Volle Kraft auf Atomkraft

Japans Regierung schlägt Alarm: Ohne Atomstrom, argumentiert sie, drohten Engpässe in der Energieversorgung. Der Anlauf zur Reaktivierung von Reaktoren stößt ein Jahr nach Fukushima auf Skepsis.

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Will abgeschaltete Meiler weiter nutzen: Regierungschef Noda. Foto: afp

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima ist die zivile Nukleargroßmacht Japan so gut wie atomstromfrei. Gestern schaltete der Tokioter Stromversorger Tepco den Reaktorblock 6 des Kraftwerks Kashiwazaki-Kariwa ab. Am 5. Mai soll der letzte von Japans 54 kommerziellen Atommeilern folgen.

Japans Atomkraftgegner feiern dies als Etappensieg. "Japan ist damit praktisch atomstromfrei, und kein Einfluss auf den Alltag ist spürbar", jubelt Greenpeace-Sprecher Greg McNevin. Doch es könnte sich um einen Pyrrhussieg handeln. Denn Japans Ministerpräsident Yoshihiko Noda ist aus der Deckung gekommen und hat versprochen, sich höchstpersönlich für die Wiederinbetriebnahme abgeschalteter Meiler einzusetzen. Er wolle "die gesamte Regierung" mobilisieren, um die Anwohner von Atomkraftwerken für eine Wiederinbetriebnahme zu gewinnen.

Die Entscheidungsschlacht wird wohl in der Präfektur Fukui stattfinden, um das AKW Oi, das den Großraum Osaka mit Strom versorgt. Die Blöcke 3 und 4 des Komplexes haben einen "Stresstest" der Nuklearen Sicherheitskommission bestanden. Die Regierung hatte diese Tests als Bedingung für den Neustart der Reaktoren gesetzt.

Sollte es der Regierung gelingen, den Widerstand gegen den Neustart in Fukui zu überwinden, dürften weitere AKW folgen. Scheitern die Wiederinbetriebnahmen, drohen im Sommer Stromengpässe. Vor dem Atomunglück produzierten Reaktoren rund 30 Prozent des japanischen Stroms. Zudem ist der Inselstaat in seiner Stromversorgung auf sich allein gestellt: Es gibt keinen Markt, der lokale Engpässe durch Stromlieferungen aus anderen Ländern ausgleichen könnte. Selbst die nationalen Energieanbieter sind nur dürftig miteinander vernetzt.

Zwar wächst die Zuversicht, dass Japan durch die Einschaltung alter und den Bau neuer Gas-, Kohle- und Ölkraftwerke sowie Energiesparmaßnahmen Produktionseinbrüche in der Industrie verhindern kann. Aber durch die höheren Kosten für fossile Brennstoffe werden die im asiatischen Vergleich ohnehin hohen Strompreise wahrscheinlich um 10 bis 20 Prozent steigen. Dies wird kurzfristig die bereits angeschlagene Wettbewerbsfähigkeit der kriselnden japanischen Industrie mindern. In der Regierung schrillen daher die Alarmglocken.

Ihr politischer Vorstoß ist allerdings äußerst umstritten. Denn zwei amtliche Ausschüsse arbeiten noch daran, die Unfälle von Fukushima zu analysieren. Sollte eine der Kommissionen die Sorge vieler unabhängiger Atomexperten bestätigen, dass schon das Erdbeben und nicht erst, wie Tepco behauptet, der Tsunami schwere Schäden an den Meilern verursacht hat, bricht der Sicherheitsmythos der japanischen Atomlobby in sich zusammen.

Die Bevölkerung ist ohnehin mehrheitlich gegen die Nutzung der Kernkraft. In allen Umfragen befürworten mindestens zwei Drittel der Japaner den Einstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft.

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