Tödliche Ware aus dem Darknet

Waffen aus dem anonymen Darknet tauchen immer öfter bei Straftaten auf. Die Händler zu schnappen, ist schwierig. Einige stehen derzeit vor Gericht.

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Suche in dunklen Kanälen.  Foto: 

Im Internet-Chat stellte der Neonazi, der sich „Sturmsoldat“ nannte, seinem Waffenlieferanten die Gewissensfrage: Ob er denn auch Verrückte oder Amokläufer mit Kriegsgerät beliefern würde? Die Antwort kam prompt: Er verkaufe nicht an Gewalttäter, schrieb der Waffenhändler aus dem Darknet dem neugierigen Kunden treuherzig zurück. Aber: „Das sagt ja niemand vorher.“ Als dem 32-jährigen Angeklagten vor dem Heidelberger Landgericht die von der Polizei gesicherten Chat-Passagen vorgelesen wurden, wurde der schüchterne Waffennarr kleinlaut: Er sei selbst nur Sammler – und habe das Risiko, was mit den Waffen passieren könnte, wohl „ein bisschen verdrängt“. Schon der Verkauf an „Sturmsoldat“ hätte böse ausgehen können: Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen psychisch gestörten Rechtsextremisten, der schon versucht habe, auf einem Fest eine Bombe zu zünden. Derzeit sitzt er in der Psychiatrie.

Welche verheerenden Folgen eine Waffe in den falschen Händen haben kann, hat nun der Amoklauf in München gezeigt: Die Pistole des Fabrikats Glock 17, mit der der 18-jährige David S. am Freitag neun Menschen und sich selbst erschossen hat, stammt laut Ermittlungen der Polizei ebenfalls aus dem anonymen Reich des Darknet. Ob jemals geklärt werden kann, wer sie ihm verkauft hat, ist völlig offen.

Mehrere Prozesse bieten derzeit ein wenig Einblick hinter den Schleier der berüchtigten Online-Schwarzmärkte. Neben dem 32-jährigen Heidelberger muss sich demnächst auch ein 24-jähriger Student aus Magstadt (Kreis Böblingen) vor Gericht verantworten: Er und zwei Komplizen sollen laut Anklage im Darknet ebenfalls Waffen verkauft haben. In einer eigens eingerichteten Werkstatt in Sindelfingen bauten sie Schreckschusspistolen zu scharfen Waffen um und lieferten laut Anklage osteuropäische Sturmgewehre frei Haus. „Eine Verbindung zum Amoklauf von München gibt es nach unserer Kenntnis nicht“, sagt Jan Holzner von der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Dafür fanden die Ermittler Unterlagen einer Sturmgewehr-Lieferung, die kurz vor den Terror-Anschlägen nach Paris gehen sollte – eine Spur zum IS-Terror gebe es aber nicht. Im Februar wurde ein 26-jähriger Mechatronik-Student im bayerischen Schweinfurt zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt; auch er hatte umgebaute Kriegswaffen im Darknet verhökert.

Drogen, Waffen, Falschgeld, Kinderpornos, alles anonym, alles frei Haus – als „Amazon für Kriminelle“ werden die illegalen Schwarzmärkte im Darknet auch bezeichnet. Die Sicherheitsbehörden sehen den Handel im anonymen Internet mit wachsender Sorge. „Ein Problem ist, dass die Einstiegshürde so niedrig ist“, sagt Horst Haug vom baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA). Bereits wenig Computerwissen reicht aus, um sich ins „dunkle“ Netz zu bewegen. „Das kann Leute, die vielleicht sonst nie Straftäter geworden wären, schon verleiten, wenn sie alles einfach von zu Hause aus erledigen können.“ Die Darknet-Händler, die derzeit vor Gericht stehen, sind beredte Beispiele für diese These: Es sind nicht die typischen Kleinkriminellen, sondern Studenten und blasse Computerfreaks. Der unscheinbare 32-jährige aus Heidelberg arbeitete als Optiker und lagerte seine heiße Ware unter anderem bei seiner Oma.

So leicht der Zugang ins Darknet ist, so schwer hat es die Polizei, Kriminellen dort auf die Schliche zu kommen: Jede Transaktion, jeder Klick läuft verschlüsselt ab und ist kaum zum Urheber zurückzuverfolgen. Wer da was anbietet und wem verkauft, in welchem Land oder Kontinent die Verkäufer sitzen: All das liegt hinter einem kaum zu lüftenden Schleier der Anonymität. Das gilt auch für Geldströme: Die Digitalwährung „Bitcoin“ verspricht nicht zurückverfolgbare Transaktionen. Die Software, die bei alldem benutzt wird, ist völlig legal. „Es ist sehr schwierig, im Darknet zu ermitteln“, sagt Haug. Die besten Chancen habe man immer noch in der realen Welt: „Irgendwann muss ja die reale Ware in der physikalischen Welt den Besitzer wechseln“, da könne man eher zugreifen. Dennoch: „Die Polizei widmet sich dem Thema zunehmend“, so Haug. Spezialisten der Kriminalämter seien auch im Darknet unterwegs, auch „verdeckte Ermittler“ werden zum Teil eingesetzt, um Kriminelle mit Scheingeschäften aufs Glatteis zu führen.

