Umstrittener Pilgermarsch empört die Ukrainer

In der Ukraine sorgt ein umstrittener „Friedensmarsch“ von orthodoxen Gläubigen für Unruhe. Die Pilgerfahrt aus zwei Klöstern nach Kiew steht unter Moskauer Patriarchat.

|
Ukrainische Aktivisten und Nationalisten blockieren in der Region um Kiew den „Friedensmarsch“ von orthodoxen Gläubigen.  Foto: 

Es flogen Eier, es flogen Flaschen. Nationalisten skandierten Parolen wie „Koffer, Bahnhof, Russland!“ Wie die Oppositionszeitung Westi berichtete, versuchten Anhänger der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ am Dienstag bei Borispol, eine orthodoxe Pilgerschar auf ihrem Weg nach Kiew aufzuhalten, aber Polizeikräfte drängten sie ab.

Am Abend erreichten schließlich mehrere hundert Gläubige die Vororte von Kiew. Sie waren Anfang Juli in zwei Kolonnen aus den Klostern Swatogorsk und Potschajew aufgebrochen und wollen in der ukrainischen Hauptstadt mehrere Gottesdienste zum Jahrestag der Taufe des Großfürsten Wladimir am 28. Juli 988 feiern. Mit dieser Taufe war die „Kiewer Rus“, das Vorläufer-Reich Russlands und der Ukraine, christlich geworden. Die Pilgerfahrt findet unter dem Motto „Frieden in der Ukraine“ statt. Onufri, Metropolit der ukrainischen Orthodoxen unter Moskauer Patriarchat, hatte erklärt: „Wir müssen Wut und Hass beiseite werfen und uns mit Liebe wappnen“.

 Aber die Prozession stößt in der Ukraine auf wenig Gegenliebe. In Schitomir und Borispol sperrten Protestanten und der Gemeinderat die städtischen Straßen für die Pilger, auf Facebook wurden sie als „Parade der Popen“ verhöhnt. Pünktlich zu ihrem Eintreffen in Kiew verkündete der ukrainische Innenminister Arsen Awakow, man habe auf der Marschroute mehrere Sprengsätze gefunden. Er kündigte an, die Kiewer Straßen für die orthodoxen Pilger sperren zu lassen. „Sicherheit geht vor religiöse Rituale.“ Das Innenministerium teilte mit, man biete den Gläubigen an, in Bussen in die Stadt zu fahren.

 Die Prozession hat den russisch-ukrainischen Propagandakrieg neu angefacht. Russische Medien warnen seit Wochen vor gewaltsamen Attacken ukrainischer Nationalisten auf die Gläubigen. Ukrainische Politiker dagegen befürchten, dass der Bet-Marsch eben solche Gewalttaten provozieren soll.

 „Wir werden dieses Geschmeiss abstechen, verbrennen und erschießen“, zitierte die Moskauer Massenzeitung „Komsomolskaja Prawda“ eine angebliche ukrainische Extremistin. Und die Nachrichtenagentur Ria Nowosti illustrierte mehrere Meldungen zu der Pilgerfahrt mit dem Foto eines ukrainischen Nationalisten, der ein Messer zwischen die Zähne geklemmt hat.

 Dabei erklärte Andrei Belizki, Kommandeur des als rechtsradikal verschrienen Freikorps Asow, er werde alle seine Aktivisten aus dem Stadtzentrum abziehen, um Provokationen zu verhindern. Die Kampforganisition „Rechter Sektor“ kündigte gar an, sie sei zu diesem Zweck bereit, sich am Schutz der Pilger in Kiew zu beteiligen.

 Diese Aufgabe sollen 4500 Polizisten übernehmen. Aber nachdem beide Prozessionen über 1000 Kilometer ohne blutige Zwischenfälle zurückgelegt haben, hoffen Beobachter auf einen glimpflichen Ausgang. „Die Veranstaltung ist eher politisch als religiös“, sagte der Kiewer Politologe Sergei Karasjew unserer Zeitung. „Angeführt wird sie von dem Oppositionsparlamentarier Wadim Nowinski, offenbar will der prorussische ,Oppositionelle Block’ seine Klientel mit der Aktion mobilisieren.“

 Dagegen erklärte Jewstrat Sorja, Sprecher des Kiewer Patriarchats, die Anhänger des Moskauer Patriarchats konterten mit der Prozession einen Antrag des ukrainischen Parlaments an Bartolomäus, den ökomenischen Patriarchen der Welt-Orthodoxie. Das Parlament hatte darin um Autonomie für das Kiewer vom Moskauer Patriarchat gebeten, das jetzt von seinem schwindenden Einfluss in der Ukraine ablenken wolle.

 Nach einer Umfrage des Kiewer Meinungsforschungsinstitut KMIS vom Mai fühlen sich 48,7 Prozent der Ukrainer dem Kiewer Patriarchat zugehörig. Dagegen sehen sich nur 12,3 Prozent dem Moskauer Patriarchat verbunden. Im Jahr 2010 war ihr Anteil noch deutlich höher.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

27.07.2016 22:49 Uhr

Mehrere hundert ??

Wieso sprechen Sie von mehreren hundert? Es waren mehrere 10.000!
Und wieso als Titelbild ein Foto mit Aktivisten vom "Rechten Sektor" (schwarz-rote Fahnen) und nicht ein Bild vom Friedensmarsch?
Objektiver Journalismus geht anders.
MfG

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Auf der Ulmer Bahnhofstraße prallen Welten aufeinander

Bei Regen und Kälte ist nur wenig zu sehen von den unhaltbaren Zuständen, die einige Geschäftsleute auf der Bahnhofstraße beklagen. Doch es gibt sie, auch wenn es derzeit eher entspannt zugeht. weiter lesen