Wähler werden immer unberechenbarer

Kaum einmal lagen die Demoskopen so daneben wie vor der Niedersachsenwahl. Die Wähler sind immer beweglicher geworden. Auf mehr als zehn Prozent Stammwähler kann sich keine Partei mehr verlassen.

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Nach den Erfahrungen mit der Niedersachsen-Wahl: Wie zuverlässig sind Umfragen heute noch?
WOLFGANG GIBOWSKI: Umfragen messen das, was zum Zeitpunkt der Umfragen zu messen ist. Politische Umfragen haben aber heute nur noch eine Halbwertzeit von allenfalls ein paar Tagen, die Ergebnisse von Umfragen zu ethischen Werten oder zu Grundsatzentscheidungen wie der Abtreibung, der Pille danach oder der Sterbehilfe sind länger gültig, sicher einige Monate, manchmal auch länger. Wenn solche Werte allerdings in den Medien intensiv und kontrovers diskutiert werden, können sich die Meinungen dazu auch schneller verändern.

Woran liegt die kurze Halbwertzeit von Umfragen zum Wahlverhalten?
GIBOWSKI: Die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte haben vieles verändert. Die Menschen sind nicht nur räumlich mobiler geworden, sondern auch sozial und kulturell, als Folge der gestiegenen formalen Bildung. Dadurch sind die zuvor stabilen strukturellen Beziehungen zwischen den Parteien und bestimmten gesellschaftlichen Gruppen aufgebrochen worden. Dies führt zu tiefgreifenden Veränderungen von Einstellungen und Präferenzen der Bürger.

Die Zahl der Stammwähler schrumpfte?
GIBOWSKI: Ja, im gleichen Moment wuchs der Anteil der potenziellen Wechselwähler. Und diese Veränderungen dauern an. Ich schätze, dass sich die Parteien heute nur noch auf einen Stamm von etwa zehn Prozent ihrer Wähler fest verlassen können. Alle anderen können, beeinflusst durch das aktuelle politische Geschehen, das durch das politische Spitzenpersonal, deren Themen und das mediale Interesse definiert wird mal so, mal so, stimmen, sie entscheiden sich womöglich erst am Wahltag oder in der Wahlkabine. Wir sprechen von der ständig zunehmenden Volatilität des Wahlverhaltens.

Welchen Sinn machen Umfragen zum Wahlverhalten dann überhaupt noch?
GIBOWSKI: Umfragen messen die aktuellen Stimmungen, sind aber keine Prognosen über künftiges Verhalten, das sollte unbedingt klar sein. Für die Parteien sind Umfragen zur Planung ihrer Strategien wichtig, den Medien liefern sie Stoff für das Urteil über Personen, deren Popularität und Fähigkeit ihre politischen Themen auf die Agenda zu bringen.

Sie würden also den Parteien raten, Umfragen bis zum Wahlsonntag in Auftrag zu geben?
GIBOWSKI: Ich erwarte, dass auch die Medien, vor allem die Fernsehsender, bei der Bundestagswahl im Herbst ihre bisherige Position aufgeben, in der Woche vor der Wahl aktuelle Umfragen nicht zu veröffentlichen. Die Ergebnisse der Umfragen in der Woche vor der Wahl werden nämlich gewiss noch dichter am tatsächlichen Wahlergebnis liegen. Für mündige Bürger sind das wichtige Informationen.

Zum Beispiel im Blick auf Leihstimmen?
GIBOWSKI: Die FDP in Niedersachsen ist von lupenreinen CDU-Wählern über die Fünf-Prozent-Hürde gehievt worden. Die haben die FDP und deren Parteivorsitzenden Rösler nicht besser beurteilt als die breite Mehrheit der Wähler. Etwa acht von zehn FDP-Wählern haben sich für die Liberalen entschieden, um die schwarz-gelbe Landesregierung zu retten. Am Ende aber war die Zahl der überzeugten FDP-Wähler zu gering, um insgesamt genügend Stimmen für Schwarz-Gelb zu sammeln.

Offenbar reichte auch die hohe Popularität des CDU-Ministerpräsidenten David McAllister nicht? 
GIBOSWKI: Er lag zwar deutlich vor seinem SPD-Herausforderer, aber es fehlte ihm ein eigenes Thema, ein klares Profil. Die Umfragen vor der Wahl zeigten, dass die Bildungspolitik, insbesondere die Abschaffung der Studiengebühren, ein solches Thema hätten sein können.

Auch die Bundeskanzlerin liegt in den persönlichen Sympathiewerten weit vor den Zustimmungsraten für die Union. Ist das für Angela Merkel mehr als die halbe Miete für den Herbst?
GIBOWSKI: Die Parteien müssen besonders die Wechselwähler im Auge haben, und für die sind Spitzenkandidaten wichtiger als Parteiprogramme. Es zählt vor allem, wie sympathisch Personen im Fernsehen wirken und wie authentisch sie ihre Themen repräsentieren. Das spricht eindeutig für Angela Merkel, daher rührt ihre Popularität, die viel größer ist als die Zustimmung zu ihrer Partei. Bei Helmut Kohl war es umgekehrt.

Und Peer Steinbrück?
GIBOWSKI: Dessen Wirkung auf den TV-Zuschauer ist nicht annähernd so positiv wie bei Frau Merkel. Hinzu kommt, dass Steinbrück die Botschaften, die ihm von seiner Partei aufgedrängt werden, nicht authentisch vermitteln kann. Da gibt es eine Differenz zwischen seinem persönlichen Image und den SPD-Positionen. Das merken die Wähler.         

Info:
Wolfgang Gibowski (70) ist Mitgründer der Forschungsgruppe Wahlen, langjähriger wissenschaftlicher Leiter der ZDF-Wahlforschung, Lehrbeauftragter an der Uni Potsdam.

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Kommentare

13.02.2013 10:51 Uhr

So !, so !! das merken die Wähler !!?!,

*dass Steinbrück die Botschaften, die ihm von seiner Partei aufgedrängt werden, nicht authentisch vermitteln kann. Da gibt es eine Differenz zwischen seinem persönlichen Image und den SPD-Positionen. Das merken die Wähler. *

Sind die Wähler mitunter doch nicht so doof !??, wie sie manche gern hätten !!???

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Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Immanuel Kant

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