Von den Chancen spricht kaum noch einer

Fast untergegangen in all den Diskussionen über die Kostenexplosionen: S 21 ist noch immer auch ein Stuttgarter Stadtentwicklungsprojekt.

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Träume aus Lichtaugen und grünen Oasen. So soll das künftige Bahnhofsareal nach einer Animation des Architekturbüros Ingenhoven aussehen. Foto: Ingenhoven

Christoph Ingenhoven heißt der Mann, den die einen verfluchen und die anderen feiern. Ingenhoven, Jahrgang 1960 und der Moderne verpflichtet, ist der Architekt, der Stuttgart 21 in seinen Grundzügen geplant hat. Und dazu gehört neben der Verlegung des Hauptbahnhofs in den Boden auch die Gestaltung der von den Gleisen befreiten Flächen. Das sind an die 100 Hektar, was in etwa der Größe von 120 Sportplätzen entspricht.

Den Stuttgartern ist S 21 anfangs immer als ein bahnbrechendes Vorhaben der Stadtentwicklung schmackhaft gemacht worden. Flächen für Wohnungen, Büros, Einkaufen, für Parks und Freizeiteinrichtungen. Diese Perspektiven sind vom Streit um Sinn oder Unsinn von S 21 und um die Frage, ob der Bahnhof von Paul Bonatz zu erhalten sei, überrollt worden.

Außerhalb der Landeshauptstadt spielte deren Entwicklungsmöglichkeit eh nie eine große Rolle. Doch auch in Stuttgart selber ist dieser Aspekt ein Stück weit ins Abseits geraten. Es droht unterzugehen, dass S 21 jenseits aller diskussionswürdigen Fragen, wie gescheit es verkehrspolitisch ist, wie gigantisch oder wie teuer, eben prinzipiell ein sinnvolles Projekt ist für die in Talkessellage eingezwängte Landeshauptstadt. Bei dieser Betrachtung geht es nicht um die schnelle Anbindung der City an den Flughafen und nicht um die Halbierung der Fahrzeit des ICE auf unter eine halbe Stunde nach Ulm. Es geht um ein in vielen deutschen Großstädten vernachlässigtes Genre: die stadtplanerische Chancen, die sich aus der Rückgewinnung von urbanen Räumen ergeben. Architekt Ingenhoven hat einmal in einem Interview den schlichten Satz gesagt: "Die Gegner wollen erhalten, nicht verändern."

Veränderung aber tut Not im Stuttgarter Zentrum. Wer wollte behaupten, dass der 100 Hektar große Gleisteppich nicht sinnvoller genutzt werden könnte? Etwa für Wohnungen in bester Lage, von denen Bedenkenträger freilich befürchten, sie könnten für die überwiegende Mehrheit der Stuttgarter unbezahlbar werden. Ein Grund, warum von den Chancen, die S 21 bietet, aber ein Kombi-Bahnhof nicht, kaum mehr die Rede ist.

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Kommentare

07.02.2013 01:39 Uhr

möchten Sie hier mit Ihren Kindern leben?

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-veraendert-sich-baustellen-in-stuttgart-das-europaviertel-im-dezember.019a7c9b-6627-449a-852a-96c71f1e7971.html
...

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07.02.2013 01:37 Uhr

Rückgewinnung von urbanen Räumen? So in etwa Herr Thierer?

"(...) Aus mancher Perspektive wirkt der neue Prunkplatz im Herzen Stuttgarts „wie der Hinterhof vom Knast, sehr trist“, urteilt der Christdemokrat Michael Scharpf. „Das ganze Europaviertel ist Beton, da können wir nichts machen“
„Erst wird der Baukörper geplant, dann die Tiefgarage, danach kommt ein bisschen Grün als Petersilie obendrauf“, sagt Kienzle dazu. (...)"

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.s-mitte-ein-eichenhain-aus-16-eschen.0ef3bb4e-285d-4feb-a571-e7b411a4cdc2.html

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06.02.2013 08:32 Uhr

100 Hektar Gleisteppich?

Wieder mal die Mär von dem "100 Hektar große Gleisteppich". Der Kommentator täte gut daran, etwas zu recherchieren, bevor er solche Behauptungen aufstellt, die aus alten Propagandabroschüren für Stuttgart 21 stammen. Der Wegfall des "Gleisteppichs" würde im höchsten Fall 25 Hektar bebaubare Fläche bringen, die übrigen 70 Hektar könnten auch ohne Stuttgart 21 freigeräumt werden bzw. sind teilweise schon bebaut (z.B. das "Europaviertel"). In München, wo es einen vergleichbaren "Gleisteppich" gibt, der ebenfalls die Stadt zerschneidet, sind in den letzten 10 Jahren durch den Wegfall von Bahnanlagen und früher bahnbetrieblich genutzten Flächen entlang der Gleisschneise 170 Hektar städtebauchlich sinnvoll nutzbare Areale erschlossen worden: siehe http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Referat-fuer-Stadtplanung-und-Bauordnung/Projekte/Zentrale-Bahnflaechen.html
und zwar trotz Verzichts auf "München 21".

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