Todbringende Brise aus Korsika

Um die Ruhe im korsischen Hafenort Bastia ist es geschehen, seit sich dort in den 70er Jahren Kriminelle zur "Brise de mer" zusammengeschlossen haben. Jetzt tobt ein Machtkampf um Einfluss im Verbrechersyndikat.

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Spurensicherung vor der Metzgerei in Ponte Leccia auf Korsika. Dort ist Anfang August der Mafiapate Maurice Costa erschossen worden. Foto: afp

Die Killer haben lange warten müssen, denn Maurice Costa weiß, dass er in Lebensgefahr schwebt. Und er ist vorsichtig. Seinen völlig abgeschirmten Familiensitz in dem korsischen Dorf Moltifa verlässt der 61-Jährige schon seit Monaten fast gar nicht mehr. Aber am 7. August riskiert er es doch, zum Metzger ins nahe Ponte Leccia zu fahren. Als er den Fleischerladen betritt, bremst draußen ein dunkler Geländewagen. Zwei vermummte Männer springen auf die Straße und eröffnen durch das Schaufenster sofort das Feuer. Drei Kugeln treffen Costa tödlich. Der kaltblütige Mord an dem gefürchteten Mafiapaten ist der Höhepunkt einer langen Attentatsserie. Und, so vermuten die Ermittler der Kripo, das Ende der gefürchteten "Brise de mer" (Meeresbrise). Denn Maurice Costa war das letzte bekannte Führungsmitglied dieser legendären kriminellen Vereinigung, die in Frankreich fast 30 Jahre lang für Schrecken sorgte.

Noch bis vor drei Jahren stand die korsische Gangsterbande im Ruf, ihre Finger in den meisten "großen Dingern" zu haben, die auf der "Insel der Schönheit", in Südfrankreich und darüber hinaus gedreht wurden. Wobei der Name "Brise de mer", abgeleitet von einem kleinen Café am alten Hafen von Bastia, erstmals in den 70er Jahren in den Polizeiannalen auftauchte. Eine Handvoll unberechenbarer junger Männer traf sich in dieser Bar, um die ersten kleineren Raubzüge zu planen. Ab den 80er Jahren organisiert die Gang spektakuläre Banküberfälle in Bastia, Toulon oder im Pariser Nobelvorort Neuilly, bevor sie beginnt, die teuersten Nachtklubs in Korsika unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Lebenserwartung der Vorbesitzer, die sich nicht unterordnen oder verkaufen wollen, übersteigt selten zwei Monate. 1990 schließlich gelingt acht mutmaßlichen Mitgliedern der Meeresbrise ein "Jahrhundertcoup": Beim Überfall auf die Genfer UBS-Filiale erbeuten sie 31,4 Millionen Schweizer Franken. Von den verschwundenen 220 Kilo Banknoten fehlt bis jetzt jede Spur.

Mit seiner Skrupellosigkeit errichtet das Banditenkartell im Laufe von 20 Jahren ein Imperium, das von Korsika über die Côte dAzur bis in die französische Hauptstadt reicht - und Milliarden erwirtschaftet. Die "Brise de mer", eng verbandelt mit korsischen Bürgermeistern und Politikern, zieht stets im Hintergrund die Fäden, wenn es um lukrative Immobilien, Ländereien und Ferienvillen geht. Sie überfällt Banken und erpresst Schutzgeld in Hotels und Restaurants. In Paris steigen die Ganoven zu Königen des Zockermilieus auf. Allein das 2011 von der Polizei geschlossene Spielcasino "Cercle Wagram" soll laut Vernehmungsprotokollen jedem der "Brise de mer"-Häupter monatlich bis zu 40 000 Euro eingetragen haben.

Doch auf der Chefetage des Gangstersyndikats werden die Spannungen mit der Zeit immer größer. Ein Machtkampf bricht aus, dem im April 2008 als erstes Gründungsmitglied Richard Casanova zum Opfer fällt. Unbekannte erschießen ihn in Porto Vecchio auf offener Straße. Dringend tatverdächtig ist sein alter Komplize Francis Mariani, der seinerseits im Januar 2009 bei der Explosion eines Hangars in Antisanti ums Leben kommt. Knapp einen Monat später erwischt es Pierre-Marie Santucci in Arena-Vescovato: Eine einzige Kugel, aus größter Entfernung abgefeuert von einem Scharfschützen, trifft ihn in den Kopf. Im November 2009 stirbt mit Francis Guazelli der vorletzte korsische Pate. Gendarmen finden ihn und seinen von 26 Kugeln durchsiebten Pick-up, der auf einer kleinen Straße unweit des Bergdorfs La Porta eine Kurve verfehlte und 25 Meter in die Tiefe stürzte.

Das große Sterben trifft keineswegs allein die Bosse. Erschossen wurden in den vergangenen drei Jahren auf Korsika laut Erkenntnissen der Kripo noch mindestens acht weitere Bandenmitglieder aus der zweiten Reihe.

"Was wir wissen und was wir nachweisen können, sind leider zwei verschiedene Paar Schuhe", heißt es dazu aus Ermittlerkreisen. Bisher nämlich ist kein einziger Auftragsmord, der im Zusammenhang mit der makabren Selbstauflösung der Korsen-Mafia steht, aufgeklärt worden. Auch die Killer von Maurice Costa entkamen unerkannt. Nur ihr ausgebrannter Wagen sowie die verkohlten Tatwaffen fand man wenig später 15 Kilometer von Ponte Leccia entfernt auf einem Feldweg. Und sechs Verdächtige, die am 8. August festgenommen sowie verhört wurden, mussten die Fahnder nach 24 Stunden mangels Beweisen wieder auf freien Fuß setzen.

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