Vieles ist nichts als Kaffeesatzleserei

Ob der Mindestlohn Jobs kostet, kann niemand vorhersagen. Davon ist Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), überzeugt. Er hält die Einführung für überfällig.

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Joachim Möller: Jeder Arbeitgeber sollte sich fragen, ob er sich Tricks leisten will und kann.  Foto: 

Herr Professor Möller, die Kanzlerin weist die Kritik der Wirtschaftsweisen zurück: Es sei nicht nachvollziehbar, warum der Mindestlohn zehntausende Jobs kosten solle. Wer hat denn nun Recht?

JOACHIM MÖLLER: Ich wundere mich immer wieder über die präzisen Vorausberechnungen der Stellenverluste durch den Mindestlohn. In Wahrheit kann niemand vorhersagen, was nach dessen Einführung in Deutschland passieren wird - vieles, was jetzt geäußert wird, ist nichts als Kaffeesatzleserei. Unbestritten ist: Der Mindestlohn kostet nur dann Arbeitsplätze, wenn er zu hoch ist. 8,50 Euro halte ich insgesamt für vertretbar.

Auch im Osten der Republik?

MÖLLER: Das Lohnniveau dort ist um ein Viertel niedriger als im Westen. Im Erzgebirge sind 8,50 Euro Mindestlohn etwas ganz anderes als im Raum Stuttgart. Wenn es negative Effekte geben wird, dann vor allem in den östlichen Regionen. Dort wäre ein Mindestlohn von 7,50 Euro klüger gewesen. Politisch aber hätte man eine solche Zweiteilung nicht durchsetzen können. Trotz mancher Unwägbarkeiten bin ich aber der Überzeugung: Es war höchste Zeit für den Mindestlohn.

Warum?

MÖLLER: Seit den 90er Jahren sind immer mehr Arbeitgeber aus dem Tarifsystem ausgestiegen. Zugleich ist die Zahl der Beschäftigten, die zu niedrigen, teilweise sehr niedrigen Löhnen arbeiten, substanziell angewachsen. Das kann man positiv sehen, da Menschen einen Job fanden, die sonst arbeitslos geblieben wären. Aus meiner Sicht ist die Lohnungleichheit aber zu stark angestiegen. Der Mindestlohn ist daher eine notwendige Korrektur - aller Skepsis und nicht selten auch ideologischen Einwänden zum Trotz.

Sehen Sie in Deutschland Parallelen zu anderen Ländern?

MÖLLER: Als 1999 in Großbritannien der Mindestlohn eingeführt wurde, gab es davor auch eine Riesendebatte um einen angeblichen Verlust von mehr als einer Million Jobs. Inzwischen existiert keine nennenswerte Opposition mehr gegen eine Lohnuntergrenze, weil sich herausgestellt hat, dass die Aufregung unbegründet war. Im übrigen findet man auch hierzulande in der Wirtschaft längst nicht nur Gegner des Mindestlohns. Mancher Handwerksbetrieb etwa hofft, dass so die Billigkonkurrenz ausgeschaltet wird. Wir sollten in Deutschland auf Qualität setzen und nicht auf Wettbewerb über den niedrigsten Lohn.

Was halten Sie von den Mindestlohn-Ausnahmen?

MÖLLER: Im Prinzip sind sie sinnvoll. Ich hätte mir aber für Jugendliche eine Staffelung vorstellen können, wie sie in Großbritannien üblich ist. Dann hätten Jugendliche mit etwas Berufserfahrung ein wenig mehr erhalten als Neulinge.

Es gibt Anzeichen dafür, dass mancher Arbeitgeber tricksen könnte, um den Mindestlohn nicht zahlen zu müssen. Wie bewerten Sie das?

MÖLLER: Hier hilft ebenfalls ein Blick in andere Länder weiter: Auch wenn es solche Fälle gibt, wird der Mindestlohn doch überwiegend eingehalten. Dort, wo unfaires Verhalten bekannt wird, führt das meist zu nachlassendem Einsatz der Mitarbeiter und vor allem auch zu einem erheblichen Imageschaden für das Unternehmen. Dem folgt nicht selten auch materieller Schaden, sodass sich jeder Arbeitgeber fragen sollte, ob er sich Tricks leisten will und kann.

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