IT-Experten warnen vor einer einseitigen Debatte. „Schon der Begriff Darknet ist negativ behaftet“, sagt Dennis Schirrmacher, Sicherheitsexperte bei der Computerzeitschrift „CT“. Dabei sei der Grundgedanke des zugrunde liegenden Tor-Netzwerkes grundsätzlich begrüßenswert: Die Technologie erlaube es Menschen, sich anonym im Netz zu bewegen.  Das könne für politische Aktivisten in repressiven Regimes, in denen das Internet streng überwacht werde, lebenswichtig sein – oder die einzige Chance, an vom Staat ungefilterte Informationen heranzukommen. „Aber wie jede Sache wird auch diese auch von Kriminellen missbraucht“, sagt Schirrmacher. Auf den Online-Schwarzmärkten könne man nahezu alles bekommen, was illegal ist – müsse aber auch stets damit rechnen, von Betrügern übers Ohr gehauen zu werden. Vor staatlichem Zugriff sei das Darknet wegen seiner dezentralen Struktur weitgehend geschützt. Es habe aber in der Vergangenheit auch immer wieder empfindliche Schläge etwa des FBI gegen die illegalen Plattformen gegeben.

 Dass ausgerechnet umgebaute Deko- oder Schreckschusswaffen auf den Plattformen so beliebte Handels-Objekte sind, hat laut Jan Holzner von der Staatsanwaltschaft Stuttgart einen Grund: „Die Gewinnspanne ist für Händler deutlich größer als bei scharfen Waffen, die im Einkauf sehr teuer sind.“ Zudem sind diese Waffen leichter zu bekommen: Deko-Waffen können von jedem ab 18 Jahren gekauft werden, ohne dass eine Erlaubnis vonnöten wäre – ein Sturmgewehr der Marke Kalashnikov etwa ist bei einschlägigen Händlern legal für unter 200 Euro zu haben.

Dabei handelt es sich um ehemals scharfe Pistolen und Gewehre, die eigentlich unschädlich gemacht wurden. Dazu müssen alle wesentlichen Teile unbrauchbar gemacht werden: So wird etwa der Lauf durchbohrt, bewegliche Teile werden verschweißt. „Die Vorschriften sind sehr streng und werden vom Beschussamt überwacht“, sagt ein kundiger Büchsenmacher aus Baden-Württemberg. „Bei einer nach deutschen Regeln behandelten Deko-Waffe ist die Reaktivierung quasi unmöglich.“ Allerdings nehmen es nicht alle Staaten in der EU damit so genau – Deko-Waffen aus dem Ausland seien, das nötige Know-How vorausgesetzt, oft weitaus leichter wieder scharf zu machen. Vor allem Waffen aus der Slowakei sind offenbar bei den Dark- net-Händlern beliebt: So war der Schweinfurter Mechatronik-Student darauf spezialisiert, „Scorpion“-Maschinenpistolen in der Slowakei für den Stückpreis von 200 Euro einzukaufen – nach der Umbearbeitung zur scharfen Waffe verlangte er im Darknet bis zu 2000 Euro pro Stück. Auch die Glock 17 des Münchner Amokläufers David S. trug ein slowakisches Prüfzeichen.

Globalisierung trifft Digitalisierung: Erfahrene Ermittler werten die Prozesse gegen Darknet-Händler „als Tropfen auf dem heißen Stein“. Nach dem Amoklauf von München herrsche in Waffen-Foren im Darknet Schweigen, berichtete ein Freiburger Zollfahnder gestern in Heidelberg. „Die Jungs haben Angst und sind abgetaucht.“ Lange wird das nicht andauern.

Dissidenten, Regimegegner, Kriminelle

Anonym Mit Darknet ist eigentlich das Tor-Netzwerk gemeint. Es ist ein globaler Zusammenschluss von Rechnern, die Daten anonymisiert und verschlüsselt weiterleiten. „Tor“ ist ein Kürzel für „The Onion Router“, weil es Datenpakete hinter mehreren Schichten versteckt – wie bei einer Zwiebel (engl. onion).

 

Zensur Zugang erlangt man nur mit dem Tor-Brow- ser, die Software ist legal erhältlich. Ziel des Projekts war und ist es, anonymen Datenverkehr zu ermöglichen.  Tor wird von Dissidenten und Regimegegnern in China oder dem Iran genutzt. Auch Facebook bietet eine Seite im Tor-Netzwerk an, um Menschen in Ländern mit Internet-Zensur die Nutzung zu ermöglichen. Allerdings wird Tor nachweislich auch für allerlei kriminelle Zwecke genutzt.

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