Unter Verlierern: Für die osteuropäischen Roma wurde die Wende zur Katastrophe

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa verloren die Roma als erste ihre Jobs. Heute ist die Minderheit auf dem Arbeitsmarkt in Rumänien, Bulgarien und Mazedonien so gut wie chancenlos.

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Als die Welt sich plötzlich schneller zu drehen begann, war Elena Costache 34 Jahre alt. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren neun Kindern in einem Häuschen mit vier Zimmern im Bukarester Stadtteil Ferentari. Sie hatte einen festen Job in einer Buchbinderei, wo sie die Versandware verpackte.

Dann kam es Schlag auf Schlag. Die Buchbinderei musste schließen. Auch ihr Mann verlor die Arbeit, trank und wurde zur Last. Nun ist er schon lange tot. "Zwei Jahre lang habe ich mit den Kindern auf der Straße gelebt", erzählt Elena. Dann wies die Stadt ihnen eine Wohnung in Zabrauti zu, einer heruntergekommenen Wohnblocksiedlung. Hier wohnt sie noch immer. Die Gemeinde bezahlt sie dafür, dass sie wöchentlich das Treppenhaus fegt. Haupteinnahmequelle ist ihre geistig behinderte Tochter Angelica, die als einzige noch bei der Mutter lebt. Für sie gibt es 380 Lei im Monat. Das sind 86 Euro.

Solche Geschichten erzählen hier fast alle. Einen Job hat Elena Costache, obwohl sie in ihren vier Jahren Volksschule immerhin lesen und schreiben gelernt hat, nie wieder gefunden. Vor ihrem Wohnblock klopft ein alter Mann gemeinsam mit seinen zwei Enkelinnen den Mörtel von zusammengetragenen Backsteinen. Die Jungen hier sammeln Metall und geben es abends bei der großen Sammelstelle gleich neben der Wohnblocksiedlung ab. Die wenigen, die Arbeit haben, leben indirekt von der Tristesse, die sie umgibt - wie Gheorghe, der mit seinen 64 Jahren von morgens früh bis abends spät für eine städtische Security-Firma den Spielplatz bewacht. Oder die muntere Cristina, die als eine Art Kaufhausdetektivin in einer Apotheke aufpasst, dass von ihren Nachbarn dort niemand etwas mitgehen lässt.

Dass sie Roma sind oder, wie man hier sagt, Tigani, Zigeuner, ist Elena, Cristina und Gheorghe bei ihren vielen Problemen keinen Gedanken wert. Trotzdem hat ihr Schicksal mit ihrer Volkszugehörigkeit zu tun - wenn auch nicht so, wie es die Vereinfacher glauben machen wollen. Rumänien, das Land mit den meisten Roma in Europa, hatte der Diktator Nicolae Ceausescu regiert wie ein Bauer seinen Hof: Es musste schuldenfrei sein, damit ihm niemand reinreden konnte. So mussten seine Produktionsstätten bis zum Flugzeug alles selbst produzieren. Nichts davon war weltmarktfähig. Nach der Wende sank die Zahl der Arbeitsplätze entsprechend auf weniger als die Hälfte. Millionen entlassene Industriearbeiter zogen aus den Städten aufs Land, wo sie vom Staat das Häuschen mit dem Hektar Ackerfläche zurückbekamen, das einst ihren Großeltern gehört hatte. Viele blieben dort und leben noch heute fast ohne Geld, nur vom Ertrag ihrer Parzelle.

Um die zehn Prozent der Bevölkerung gingen bei der Landverteilung leer aus. Nicht weil man sie diskriminieren wollte, sondern weil schon ihre Großeltern keines hatten: Die Roma waren in Rumänien seit dem Mittelalter Sklaven gewesen und durften kein Land besitzen. Bei der Sklavenbefreiung 1855/56 scheiterte die versprochene Landreform am Widerstand der Grundbesitzer - wie wenig später in den Südstaaten der USA. So bekam Rumänien seine Elendsbevölkerung. Noch heute lagern sich die großen Roma-Siedlungen rings um die Klöster, die einst die meisten Sklaven hielten.

In Bulgarien vollzog sich der Zusammenbruch der Industrie langsamer, in Ungarn und der Slowakei blieb er sogar weitgehend aus. Aber auch hier wurden die Roma zu den Verlierern der Wende. Zu kommunistischer Zeit schon hatten sie in der Regel die schlechtesten Jobs, in der Gebäudereinigung oder Abfallentsorgung. Beim großen Umbruch fielen zuerst die einfachen Tätigkeiten weg.

In der Nazi-Zeit waren viele Roma aus Tschechien in entlegene Siedlungen im Wald umgesiedelt worden. Im Sozialismus wurden sie in Werksbussen zur Arbeit gefahren. Nun sitzen sie in ihren Quartiren fest. Die Busse fahren nicht mehr. Wo doch, frisst die Monatskarte für das Kind, das zur weiterführenden Schule in die Stadt gehen soll, mehr als die Hälfte der Sozialhilfe für die ganze Familie.

