US-Präsident zerstreut Bedenken und predigt transatlantische Solidarität

Treffen mit Bundespräsident und Bundeskanzlerin, Begegnung mit Schülern und die als "großes Kino" angekündigte Rede am Brandenburger Tor: US-Präsident Barack Obama hetzte gestern durch Berlin.

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Bad in der Menge: Barack Obama gemeinsam mit Schülern des John-F.-Kennedy-Gymnasiums in Zehlendorf. Foto: dpa

Okay, die Siegessäule kennt Barack Obama (51) von seinem fulminanten Auftritt als Präsidentschaftskandidat im Juli 2008 vor 200 000 begeisterten Zuhörern bereits, da muss er nicht noch einmal hin. Doch jetzt steht der mächtigste Mann der Welt vor der schwierigen Aufgabe, deren Kurzbeschreibung lautet: "Berlin in 25 Stunden". Und alle wollen dem US-Präsidenten wenigstens flüchtig die Hand schütteln oder ein paar Worte mit ihm wechseln, die politische Kaste an der Spree sowieso, die diplomatischen Vertreter Amerikas in Deutschland, die Schüler aus der 6. Klasse des Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Gymnasiums auch.

Barack Obama, der begnadete Kommunikator aus Washington, gibt sein Bestes. Erst am Vorabend mit der Präsidentenmaschine Air Force One in Tegel gelandet, kommt er am Mittwoch früh aus den Federn und schaut für gut eine Stunde bei Joachim Gauck (73) herein - der 44. Präsident der Vereinigten Staaten zu Gast beim 11. Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Fast wie einen alten Freund begrüßt der Amerikaner den Hausherrn von Schloss Bellevue mit einer respektvollen Umarmung. Ehrenparade, Eintragung ins Gästebuch, Gedankenaustausch - dann setzt sich die Autokolonne mit 70 Fahrzeugen wieder in Marsch, es geht hinüber ins Kanzleramt.

Zur gleichen Zeit besichtigen Michelle Obama (49) und ihre beiden Töchter Malia (15) und Sasha (12) gemeinsam mit Barack Obamas Halbschwester Auma (53) das Holocaust-Mahnmal und verlieren sich beim Gang zwischen den 2700 grauen Betonstelen. Anschließend sieht das Damenprogramm einen Abstecher zur Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße vor, wo auch der Gatte der Bundeskanzlerin, Professor Joachim Sauer, dazustößt. Die "First Family" hinterlässt rote und gelbe Rosen an der Hinterlandmauer beim ehemaligen DDR-Todesstreifen.

Derweil haben sich Angela Merkel und Barack Obama im Kanzleramt zu ihrem ersten Gespräch an diesem Tag zurückgezogen. Der Präsident kommt zu seiner Duzfreundin mit einem zum blauen Himmel passenden Strahlen und dem inzwischen obligatorischen Wangenkuss. Zwischen den beiden Hauptpersonen dieser Visite herrscht ein Verhältnis entspannter Vertrautheit, ein durchaus "gefühliges Miteinander" ohne übertriebene Harmoniegestik, wie ein erfahrener Beobachter notiert. Was aber nicht bedeutet, dass es außer schönen Bildern nicht auch eine Reihe von politischen Fragen gibt, in denen Merkel und Obama unterschiedliche Akzente setzen, zuweilen sogar anderer Ansicht sind.

Eine Kostprobe davon wird den Journalisten nach dem Treffen in der Pressezone des Kanzleramts serviert. Obama, der auf Deutsch einen "guten Tag" wünscht und sich beeindruckt vom sommerlichen Wetter zeigt, antwortet ungewöhnlich ausführlich auf die Fragen der Korrespondenten. Fast schon etwas nassforsch nimmt er sich das Recht, an einer Stelle das Wort zu ergreifen, das in diesem Moment eigentlich der Gastgeberin zusteht. Dabei wird klar, dass dem Präsidenten sehr viel daran liegt, der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland zu erklären, was es mit der höchst umstrittenen Überwachung des Internet durch den US-Geheimdienst auf sich hat.

Auch Amerika, so erklärt Obama einer aufmerksamen Kanzlerin und ihrem Volk, strebe eine Balance zwischen Sicherheit und Bürgerrechten an. Angela Merkel nimmt das gern zur Kenntnis, will aber "alle Fragen, die noch offen sind, weiter erörtern". Weniger weit auseinander scheinen die beiden Partner bei anderen Themen zu sein - bei Syrien und Afghanistan, beim Drohnenkrieg und bei der Euro-Rettung. Außerdem zerstreut der Präsident Zweifel an der Treue Amerikas gegenüber den bewährten Freunden in Europa. Selbst wenn Asien zunehmend in den Fokus der Amerikaner rücke, bleibe Europa "unser Sicherheitspartner Nr. 1", versichert Obama.

Der Rest des Tages ist für den Präsidenten eine Art Schaulaufen. 4000 Zuschauer schwitzen bei sengender Sonne auf dem Pariser Platz, um eine als "großes Kino" angekündigte Rede Obamas zu verfolgen. Aber der Mann, der bei seinem Auftritt in Berlins Wohnzimmer auf der östlichen Seite des Brandenburger Tores von der Kanzlerin und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit flankiert wird, ist gar nicht erst darauf aus, seinen legendären Vorgänger John F. Kennedy noch zu übertreffen, der am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus die unvergesslichen Worte sprach: "Ich bin ein Berliner."

Obama macht vielmehr seinen Diener vor der Freiheitsliebe der Deutschen und fühlt sich einfach nur wohl - ohne Jacket: "Unter Freunden kann man auch mal informell sein." Und sendet gezielte Botschaften von atomarer Abrüstung, vom Kampf gegen den Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit aus "der Stadt der Hoffnung", die er wenige Stunden später samt Familie und großem Gefolge schon wieder verlässt. Allerdings kulinarisch gestärkt von einem Abendessen im Schloss Charlottenburg, bei dem Sterne-Koch Tim Raue Klassiker der deutschen Küche auftischt: Beelitzer Spargel, Kabeljau mit Schmorgürkchen sowie Königsberger Klopse mit Roter Beete.

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