Viel Lebensgefühl, wenig ausgefeiltes Programm

Mit dem Einzug in den Saarbrücker Landtag haben die Piraten bewiesen, dass sie mehr sind als ein Großstadtphänomen. Sie dürften einstweilen das deutsche Parteienspektrum erweitern.

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Ein ausgefeiltes Programm haben sie nicht. Auch keinen Vorstand, der eisern eine Richtung vorgibt. Und dennoch etablieren sich die Piraten möglicherweise gerade als feste Größe im politischen Deutschland. Denn nach ihrem Erfolg im Saarland gilt ihr Einzug auch in die Landtage Schleswig-Holsteins (6. Mai) und Nordrhein-Westfalens (13. Mai) nach den Umfragen als wahrscheinlich.

Das gute Abschneiden an der Saar zeigt nach Ansicht des Trendforschers Holm Friebe, dass die Piraten mehr sind als nur ein Großstadtphänomen. "Sie bilden das Lebensgefühl von jungen Menschen ab, in deren Leben das Internet eine zentrale Rolle spielt, und die sich von traditioneller Politik nicht verstanden fühlen", sagte Friebe gestern.

Die Partei komme auch deshalb gut bei jungen Wählern an, weil sie offen und transparent damit umgehe, "nicht wie die Streber der FDP mit 20 schon Politprofi" zu sein. Die Politiker der Piraten zeigten stattdessen, dass sie sich zwar einmischen wollten, aber auch in einem ständigen Lernprozess seien.

Nach Ansicht des Trendforschers punktet die erst 2006 gegründete Partei derzeit noch weniger mit Inhalten als mit ihrer Ausstrahlung. "Die Inhalte der Piraten sind kaum erkennbar jenseits der Internetpolitik", sagte Friebe. Eine Chance für die Piraten, ihren Markenkern auszubauen, sieht Friebe bei liberalen Themen, etwa dem Einsatz für Bürgerrechte und dem Verhältnis von Bürgern und Staat - eine Nische, die einst die FDP besetzt habe.

Die Liberalen müssten sich vor den Piraten fürchten, sagte der Trendforscher. "Wenn sie reifer und professioneller werden, könnten die Piraten im Parteienspektrum eine Lücke besetzen, die die FDP räumen wird", so Friebe.

Vergleichbar sei der Erfolg der Piraten mit dem Phänomen der Grünen in den 80er Jahren. Deren Thema Umweltpolitik sei damals ein ähnlich unterschätztes Politikfeld gewesen wie heute das Internet. "Es war ein Thema, das mit neuen Lebensformen zu tun hatte. Die ersten Bioläden, die ersten WGs - das haben die Älteren nicht verstanden." Ob die Partei einst gar in der Regierung landen könne, sei nicht vorhersehbar. Es hänge auch davon ab, "wie gut es den anderen Parteien gelingt, die Impulse der Piraten aufzunehmen."

In Saarbrücken waren gestern die vier am Sonntag gewählten Piraten-Abgeordneten die Stars, als Vertreter der Parteien vor Journalisten nacheinander zur Wahlnachlese antraten. Was sind das eigentlich für Leute, die Piraten? Auch CDU-Fraktionschef Klaus Meiser staunt über ein "Phänomen", diese Partei sei ihm "noch unbekannt, wir sind neugierig". "Ich kenne die nicht, nicht mal die Personen", bekennt auch Grünen-Matador Hubert Ulrich.

Viel schlauer ist man nach der Landtags-Premiere der Saar-Newcomer auch nicht. Sie zählen nur knapp 400 Mitglieder und begannen erst vor ein paar Wochen, ihre Partei organisieren. Spitzenfrau Jasmin Maurer will Volksbegehren erleichtern. Ihr Kollege Andreas Augustin möchte für die Fraktion Fahrräder und keinen Dienstwagen. Die Schuldenbremse sei einzuhalten, "aber wir wissen noch nicht, wo gespart werden soll", gesteht er. Immer wieder wird "Transparenz" beschworen, die Neuen wollen Fraktionssitzungen ins Internet stellen.

Im Wahlkampf hatte Maurer ihr Lager nebulös als "eher neutral" in der "Mitte" verortet. Die 22-Jährige hat den Piraten vor der Wahl ein attraktiv-unkonventionelles Image verpasst: Taekwondo-Kampfsportlerin, Gothic-Model, auf Twitter firmiert sie als "Nerdinchen" in Anspielung auf die Computerfreaks der "Nerds" und als "SanguisDraconis", als "Drachenblut". Auffallend, dass die Piraten nicht in Saarbrücken, sondern mit neun Prozent in den ländlichen Orten Kirkel und Bexbach am besten abschnitten. Und stattliche 13 Prozent der Arbeiter votierten für die Neuen. Sie scheinen also nicht nur eine Partei junger, urbaner "Nerds" zu sein.

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Kommentare

27.03.2012 06:17 Uhr

Maas leer

Maas hat es wieder und immer öfter vergeigt. Der muss ausgewechselt werden. Vielleicht gibt es ja noch einen Genossen der die spd Ziele umsetzen will, statt auf ein paar Almosen von Karrenbauers Gnaden zu betteln.

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