Vergiftetes Klima

Durch den blutigen Streik in Südafrika hat die Platinmine Lonmin traurige Berühmtheit erlangt. Eine Folge: Der Platin- und der Goldpreis schnellten in die Höhe. Die Situation in der Branche bleibt undurchsichtig.

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Die Bergarbeiter in Südafrika kämpfen gegen die Politik der Minenkonzerne. Und selbst die Gewerkschaften sind zerstritten. Foto: afp

Bis vor kurzem kannten eigentlich nur Rohstoffexperten den Platinförderer Lonmin. Doch seit zwei Wochen hat sein Name weltweit traurige Berühmtheit erlangt: Lonmin ist zum Synonym für den blutigsten Polizeieinsatz in Südafrika seit dem Ende der Apartheid vor 18 Jahren geworden. Vor fast zwei Wochen war auf der Marikana-Mine des Unternehmens ein Arbeitskampf von 3000 Bergleuten um höhere Löhne eskaliert: 34 von ihnen wurden dabei von der Polizei erschossen. Bereits zuvor waren zehn Menschen umgekommen, darunter zwei Polizisten, zwei Wachleute und vier Kumpel.

Die Sorge, der illegale Streik bei Lonmin könne auch auf andere Platinminen und womöglich die Goldbergwerke am Kap übergreifen, hat dem Preis der beiden Edelmetalle zuletzt kräftig Auftrieb verliehen. Denn rund 75 Prozent der weltweiten Platinförderung stammen aus dem Buschfeld, einem Gebiet 100 Kilometer westlich von Johannesburg. Während der Platinpreis seit den blutigen Zusammenstößen in der vergangenen Woche um über 10 Prozent auf 1550 Dollar pro Unze gestiegen ist, kletterte Gold im Zuge der Unruhen auf 1675 Dollar - und damit den höchsten Stand seit drei Monaten. Viel wird nun davon abhängen wie schnell die streikenden Bergleute zur Arbeit zurückkehren.

Am schwersten hat der blutige Streik natürlich Lonmin selbst getroffen. Schon jetzt gilt als sicher, dass der in London notierte Konzern sein Produktionsziel von 750 000 Unzen pro Jahr verfehlen wird. Insgesamt hat der Streik dem Unternehmen einen Produktionsausfall von mindestens 30 000 Unzen beschert. Aus der betroffenen Marikana-Mine stammen 90 Prozent seiner Gesamtförderung. Vieles deutet darauf hin, dass Lonmin nicht nur dieses Jahr, sondern auch 2013 Verluste schreiben wird.

Wie komplex die Gemengelage in der südafrikanischen Platinbranche ist, zeigt der Vorlauf zum Blutbad: Seit kurzem gibt es hier eine erbitterte Rivalität zwischen der alteingesessenen Gewerkschaft NUM, die eine enge Bande zur südafrikanischen Regierung hat, und dem Newcomer der AMCU, der mit radikalen Forderungen und Versprechungen viele Arbeiter auf seine Seite gezogen hat. Bezeichnend für die Komplexität ist, dass ausgerechnet die Bereitschaft des Lonmin-Managements, den am schlechtesten entlohnten Arbeitern freiwillig höhere Löhne zu zahlen, genau das Gegenteil erreichte: Die Offerte führte nicht zu mehr Harmonie, sondern schürte die Erwartungen der Arbeiter, weil viele von ihnen das Angebot als ein Schuldeingeständnis des Managements werteten, bislang zu wenig bezahlt zu haben. Auch die Gewerkschaften fühlten sich hintergangen, weil Lonmin die Lohnerhöhungen außerhalb der etablierten Strukturen aushandeln wollte.

Desaströs war für das Unternehmen zudem, dass von Beginn an weltweit falsche Lohnangaben für seine am schlechtesten bezahlten Arbeiter zirkulierten: Während die streikenden Felsbohrleute behaupteten, monatlich nur 4500 Rand (450 Euro) zu erhalten, liegt der Grundlohn bei etwa 750 Euro. Mit Zulagen und Leistungsboni kommen sie sogar fast durchweg auf etwa 1000 Euro. Viele erhalten vom Unternehmen zudem eine Wohnzulage von 180 Euro, die oft gespart wird. Die meisten leben stattdessen in einem nahe gelegenen Slum.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Arbeiter neben ihren direkten Familien noch weitere Angehörige unterstützen - und kein noch so hoher Lohn dafür reichen würde. Besonders betroffen davon sind die vielen ungelernten Bergarbeiter. Gegenwärtig hat jeder vierte Südafrikaner keinen Job; inoffiziell liegt die Zahl sogar bei über 40 Prozent.

Vergiftet wird das Klima schließlich durch die in Südafrika weit verbreitete klassenkämpferische Rhetorik, die sich zum Teil aus den hohen Gehältern des Managements speist. Auch am Kap und vor allem in Gewerkschaftskreisen wurden die hohen Gehälter und Bonuszahlungen genau registriert, die sich auch das Management vieler Minenkonzerne selbst in der Krise gewährt - während von den Arbeitern Verzicht gefordert wird.

Gerade im Minensektor treffen somit Welten aufeinander: Niemand, der nicht länger unter Tage gearbeitet hat, wird die Psyche eines Bergmanns wirklich verstehen: Die Arbeit in der Dunkelheit ist ein täglicher Kampf in einer extrem rauen Umgebung, die die Männer für harte Arbeitskämpfe stählt. Entsprechend schwer ist es, den Arbeitern die enormen Unterschiede des Lohns zum Management und den Fachkräften zu erklären.

Immerhin deutet derzeit wenig darauf hin, dass die Lage in den südafrikanischen Minen komplett aus dem Ruder laufen wird. Nach Angaben der Bergbaukammer in Johannesburg arbeiteten am Wochenende 95 Prozent der Minenindustrie am Kap normal. Noch beschränken sich die Unruhen auf die für ihre heftigen Arbeitskämpfe bekannte Platinbranche.

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