Als nach dem Jahr 2000 dann auch in Rumänien die Wirtschaft wieder Tritt fasste, tat sie es ohne die Roma. Zehntausende zogen in besondere Quartiere, die an den Rändern den Charakter von Slums annahmen - wie Ferentari in Rumäniens Hauptstadt Bukarest, Stolipinowo im bulgarischen Plowdiw, die Schutka im mazedonischen Skopje.

Elena Costache und ihre Familie hätten damals wie alle Rumänen ihr Häuschen vom Staat für wenig Geld kaufen können, konnte sich aber den Strom nicht leisten. In Zabrauti wurde dann illegal die Leitung angezapft. An Arbeit konnte Elena nicht mehr denken. Die Anforderungen hatten sich seit 1990 vervielfacht. Wer in dieser Zeit arbeitslos war, hatte den Anschluss endgültig verpasst. "Und viele hier stinken auch", sagt Cristina, die Frau mit dem Apotheken-Job. Sie können die Wasserrechnung nicht bezahlen und im Winter ihre Kleider nicht waschen.

Akzeptanz der Roma und Ächtung der Diskriminierung, wie der Westen es predigte, halfen nicht. In Mazedonien, wo sich die Regierung schon in den 1990er Jahren um die Integration der Volksgruppe bemühte, gibt es heute zwar einen Roma-Minister, Quotenplätze an der Uni und in der Polizei sowie Respekt im Alltag, von dem die verhassten "Zigeuner" in reichen Ländern Westeuropas nur träumen können. Aber trotzdem sind 80 Prozent der mazedonischen Roma ohne Arbeit. Wo die Arbeitslosigkeit wie in Mazedonien konstant bei einem Drittel liegt, werden die raren Arbeitsplätze nicht nach Qualifikation vergeben, denn genügend qualifizierte Bewerber stehen immer zur Verfügung. Den Job kriegt dann der Schwager oder die Cousine. Roma aber haben keinen Schwager, der Stellen zu vergeben hätte.

Ja, an den Fall der Mauer kann sie sich erinnern, sagt die 47-jährige Cristina. Das fand sie gut, ergänzt sie und guckt rüber auf die drei Meter hohe, weiß getünchte Mauer vor der Haustür, die die Blocks von Zabrauti vom riesigen Gelände der Altmetall-Sammelstelle trennt und mit ihrer Stacheldrahtrolle oben drauf dem Berliner Vorbild täuschend ähnlich sieht.

Das Armenhaus Europas

Rumänien Nach dem gewaltsamen Sturz des Diktators Nicolae Ceausescu 1989 hat sich die wirtschaftliche Lage Rumäniens nur langsam von der Misswirtschaft im Kommunismus erholt. Als Probleme gelten bis heute mangelnde Rechtssicherheit, schlechte Infrastruktur, unzureichende Sozialsysteme und Korruption. Trotz wirtschaftlicher Fortschritte sind viele Rumänen von Armut bedroht. Die Minderheit der Roma ist besonders von Armut und Ausgrenzung betroffen. Verlässliche Zahlen zu ihrem Bevölkerungsanteil in Rumänien gibt es nicht. 2004 trat das südosteuropäische Land mit seinen rund 22 Millionen Einwohnern der Nato bei, seit 2007 ist es Mitglied der Europäischen Union. dpa

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Kommentare

05.11.2014 08:31 Uhr

Schlechte Recherche!

Der Autor beweist Mängel in der Recherche. Die Arbeitslosigkeit in Makedonien liegt nicht konstant bei einem drittel, vor zehn Jahren lag sie noch bei über 40%, heute sind wir bei ca. 28%. Kein anderer Staat kann in der Zeit der globalen Krise solch einen Rückgang vermelden.
Desweiteren gibt es "nicht zwar einen Roma-Minister", sondern auch Bürgermeister, etc. Der Abgeordnete ist zudem der Parlamentarier mit der längsten Amtsperiode eines Abgeordneten im makedonischen Parlament.
Die Romas verfügen in Makedonien auch über eigene Medien, Unterricht in Muttersprache, in Shutka ist zudem die Sprache der Roma auch als offizielle Amtssprache anerkannt. Ein Umstand der nirgends in Europa zu finden ist. Aber dennoch zieht es der Autor vor hier Halbwahrheiten und nicht vollständige Informationen zu verbreiten. Zudem unterstellt er noch Vetternwirtschaft, aber kein Wort davon das Romas fast keine Schulausbildung haben und somit über keine Qualifikation die von Arbeitgebern gefordert wird.
Aus dem Westen nichts neues würde ich sagen!!!!!!

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