl streichen, posaunt das Nationale immer wieder unangenehm schrill und unreflektiert hinaus.

Vielleicht macht er sich wirklich Sorgen

Es kann gut sein, dass Seehofer sich tatsächlich um seine CSU sorgt, dass er ihre Erfolge und damit ihre Existenz in Gefahr sieht. Er bremst Söder mit allen Mitteln aus, vielleicht, weil er befürchtet, dass dieser die Partei an die Wand fährt und als Parteichef in Berlin die komplexe Klaviatur aus Hartnäckigkeit und Balance nicht beherrscht. Dass ihm in Bayern die Antennen fehlen, um in das vielfältige CSU-Gebilde hinein zu hören  und strategisch richtig zu entscheiden. In dieser Logik bliebe Seehofer keine andere Wahl, als Söder zu blockieren. Oder andere ins Rennen zu schicken. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hat schon angekündigt, für den Posten des Ministerpräsidenten antreten zu wollen. Nun hat sich auch Innenminister Joachim Herrmann bereit erklärt.

Der wiederum verbietet es sich, über Seehofer herzuziehen. Wahrscheinlich hat er gar nichts gegen ihn, außer dass er seiner Karriereplanung im Weg steht. Söder sagte in der jüngsten Fraktions-Sitzung, in der es eigentlich um irgendeine Form der Teil-Ablösung Seehofers gehen sollte, dass er zur Zusammenarbeit, zum Kompromiss bereit sei. „Ja“, sagt der Landtagsabgeordnete, „wenn er Ministerpräsident wird, dann schon.“

Dabei hätte es so schön sein können für die beiden: der politische Ziehvater auf der einen und der Kronprinz auf der anderen Seite. Einander zugewandt, vertraut, jeder wäre sich seiner Rolle bewusst und der Verantwortung. Doch wahrscheinlich ist es so, dass Seehofer der Gedanke fremd ist, sich einen Kronprinzen zu ziehen. Er ist ein Einzelkämpfer, der mit wechselnden Mehrheiten arbeitet, mit Beziehungen auf Zeit. Es bereitet ihm diebisches Vergnügen, zu sehen, wie sich sein jüngeres Umfeld abstrampelt, um es ihm recht zu machen. Alexander Dobrindt etwa oder Andreas Scheuer, dessen Nachfolger als CSU-Generalsekretär. Seehofer zauberte einen Karl-Theodor zu Guttenberg hervor, um über ihn nach seinem Abgang als „Glühwürmchen“ zu lästern.

2008, nach der verpatzten Landtagswahl des Unglücks-Duos Beckstein-Huber, hat Söder in Seehofer vor allem einen Zugezogenen, einen Eindringling gesehen. Der kam aus Berlin und wurde in München plötzlich Parteivorsitzender und Ministerpräsident. Politisch war Söder dem Vorvorgänger Edmund Stoiber verbunden, der war für ihn eine Art Ziehvater. Und in seinem Ministerbüro hat er eine kleine Statue von Franz Josef Strauß stehen, dem Säulenheiligen.

Söder hat sein ganz eigenes Geflecht in der Partei. Er hat enge Beziehungen, häufig seit gemeinsamen Zeiten in der Jungen Union. Zu Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle besteht ein solches Verhältnis, ebenso zu Albert Füracker, Söders Staatssekretär im Finanzministerium. Mit Parteifreunden auf Augenhöhe aber hat er seine Schwierigkeiten: mit Aigner, Alexander Dobrindt, dem CSU-Vize Manfred Weber, der Ex-Ministerin Christine Haderthauer.

Um ein Verhältnis zueinander haben sich Seehofer und Söder nie bemüht. Dabei verbringen sie ja viel Zeit miteinander, immer dienstags in den Kabinettssitzungen, mittwochs in der Fraktion und im Landtag. Es hat etwas Komisches, wie sie sich etwa auf Parteitagen so konsequent meiden. Bei diesen CSU-Großereignissen sitzen sie nur wenige Meter entfernt – ganz vorne in der Mitte, im Block der Nomenklatura. Jeder plaudert immer wieder mit seinen Leuten, schüttelt Hände, scherzt. Miteinander reden sie nie. Es scheint ein unsichtbarer Abstandshalter eingebaut zu sein.

Es muss die Geschichte erwähnt werden, von der nicht bekannt ist, ob sie und was davon stimmt: der Kampf um den CSU-Parteivorsitz 2007, Erwin Huber gegen Seehofer. Die Bild-Zeitung macht Seehofers Liebesbeziehung zu einer Bundestagsmitarbeiterin und das neu geborene uneheliche Kind öffentlich. Seehofer glaubt, dass Söder  dies dem Boulevardblatt gesteckt hat, um ihm als Kandidaten zu schaden.

„Wir haben die Schnauze voll“

Als Markus Söder kürzlich während der langen Parteivorstandssitzung Fernsehinterviews gab und „es gibt keine Lager“ sagte, da lachten die wartenden Journalisten in der CSU-Zentrale laut auf. Ein Teil der Partei und der Öffentlichkeit sehen ihn als „bad guy“, als üble Type, der man alles zutraut. Doch vielleicht ist gerade das sein Handycap – dass er mit seinem Pokerface, seinem Macho-Blick so wirkt, auch wenn er gar nicht immer so sein will. „Wird er nicht von seinen Gegnern ständig in diese Schublade gesteckt?“, fragt der lagerneutrale Abgeordnete. „Ich habe mit dem Markus noch nie schlechte Erfahrungen gehabt. Er hört zu, er ist verbindlich. Und er lässt es sich sagen, wenn er Mist gebaut hat.“

Dabei kann er durchaus mit Menschen, zumindest wenn er oben steht. Etwa im Bierzelt. „Sind wir mal ehrlich“, sagt er da zu Beginn der Rede: „Uns geht es eigentlich verdammt gut. Vor allem in Bayern.“ In der darauffolgenden halben Stunde ist ein bisschen Kraftprotz dabei, ein bisschen Populist, aber vor allem ein die Bayern umarmender Markus Söder.

In der Schlussphase der episch anmutenden Machtkampf-Saga sind die beiden Männer dabei, die ganze Partei zu zerlegen. Ein oberbayerischer CSU-Kommunalpolitiker sagt: „Das geht so an der Realität vorbei. Wir kleben die Wahlplakate und reden mit den Leuten. Wir haben die Schnauze voll von diesem Mist.“

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