Wahlen: Die Alten greifen nach der Macht

Die Menschen werden älter, das Gewicht zwischen den Generationen verschiebt sich – auch bei Wahlen. Dazu kommt: Viele Jüngere scheuen den Urnengang.

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    Senioren sind auf dem Vormarsch in der Gesellschaft. Das bildet sich auch in den Wahlergebnissen ab. Foto: 
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Erika Scholten war begeistert. Die Bewohnerin des Seniorenheims der Arbeiterwohlfahrt im rheinischen Moers war dabei, als der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in ihrem Wohnheim viele Hände schüttelte und versprach, die Sorgen der älteren Menschen ernstzunehmen. „Er ist herzlich. Er kommt bei den Leuten gut an“, sagte sie nach dem Besuch.

Auftritte in Altersheimen sind für Politiker Pflicht. Bei der Bundestagswahl im September werden 36,1 Prozent der Wahlberechtigten der Generation der ab 60-Jährigen angehören. Jeder zweite Wahlberechtigte ist über 52, die Wähler sind so alt wie nie zuvor.

Frank Stauss, Experte für politische Kampagnen, ist überzeugt, dass der Wahlkampf deshalb so schleppend verläuft: „Wir erleben den ersten Wahlkampf für das vergreisende Deutschland.“ Wichtige Zukunftsthemen spielten keine Rolle. „Das Land ist regelrecht verstopft von Besitzstandswahrern, digitalen Angsthasen, analogen Nostalgikern und rechten Heulsusen“, sagte er „Zeit Online“. „Und die Politik durchbricht den Kreislauf nicht, sondern gibt dem Affen auch noch Zucker.“

Menschen nur mit Rente zu ködern, geht nicht auf

Die zahlenmäßige Übermacht der Älteren könnte die Entwicklung hin zu einer Gerontokratie – der Herrschaft der Älteren – beschleunigen. Entgegen steht dieser Tendenz allerdings, dass viele der Generation 60plus selbst Eltern oder Großeltern sind. Und sie deshalb auch das Wohlergehen ihrer Kinder und Enkel im Blick haben.

Der frühere Landwirt Hans Stauffer (76) steht für viele, wenn er sagt: „Ich würde niemals eine Partei wählen, nur weil sie verspricht, etwas für Rentner zu tun.“ Welche Partei er bevorzugt, verrät er nicht. Aber: „Sie muss die Probleme der gesamten Gesellschaft im Blick haben.“

Die Politikwissenschaftlerin Bettina Munimus sagt, eine solche Einstellung sei die Regel. Zwar wachse der Anteil der Rentner an der Wahlbevölkerung. „Trotzdem geht das Kalkül, die Menschen mit mehr Rente zu ködern, nicht auf. Die CDU etwa verliert stetig bei der Generation 60plus.“ Den wichtigsten Grund dafür sieht sie in der heterogenen Struktur der älteren Wählerschaft. Bloß weil jemand älter sei, wähle er nicht automatisch bürgerlich-konservativ. „Außerdem sind die Älteren nicht völlig egoistisch. Empathie für die Jüngeren ist da.“

Dass Jüngere zudem an politischer Macht verlieren, liegt aber auch daran, dass sie in geringerem Maße wählen gehen als die Älteren. Bei der Bundestagswahl 2013 gaben nur 64,3 Prozent der unter 40-Jährigen ihre Stimme ab, bei den ab 60-Jährigen waren es hingegen 76,3 Prozent.

Beispiel Brexit

Die Generation 60plus könnte dagegen schon bald sogar zahlenmäßig die absolute Mehrheit stellen. Drei Trends treiben den demografischen Wandel an. Zum einen werden vergleichsweise wenige Kinder geboren. Zum andern rücken die geburtenstarken Jahrgänge – 1955 bis 1969 – in der Alterspyramide nach oben. Ein weiterer Grund: Die Deutschen leben immer länger; lag das durchschnittliche Sterbealter 1990 bei etwa 75 Jahren, so sind es heute nach Angaben des deutschen Versicherer-Verbands 81 Jahre.

Ein dramatisches Beispiel für das Versagen der Jüngeren bei einem Urnengang ist der Brexit. Wären die überwiegend EU-freundlichen jüngeren Briten ähnlich zuverlässig zur Abstimmung  gegangen wie die Älteren, hätte es wohl keine Mehrheit für einen Austritt Großbritanniens aus der EU gegeben.

Familienwahlrecht die Lösung?

Wer kann sagen, ob sich solche Situationen in Zukunft nicht häufen werden? Der staatliche Zuschuss zur Rente  wird bis 2020 über die Marke von jährlich 100 Milliarden Euro steigen. „Nicht nur bei der Rente, auch bei der Pflege werden die Leistungen derzeit ausgeweitet“, beklagt der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens ­Fuest. „Die Versuchung für Politiker ist groß, Wahlgeschenke zu verteilen, denn die Kosten fallen vor allem in der Zukunft an.“

Um einer Entwicklung hin zu einer möglichen Gerontokratie jeglichen Boden zu entziehen, macht der CDU-Politiker Jens Spahn (37) einen radikalen Vorschlag. Er plädiert für ein Familienwahlrecht, bei dem Eltern stellvertretend für ihre noch nicht wahlberechtigten Kinder das Wahlrecht ausüben. Seine Begründung: „Wenn Familien mehr Stimmen haben, bekommen ihre Themen auch mehr Gewicht in der politischen Debatte.“

Union: Das Versprechen: „Wir werden das Kindergeld um 25 Euro je Kind erhöhen.“ Für Rentner sind die Aussagen weniger klar. Der Verweis auf die Möglichkeit, im Alter länger arbeiten zu können, ist die konkreteste Angabe.

SPD: „Die Kita­-Gebühren schaffen wir schrittweise ab“, ist ein zentraler Punkt. Bedürftigen Rentnern wird eine „Solidarrente“ versprochen, zehn Prozent über der Grundsicherung.

Grüne: „Familienbudget“ in Höhe von zwölf Milliarden Euro. Das Rentenniveau soll stabilisiert werden.

Linke: 328 Euro Kindergeld und gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni. Rentenniveau auf 53 Prozent (derzeit 48 Prozent) erhöhen.

FDP: Binnen fünf Jahren pro Schüler zusätzlich 1000 Euro für Technik und Modernisierung. Rentner ab 60 entscheiden selbst, wann sie gehen.

AfD: Familien steuerlich entlasten. In die Rente sollen mehr Mittel aus dem Bundeshaushalt fließen. mg

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