Vorstoß für Rente mit 70

Wegen des Fachkräftemangels freiwillig mit 70 in Rente - das schlägt die Bundesagentur für Arbeit vor. Die Idee stößt auf Zuspruch und heftige Kritik. Mit einem Kommentar von Tanja Wolter.

|

Manche sehnen das Ende ihres Berufslebens herbei. Andere würden gerne noch ein paar Jahre länger arbeiten. Auf sie setzt Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise, wenn es um das Schließen der Fachkräftelücke geht. Es müsse zusätzliche Anreize geben, um eine Beschäftigung über das gesetzliche Rentenalter hinaus attraktiver zu machen, fordert er. "Flexible Ausstiege aus dem Erwerbsleben in Rente sind grundsätzlich ein gutes Modell", sagte Weise.

Laut Bundesagentur gingen Ende Juni 2014 knapp 173.000 Ältere zwischen 65 und 74 Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. In der Altersgruppe von 65 bis 69 waren es 130.000.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) setzt im Kampf gegen den Fachkräftemangel nicht allein auf ältere Arbeitnehmer. "Wir müssen auch die Arbeitsmarktchancen für Frauen, An- und Ungelernte sowie Menschen mit Behinderung weiter verbessen", sagte er. Laut einer Studie müssten in 139 Berufen, bei denen schwer Fachkräfte zu bekommen sind, in den nächsten 15 Jahren mehr als zwei Millionen Beschäftigte ersetzt werden.

Auf Kritik stößt Weises Vorstoß bei den Gewerkschaften. DGB-Vize Annelie Buntenbach: "Wer heute einen Job hat, fit ist und länger arbeiten will, dem legt niemand Steine in den Weg. Das Riesenproblem haben aber diejenigen, die es nicht bis 65 - geschweige denn bis 67 - schaffen können, gesund in Lohn und Brot zu bleiben." Für sie müsse die Idee wie Hohn klingen. Von den 60- bis 65-Jährigen sei nach wie vor nur ein Drittel sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, sagt: "Solange Arbeit nicht so gestaltet ist, dass die Menschen das gesetzliche Rentenalter gesund und aufrecht erreichen, sind solche Vorschläge wenig hilfreich."

Auch der Bundesvize der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, winkt ab: "Die Rente mit 70 geht an der Wirklichkeit vorbei." Zudem könnten Arbeitnehmer, die über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus arbeiten, pro Monat 0,5 Prozent mehr Rente bekommen. Auch gebe es die Möglichkeit, diese Arbeitnehmer befristet zu beschäftigen. "Die Arbeitgeber nehmen diese Möglichkeit kaum wahr, rufen aber nach Fachkräften."

Kommentar von Tanja Wolter: Modell im Einzelfall

Wo soll denn die Reise in der Rentenpolitik nun eigentlich hingehen? Kaum zeigen die ersten Zahlen, dass sich die Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren als echter (und ziemlich teurer) Kassenschlager entpuppt, schlägt der Chef der Bundesagentur für Arbeit die Gegenrichtung ein. Die Rente erst mit 70 - freiwillig versteht sich - soll genauso möglich sein und angesichts des drohenden Fachkräftemangels gefördert werden.

Doch bisher fehlt es an entscheidenden Voraussetzungen. Da wäre der finanzielle Anreiz: Hinzuverdienen zur Rente ist erlaubt, aber zusätzliche Rentenpunkte kann der Arbeitende nicht ansammeln - obwohl der Arbeitgeber Rentenbeiträge zahlt. Es fehlt aber auch am erforderlichen Geist. Viele Betriebe stecken noch in den Kinderschuhen, geht es um die Anpassung an eine alternde Arbeitnehmerschaft: Tarifverträge, Arbeitszeiten und Abläufe sind nicht darauf zugeschnitten.

Doch selbst wenn Politik und Gesellschaft diese Punkte anpacken - für die Mehrheit der Beschäftigten ist Arbeit nach wie vor das, was sie immer schon war: Broterwerb. Der Run auf die Rente mit 63 zeigt, dass jede Möglichkeit zum abschlagsfreien Ausstieg genutzt wird. Das umgekehrte Modell mag im Einzelfall erstrebenswert sein. Dass Beinahe-Rentner künftig bei ihren Chefs Schlange stehen, um ihre Verträge zu verlängern, ist indes nicht zu erwarten. Es soll ja tatsächlich auch noch ein Leben nach der Arbeit geben.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen