Leitartikel zum Ausgang der US-Wahl: Ein Armutszeugnis

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Peter De Thier  Foto: 

In der Schlussphase des bittersten Wahlkampfs in der US-Geschichte hätte fast niemand geglaubt, dass es Donald Trump gelingen würde, mit einem gewaltigen Paukenschlag einen Paradigmenwechsel in der amerikanischen Politik einzuläuten. Doch den politisch Etablierten, verkörpert in Hillary Clinton, haben desillusionierte Vertreter der Mittelklasse eine schallende Ohrfeige verpasst. Obwohl sich der Arbeitsmarkt erholt hat und die Wirtschaft wächst, hat sich deren wirtschaftliche Situation kaum verbessert. Ohne Alternativen anzubieten, konnte Trump Emotionen entfesseln und eine Begeisterung auslösen, die ihn unerwartet in das mächtigste Amt im Lande katapultiert haben.

Eindeutig überschätzt wurde die Wirkung der afro-amerikanischen wie der Latino-Wähler, die Trump am laufenden Band beleidigt hatte. Unfassbar ist hingegen, dass genügend Frauen, die eine Mehrheit der US-Wähler ausmachen, ihm ungeachtet seiner abschätzigen Äußerungen die Stimme schenkten.

Wie konnte es zu dem sensationellen Ergebnis kommen, an das selbst die glühendsten Anhänger des Kandidaten bis zuletzt nicht glauben wollten? Schließlich verfügte Trump nur über einen Bruchteil des Geldes und der Wahlhelfer, die Clinton eigentlich nur helfen sollten, ihren sicher erscheinenden Vorsprung bis ins Ziel zu retten. Fraglos spielten soziale Medien eine größere  Rolle als jemals zuvor. Dort setze der Kandidat Lügen, Gerüchte und skurrile Spekulationen in die Welt. Ehe seine Gegnerin reagieren konnte, war der Schaden schon angerichtet.

Auch bewirkten seine Hasstiraden das Gegenteil von dem, was politische Beobachter erwartet hatten. Amerikaner wurden nicht abgeschreckt, im Gegenteil. Ein Armutszeugnis, das nachdenklich stimmt, zugleich aber beweist, wie wenig etablierte Politiker über den wahren Gemütszustand der Nation wissen. So oder so ist es ein verblüffendes Ergebnis, das an den Brexit-Schock in Europa erinnert.

Für die weltgrößte Demokratie ist es ein Weckruf. Amerika muss sich nun die Frage stellen, wie die Zukunft unter einem Präsidenten Donald Trump aussehen wird. Schließlich wird er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Barack Obama, der seit zwei Jahren mit republikanischen Mehrheiten in beiden Kammern zu ringen hatte, die Rückendeckung seiner Partei im Kongress haben. Ist damit die Mauer entlang der Grenze zu Mexiko ausgemacht? Kann es sein, dass Abtreibungen demnächst wieder illegal sind? Wird Trump gültige Handelsabkommen aufschnüren und das Nuklearabkommen mit dem Iran aufkündigen? Wird ein Schulterschluss mit Moskau bedeuten, dass die USA sich ebenfalls auf die Seite der syrischen Streitkräfte schlagen?

Niemand weiß, was Trump plant oder wozu er bereit ist. Das macht nicht nur den wichtigsten Partnern, sondern auch vielen Amerikanern Angst. Leid tun kann einem vor allem Obama, der seit acht Jahren unermüdlich für soziale Gerechtigkeit sowie die Integration ethnischer und religiöser Minderheiten kämpft. Werden Trumps Drohgebärden zur Realität, dann könnte Amerika wieder in eine Ära des Rassismus und Ausländerhasses abgleiten.

leitartikel@swp.de

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