Unheiliges Gezerre im Vatikan

|

Über eine Kluft zwischen dem deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Papst Franziskus war früh spekuliert worden. Würden der als geradlinig bis stur geltende  Dogmatikprofessor Müller, den Papst Benedikt XVI. noch zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen hatte, und der oft spontan agierende Seelsorger-Papst Franziskus miteinander harmonieren? Theologische Differenzen wurden ausgemacht, mehr noch Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur.

Wenn es für diesen Konflikt, der mit der überraschenden Ablösung Müllers endete, noch Bilder bedurft hätte, hätte sie der katholische TV-Nachrichtensender EWTN geliefert. Müller sprach dort im Mai Klartext und fuhr mit jeder kernigen Aussage dem Papst in die Parade. Als „unmöglich“ schloss er die Diakonninenweihe aus – „das wird nicht kommen“. Der Wiederzulassung verheirateter Geschiedener zu den Sakramenten erteilte Müller ebenfalls eine Absage und nahm gleich noch Franziskus in Haftung, weil der Papst als Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi für die Weltkirche unmöglich eine Lehre vertreten könne, die eindeutig gegen die Worte Christi sei.

Es geht auch um Macht

In den großen moraltheologischen Fragen agierten Müller und Franziskus wie Gegenspieler. Während der Papst für mehr Offenheit und eine barmherzige, den Menschen zugewandte Theologie und Kirche warb, versuchte Müller Spielräume zu begrenzen mit dogmatischen Betonblöcken. Wolfgang Beinert, Dogmatikprofessor in Regensburg, bringt im Deutschlandfunk den Konflikt auf folgende Formel: „Müller handelt nach dem Motto: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben. Franziskus jedoch sagt: Wir haben ein Evangelium, und nach dem muss man Leben schenken.“ Der Streit um die inhaltliche Ausrichtung der katholischen Kirche kulminiert in moraltheologischen Fragen. Dabei geht es auch um Einfluss und Macht. Die Forderung nach Reformen prallt bei vielen in der päpstlichen Schaltzentrale wirkungslos ab.

Müller vertrat seine Position mit jener Wucht, die der schwere Zwei-Meter-Mann schon während seiner Bischofszeit in Regensburg an den Tag legte. Der Anspruch, den er in den vergangenen fünf Jahren noch aus dem Amt des obersten Glaubenshüters zog, machten ihn nicht umgänglicher. Müller verstand sich als Korrektiv und Lehrmeister des Papstes – und boxte sich damit den Weg direkt in die Sackgasse.

Die katholische Kirche unter Franziskus verändert sich. Maßgeblich sind nicht nur die  großen Projekte wie die Reform des Finanzwesens oder die Umgestaltung der Kurie, die nur langsam voranschreitet. Auch die eher unauffälligen Verschiebungen zählen. Festmachen lässt sich das am Beispiel der Glaubenskongregation.

Nachfolger ebenfalls konservativ

Papst Franziskus hat sie in Teilen kalt gestellt. Grundlagen für päpstliche Lehrschreiben werden nicht mehr in der Denkfabrik des Vatikans erarbeitet, sondern oft in Argentinien ersonnen. Der Rektor der katholischen Universität von Buenos Aires, Erzbischof Victor  Manuel Fernández, ist eine wichtige Quelle. Er kennt den theologischen Diskurs, aber auch die Wirklichkeit der Menschen in der armen Welt, die die Mehrheit der katholischen Kirche bilden. Für Müller zählte trotz seiner Freundschaft zum Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez vor allem die kirchliche Lehrmeinung. Das jüngste und durchaus bedeutende Schreiben „Amoris laetitia“ wurde ihm kurz vor der Veröffentlichung nur noch zur Kenntnis gegeben.

Müllers Nachfolger, Luis Ladaria Ferrer, ist theologisch nicht unbedingt aus anderem Holz geschnitzt. Der 73-Jährige gilt als gemäßigt konservativ. Doch er ist wie der Papst auch Jesuit und damit in Diskussionsprozesse eingebunden, die außerhalb der Glaubenskongregation geführt werden. Während Müller nachgesagt wird, er wisse schon am Anfang, was am Ende herauskommen müsse, gilt Ladaria als ergebnisoffen, selbst bei Fragen, zu denen er eine dezidierte Meinung hat. Deshalb fiel ihm vermutlich auch der Auftrag zu, bis zum Sommer Grundlagen zum Thema Diakonat der Frau zu sammeln.

Eine Neuausrichtung bedeutet die Trennung von Müller nicht, wohl aber eine Verschiebung. Der Papst markiert Führungsanspruch mit dem für Müller demütigenden Schlussstrich. Auch die offiziell noch vorläufige Beurlaubung des einflussreichen australischen Kardinals George Pell, Finanzchef im Vatikan, der sich in seiner Heimat wegen Vertuschung von und Beteiligung an sexuellem Missbrauch vor Gericht verantworten muss, ist so zu lesen. Franziskus gestaltet um, Theologen der reichen Welt spielen dabei eine immer geringere Rolle.

Mit der Trennung von Müller ist der Einfluss deutscher Theologen in der Kurie und in der päpstlichen Diplomatie weiter geschrumpft. Weitere Zäsuren könnten folgen. Auch die Beauftragung von Erzbischof Georg Gänswein könnte im November enden. Im Gegensatz zur Politik.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Regierungschefin, mit der sich der Papst am häufigsten berät.

Diakonat der Frau: Ein Weiheamt für Frauen schließen viele aus. Papst Franziskus lässt die Frage prüfen.

Pflicht-Zölibat: Die Frage der Ehelosigkeit für Priester gilt offiziell als endgültig beantwortet. Allerdings leisten auch zum Katholizismus konvertierte verheiratete Priester in der Weltkirche ihren Dienst.

Verheiratete Geschiedene: Nach strenger Auslegung sind sie von Sakramenten ausgeschlossen, doch verlangt Franziskus im Schreiben „Amoris laetitia“ Barmherzigkeit in der Seelsorge. Vier Kardinäle forderten ultimativ eine Klarstellung. eth

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Schwörsamstagsspiel: Spatzen schlagen sich wacker gegen den FCA

Der SSV Ulm 1846 Fußball schlug sich eine Woche vor dem Start der Regionalliga in seinem letzten Testspiel gegen Bundesligist FC Augsburg beim 2:3 sehr wacker. weiter lesen